"Wir sind alles andere als fertig"

18.06.2009: Am Donnerstag trafen sich im Berliner Deutschen Historischen Museum der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder, Wolfgang Tiefensee und Rainer Eppelmann, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, mit 15 ehemaligen Bürgerrechtlern und 150 Schülerinnen und Schülern aus Berlin und Brandenburg sowie sieben Jugendlichen des Projektes "Reporter '89" am Runden Tisch, um über die friedliche Revolution und die Erlebnisse des Jahres 1989 zu diskutieren.

Runder Tisch im Schlüterhof des DHM

Sowohl Wolfgang Tiefensee als auch Rainer Eppelmann setzen sich dafür ein, dass Jugendliche mit Eltern und Großeltern über die DDR reden und mit den Akteuren des Jahres 1989 ins Gespräch kommen. "Quetscht sie aus, so lange sie noch da sind", forderte Eppelmann die Schülerinnen und Schüler auf. Wer nur die Demokratie kenne, habe es schwerer, Diktatur zu erkennen. Den Gefährdungen der Demokratie könne nur mit Wissen begegnet werden.

Die Schülerinnen und Schüler hatten deshalb Gelegenheit, mit Wolfgang Tiefensee, Rainer Eppelmann, Michael Cramer, Gilbert Furian, Stephan Hilsberg, Ralf Hirsch, Norbert Leisegang, Heiko Lietz, Ludwig Mehlhorn, Siegfried Reiprich, Ulrike Poppe, Prof. Dr. Dr. hc Richard Schröder, Reinhard Schult und Ulrich Schwarz über die DDR und die Friedliche Revolution zu sprechen. Begleitet wurden sie von sieben Reporterinnen und Reportern, die anhand der Aufzeichnungen und Eindrücke Reportagen verfassen werden.

Tiefensee im Gespräch mit Jugendlichen

Das Interesse der Schülerinnen und Schüler an den Erfahrungen und Einschätzungen der Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler war bemerkenswert. Vielleicht auch, weil es zwar zu den großen Leistungen in der deutschen Geschichte gehört, die Diktatur in der DDR weitestgehend gewaltfrei überwunden zu haben - aber bis es soweit war, hat es 40 Jahre gedauert. "Warum machen die Menschen den Mund nicht auf, wenn sie unterdrückt werden?", fragte beispielsweise eine Schülerin. "Ich glaube, weil sie Angst hatten", antwortete Stephan Hilsberg (MdB). "Angst um ihr Leben, um ihre Kinder. Der Staat hat diese Angst bewusst instrumentalisiert und die Menschen terrorisiert. Es kam darauf an, einen Weg zu finden, das System zu überwinden, ohne mit dem Leben dafür zu bezahlen. Eine wahnsinnig große intellektuelle Herausforderung - die ihre Zeit gebraucht hat."

Stephan Hilsberg, Michael Cramer

Bundesminister Tiefensee stellte gemeinsam mit Rainer Eppelmann fest, dass die deutsche Geschichtsvermittlung in der Schule oft nach dem 8. Mai 1945 aufhöre. "Die Lehrpläne müssen überarbeitet werden", erklärte Tiefensee deshalb. "Wir müssen gewährleisten, dass jeder Schüler, der seinen Abschluss macht, etwas über die deutsch-deutsche Geschichte weiß."

Gemeinsam mit der Bundesstiftung Aufarbeitung ruft der Minister DDR-Bürgerrechtler und Zeitzeugen der Friedlichen Revolution auf, sich zum 9. November 2009 bei ihren ehemaligen Schulen zu melden und dort für Diskussionen zur Verfügung zu stehen.

"Wir sind heute alles andere als fertig", sagte Tiefensee zum Abschluss. "Nehmt all euren Mut zusammen und verbessert die Gesellschaft - das stärkt auch die Demokratie. Courage brauchen wir heute genauso wie damals."

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