Von Beruf Zeitzeuge

29.07.2009: Im Gespräch mit Ulrich Schwarz

Es scheint so, als ob Ulrich Schwarz, ehemaliger Korrespondent des "Spiegel" in der DDR, am 18. Juni 2009 ein wenig irritiert im Innenhof des Deutschen Historischen Museums in Berlin sitzt. Im Innenkreis eines runden Tisches ist er umgegeben von 150 Schülerinnen und Schülern, uniformiert. Er selbst verzichtet darauf, sich eines der roten T-Shirts überzuziehen.

Rote Shirts am Runden Tisch

Von Josefine Brauer, 22 Jahre alt, Studentin aus Greifswald

Geht der identitätsstiftende Gedanke der Veranstalter in diesem Moment nicht auf, so übernimmt der Schriftzug zumindest eine Orientierungsfunktion. Die weißen Buchstaben auf den T-Shirts formen die Botschaft "Runde Tische machen Schule". Ulrich Schwarz, der erfahrene Zeitzeuge, sieht zeitweilig so aus, als müsste er kurz erinnert werden, wo er gerade ist und was von ihm erwartet wird. Er assoziiert richtig: Hier soll etwas gelernt werden. Nicht nur wegen der künstlichen Atmosphäre von staatstragender Wichtigkeit, von der er nicht weiß, ob sie auch alle anderen verwirrt, reagiert er verhalten empört, als ihn ein Schüler der Gesamtschule Joseph Lenné aus Potsdam fragt, ob er also auch einer von diesen Berufszeitzeugen sei.

Die Anwesenden scheinen sich einer bestimmten Erinnerungskultur, die so wenig von Verarbeitung hat, bewusst zu sein. Immer öfter wiederholen sich die Worte aus dem Kreis der aufmerksamen Schüler, dass erstens ihre Lehrer nicht über die DDR reden oder das Gegenteil der Fall ist und ihre ostdeutsche Sozialisation eher unangenehm in den Unterricht einfließt. Zweitens endet die Aufarbeitung der deutschen Geschichte meist beim Zweiten Weltkrieg. Die Stiftung Aufarbeitung lässt deshalb Taschen mit Informationsmaterial an die Lehrerinnen und Lehrer verteilen. Richtig, es sollte nicht am Equipment scheitern.

So sehr sich Ulrich Schwarz auch unwohl mit dem Titel "Berufszeitzeuge" fühlt: Als engagierter Journalist war er Berufszeitzeuge in dem Sinne, als dass er sich das Beobachten zur Aufgabe gemacht hat. Das journalistische Interesse war seine Antriebskraft, für das westdeutsche Publikum über den Osten zu berichten. Weder verband ihn dorthin Verwandtschaft, noch ein starkes inneres moralisches Bewusstsein. Dennoch beschreibt er den Schülern folgende Entwicklung: "Je länger ich in der DDR war, die Abkopplung von der ursprünglichen Idee sah, desto kritischer wurde auch mein Verhältnis zur Bundesrepublik."

Er sei kein Freund der heutigen Verhältnisse, dennoch sollen wir froh sein, damals nicht gelebt zu haben. Das klingt sehr radikal und irgendwie unglaubwürdig, findet auch sein junges Publikum, das sich Mühe geben muss, nicht von der Geräuschkulisse abgelenkt zu werden.

Ein Schüler greift den Diskurs um die Bezeichnung "Unrechtsstaat" für die DDR ins Spiel. Die Stirn in Falten gekräuselt sagt er: "Aber in der DDR war doch nicht alles schlecht." Ein kleiner Schlagabtausch nimmt seinen Lauf: Schwarz, ohne tatsächlich auf einen Geltungsanspruch seiner Aussage zu bestehen: "Was denn nicht?". Sein Gegenüber: "Na, zum Beispiel der Erfolg im Sport." - "Das Doping meinst du?" Trotzig: "Heute wird doch auch gedopt!". Schwarz antwortet darauf etwas ambitionierter als zuvor und mit ernstem Blick: "Damals war es aber ein ganzer Staat, der so gehandelt hat. Ein Staat, der sich auch über den sportlichen Erfolg definierte und nicht davor zurückschreckte, Mittel wie diese einzusetzen."

Ohne Vertrauen ging es nicht

Schwarz versucht zu überzeugen. Ruhig fügt er hinzu: "Das eine kann nicht ohne das andere gedacht werden." Der Frage danach, wie man mit einer Verantwortung umgeht, der einzige zu sein, der das Bild vom Osten im und durch den "Spiegel" eine Zeit lang formte, weicht er aus. Wie sicher war er sich über das Regime, über das er schrieb? Kamen auch Bürger direkt auf ihn zu, damit er ihre Geschichte erzähle?

Er lenkt Gespräch und Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler, deren Besetzung am Tisch jetzt minütlich wechselt, auf das Verhältnis, das er zu seinen Informanten entwickelte. Ohne "Vertrauen und die Fähigkeit zur Freundschaft" hätten seine Geschichten nicht entstehen können.

Zwar erleichterte der Grundlagenvertrag zwischen BRD und DDR von 1972 auch die Arbeitsbedingungen für Journalisten, dennoch wurde das Ostberliner "Spiegel"-Büro 1978 geschlossen. Hier hatte Ulrich Schwarz erst zwei Jahre zuvor seine Arbeit aufgenommen, danach noch einmal von 1985 bis 1990.

"Ich ging in Vorleistung sozusagen: Für meine Kontakte in der DDR schmuggelte ich westdeutsche Literatur." Die Verlockung antizipierend fragt eine Stimme im roten T-Shirt aus dem Hintergrund: "Und was noch?". Ulrich entgegnet gelassen: "Ich habe keine anderen Dinge über die Grenze transportiert. Einmal weigerte ich mich, eine Druckmaschine mitzunehmen. Ich wollte meine Arbeit nicht gefährden."

Die Schüler sind vorbereitet und haben viele Fragen, auf die Ullrich Schwarz, selbst wenn er anders wollte, nur kurze Antworten geben kann. Die Themen springen schneller als die Menschen um den Tisch. Im Hintergrund drängt der Moderator auf ein Ende. Das Wort "Informationsshortcut" würde eher zum Stil des Treffens passen, ein Austausch ist es weniger.

Wäre Ulrich Schwarz ein Berufszeitzeuge, wäre er vielleicht diesen Ablauf gewohnt. Er geht nicht, ohne seinem "Auf Wiedersehen!" ein "Melden Sie sich. Fragen Sie!" anzuschließen.

Ulrich Schwarz

In den Jahren 1976 bis 1977 und 1985 bis 1990 ist Ulrich Schwarz Ost-Korrespondent für den Hamburger "Spiegel". Das Büro an der Ost-Berliner Lenin-Allee wurde von der SED Anfang 1978 geschlossen, nachdem der "Spiegel" über das "Manifest der Opposition" berichtet hat. Durch den geschlossenen Grundlagenvertrag zwischen der DDR und der Bundesrepublik im Jahr 1972 war es westdeutschen Journalisten erstmals möglich, aus dem Osten zu berichten. Sämtliche Reisen außerhalb Ostberlins mussten 24 Stunden im Voraus beantragt werden; über jeden Korrespondenten führte das Ministerium für Staatssicherheit eine geheime Akte.

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