"Wer wusste schon, was Demokratie heißt"

21.10.2009: Ein Text über eine Zeit kurz vor der Wende

Es ist nicht leicht. Spaß macht es wenig. Interessant ist es sehr, verwirrend immer. Das Suchen nach offenen Aussagen über die Geschehnisse des Jahres 1989 durch ostdeutsche Zeitzeugen führt zwischenzeitlich zu hilfreichen, hier stark verkürzt festgehaltenen, subjektiven Erkenntnissen.

Platz vor der Leipziger Nikolaikirche

Von Josefine Brauer, 22 Jahre alt, Studentin aus Greifswald

Nummer eins: Menschen, die jetzt Siebzig und älter sind, eben solche, die mindestens einen Krieg sehr bewusst erlebt haben, sehen die DDR-Vergangenheit eher unaufgeregt. Ihnen scheint sie sich als zwar merkwürdige, aber abgeschlossene Phase eines ereignisreichen Lebens darzustellen. Eine von vielen und vor allem nicht die prägendste.

Informationsgewinn hier gibt es nur durch Geduld: Am Ende der Erzählungen eines bewegten Lebens. Nummer zwei: Menschen um die Sechzig, eben solche, die zur Wende bereits gemachte Bürger waren, haben zuweilen das Zeitfenster zu ihrer sozialistischen Vergangenheit beständig auf Kippe. Sie scheuen sich davor zu lüften, sich einen neuen Wind um die Nase wehen zu lassen. Im Zweifelsfall schmeißen sie es einfach zu. Das ist dann so, wenn zynisch betonte Sätze fallen wie: "Ach, und in eurem Deutschland ist es besser? Das hier ist nicht ideologisch? Schau dich doch mal um!" Demokratie als Ideologie, keine gemeinsame Gegenwart, meinungsspezifische Grenzziehung statt freier Diskurs.

Nur zufällig da?

Nummer drei: Menschen um die Fünfundvierzig, eben solche, die potenziell zum Ende der DDR politisch aktiv waren oder Menschen kannten, die es waren. Sie erwecken den Eindruck, am wenigsten das Erlebte und Gedachte aufgearbeitet zu haben. Ein Treffen? Ungern. Warum? Gedruckse. Aber ich wüsste noch jemanden, der aktiv damals war... Merkwürde Ausweichmanöver lassen vermuten, dass Befürchtungen entstehen, Aussagen könnten jetzt zu Verwerfungen im Bekanntenkreis führen. Das ist unbequem. Diese Personen vermitteln den Eindruck, sagen zu wollen "DDR? Eine Meinung? Meine Meinung? Nein. Ich war nur zufällig da." Unüberzeugend. Zum Teil.

Und dann gibt es die Menschen, die gerne erzählen. Das sind wenige. Die haben meist eine belastbare Meinung, zehren vom unerschütterlichen Gedanken, dass die Idee von Marx und Engels richtig war und es auch immer noch ist. Sie wurde in der DDR - unglücklichweise - nur nicht richtig umgesetzt. Hier ein Fallbeispiel:

Ute Ihrke. 49 Jahre. Greifswald. Liest stets die "Junge Welt" und schenkt auch ihren beiden Töchtern ein Abonnement. Man trifft die fröhliche, sympathische Frau mit Pferdeschwanz im Schülerfreizeitzentrum, wo sie für "De Käwer e.V.", einen Verein für Umweltbildung und Umwelterziehung, arbeitet. 1992 hat sie ihn mitgegründet, war früher selbst Lehrerin für Chemie und Biologie. Ihr machte das Unterrichten Spaß, doch ihre Stimme war dazu nicht geeignet und so begann sie noch im September '89 einen Job im Patent- und Neurerwesen auf der Insel Riems.

Damals wie heute

Von den Decken ihrer Bastelwerkstatt hängen Mobiles, auf den Tischen stapelt sich buntes Bastelpapier, vom Fenster blickt ein Filzschaf, direkt um die junge Freiwillige im Ökologischen Jahr, die für das kommende Vogelscheuchenfest selbst geerntete Kräuter abwiegt und in kleine Tütchen verpackt. Ein Duft von Salbei, Rosmarin und Thymian durchstreift den Raum. In dieser Gemütlichkeit erzählt Ute von ihren Ansichten von damals. Das sind die von heute.

SED-nah, hatte Ute im September '89 nur sehr wenig Verständnis für die Menschen, die in Leipzig montags, in Greifswald mittwochs nach den Friedensgebeten mit Transparenten und Parolen durch die Straßen zogen, hat nie mitgemacht. Vielleicht mal bei einer Lichterkette, aber "Mit Kerzen schafft man keinen Frieden." Die Motivation für das Ziel schien ihr unüberzeugend: Reisefreiheit und "die sogenannte Meinungsfreiheit", der Wunsch nach Wohlstand. Es fällt der Satz: "Wer wusste schon, was Demokratie heißt."

"Es war ja nicht alles schlecht"

"Dass es so nicht weiter gehen konnte", die wirtschaftliche Lage der DDR, der Nahrungsmittelengpass, das dachte auch sie. Ein Deutschland aus zwei unabhängigen Staaten mit offenen Grenzen hätte das Blatt wenden können, nicht das "Überstülpen durch die BRD. Es war ja lange nicht schlecht alles." Heute? "Hartz IV, Arbeitslosigkeit, vor allem für Jugendliche". Den Schriftzug "Wollt ihr das Armenhaus Deutschlands finden?" schrieb sie damals auf ein Transparent. Das hielt sie auch jenen Anhängern der Opposition entgegen, die im Spätsommer in Leipzig demonstrierten. Sie ist sicher, dass viele ihr Engagement, das zum jetzigen Gesellschaftszustand beitrug, heute bereuen.

Auch wäre das, was heute schlagwortartig in die Erinnerungskultur der Deutschen einging: "Friedliche Revolution", die Wirkung einer Bürgerbewegung nicht möglich gewesen ohne die Manipulation durch den Westen. Durch die Medien, wegen des Machtanspruchs sei das ostdeutsche Volk "bereit gemacht worden". "In Kuba", meint Ute, die noch immer ruhig und überzeugt spricht, "klären sie ihr Volk besser auf." Ich habe ein anderes Bild von Kuba, frage aber trotzdem, ob sie sich vorstellen könnte, dorthin oder in ein anderes sozialistisches Land zu ziehen. Ende der 90er überlegte sie schon mal, weg zu ziehen, entschied sich aber unter anderem wegen der Verantwortung gegenüber ihren Kindern dagegen. Ihr geht es wie der Masse "noch zu gut" für den großen Aufstand, ja, sie nennt es "Revolution". Ute führt ein relativ zufriedenes Leben, mit Familie und einem Beruf, der ihr Spaß macht, obwohl sie in einem Landstrich wohnt, von dem sie meint: "Hier werden keine Landschaften blühen." Trotz alledem: Ute hätte nicht gedacht, dass die Mauer fallen würde im Herbst '89. Nach wie vor versteht sie die nicht, die teilweise mit dem Kind im Koffer flohen.

Auf der sicheren Seite

"Mit der Bildung, die wir genossen haben!" Die Frau mit den wachen Augen schüttelt Kopf und Pferdeschwanz. Sie fühlte sich aufgeklärt. "Wir wussten, wie der Kapitalismus wirkt." Drei Semester, so erinnert sie sich, wurden Vorlesungen und Seminare wie "Dialektischer und historischer Materialismus" besucht, durch die Studien die positive Seite des Sozialismus deutlich. Auf die Frage, ob man zentralistische Staaten auch ohne Repressalien wie Unterdrückung der Meinungsfreiheit denken könnte, entgegnet sie: "Ich war auf der sicheren Seite." Sicherlich sind die Strafmaße ungerechtfertigt gewesen. Sie, in der Selbstbetschreibung ein "forscher Typ", konnte ihren selbstbestimmten Weg legal gehen. So hat sie erfolgreich Widersprüche eingelegt, wenn sie etwas tun sollte, was sie nicht wollte.

Die positiven Erfahrungen, auch wenn sie mit Anstrengungen verbunden waren; die Ansprüche, die sie an ihr Leben in den Grenzen der politischen Verhältnisse entwickelte und durchsetzte; ihre sozialistische Politisierung lassen Ute all diese Dinge bestimmt und ruhig äußern.

Eine Überzeugung, die in ihrer Radikalität verwirrt. Jedoch: Ute Ihrke diskutiert gern, mit Freunden, Familie, Arbeitskollegen und mit Menschen, die die Zeit nicht erlebt haben. "Wenn man jemanden überzeugt, umso schöner", lacht sie.

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