Das System lebend überwinden

29.07.2009: Helden der Friedlichen Revolution

Michael Cramer und Stephan Hilsberg im Gespräch

Bundesminister Wolfgang Tiefensee hatte geladen - und es waren alle gekommen. Im Deutschen Historischen Museum verfolgten wir Jugendreporter von www.reporter89.de die Gespräche von Schülern, Zeitzeugen und dem Minister an einem riesigen Tisch. Und dabei ging es heiß her: Diskussionen waren erwünscht.

Von Mimoza Troni, 21 Jahre alt, Studentin

Irgendwo an diesem Runden Tisches saßen auch wir: Mein Reporter-Kollege Julian Oberth und ich, gemeinsam mit den Bürgerrechtlern Stephan Hilsberg, heute Bundestagsabgeordneter der SPD, und Michael Cramer, heute Abgeordneter der Grünen im Europäischen Parlament. Und natürliche die Schülerinnen und Schüler des Albrecht-Dürer-Gymnasiums aus Neukölln. Bereits während der Vorstellungsrunde wurde der Diskussionsbedarf erkennbar: Warum ist die Mauer gebaut worden? Wieso ist es so gekommen, wie es gekommen ist und vor allem wieso handelten die DDR-Bürger so - wenn überhaupt? Fragen über Fragen, die im Anschluss an die Vorstellungsrunde geklärt werden sollten.

Die stillen Helden

Stephan Hilsberg, der erst ab 1988/89 in der Opposition mitwirkte, sagte, dass ihn "dieses Land so fürchterlich aufgeregt" hat. Er konnte nicht verstehen, warum Menschen die DDR als Kontrollstaat einfach so hinnahmen. Bevor Hilsberg seine Ausführungen weiter erläutern konnte, wird er gefragt: "Haben Sie sich als Held verstanden?" Stephan Hilsberg verneint. Vielmehr sah er eine "Generation von Leuten, die verzweifelt waren". Das war der Grund, warum Menschen massenhaft auf die Straße gegangen sind, obwohl sie wussten, dass sie auf Waffen stoßen würden. "Das waren Helden", seiner Meinung nach. "Aber wenn Sie mich als Helden bezeichnen wollen - ich habe nichts dagegen", fügt er lachend hinzu.

Terror und Angst

Hilsberg glaubt, dass Menschen irgendwann nicht mehr nachfragen. Eine Schülerin möchte wissen, warum er das so sieht. "Das ist die Angst", antwortet Hilsberg. Michael Cramer fügt hinzu, dass man in der DDR nicht von "Angst" gesprochen habe. Das war vielmehr ein Mittel, das bewusst genutzt wurde: "Der Staat hat Terror benutzt."

Stephan Hilsberg ergänzt, dass er die Jugendlichen damals bewundert habe, die den Mut hatten, über die Mauer zu springen und die DDR zu verlassen. "Andererseits haben sie oft mit ihrem Leben dafür bezahlt." Die Herausforderung sei es gewesen, sich innerhalb dieses Systems zu wehren und es zu überwinden: "lebend zu überwinden", betont er. Damals stand man vor der Frage, wie man genau das machen soll. Diese Diskussion war entscheidend für den Verlauf der Friedlichen Revolution.

Wiedervereinigung oder Reformen?

Wieder ertönt eine unbekannte Stimme. Die Jugendlichen zu identifizieren ist schwer, denn sie tragen keine Namensschildchen. Außerdem stellen längst nicht mehr nur Schülerinnen und Schüler des Albrecht-Dürer-Gymnasiums Fragen, nein, auch Jugendliche anderer Schulen haben sich an unserem Tisch versammelt. Viele wollen wissen, ob die Aktivisten der Opposition eine Wiedervereinigung oder Reformen innerhalb der DDR angestrebt haben.

Michael Cramer, der übrigens von 1977 bis 1995 am Albrecht-Dürer-Gymnasium unterrichtet hat und nun mit einer neuen Generation dieser Schule an einem Tisch sitzt, beantwortet diese Frage: "Wir wollten die DDR damals demokratisieren. Und wir wollten, dass die Deutschen selber entscheiden, wohin es geht. Die deutsche Einheit haben wir damals so gut wie gar nicht thematisiert."

Mauerbau als Zeichen des Scheiterns

Wir Jugendlichen erzählen von der Erfahrung, dass wir ehemaligen DDR-Bürger kennen, die noch heute hinter dem alltäglichen Leben in der DDR stehen. Und dass wir oft den Satz hören: "Es war ja nicht alles schlecht." Das kennen auch die zwei Bürgerrechtler. Michael Cramer sagt, dass die Menschen das Leben rechtfertigen, weil sie vorrangig "persönliche, positive Erinnerungen damit verbinden." Aber der Bau der Mauer sei selbst ein Zeichen gewesen, dass dieses System, das man versucht zu rechtfertigen, gescheitert war.

Soziologisch ist das sogar erklärbar: Menschen haben oftmals das Bedürfnis, sich an Gutes zu erinnern und das Schlechte zu verdrängen. Viele stellen ihr alltägliches Leben in den Vordergrunde. Das Unrecht des Systems wird ausgeblendet.

Auch 20 Jahre nach der Friedlichen Revolution und dem Mauerfall sind die Meinungen über die DDR gespalten. Das darf auch so sein, nur sollte man nicht vergessen, dass es eine Diktatur war, die nun vorbei ist und auch die Teilung Deutschland damit ihr Ende finden muss - auch gesellschaftlich. Um das zu erreichen, sind Treffen wie die im DHM ein guter Beitrag. Aber es darf nicht der einzige bleiben.

Stephan Hilsberg

Der gelernte Facharbeiter für Datenverarbeitung wird am 17. Februar 1956 im brandenburgischen Müncheberg geboren. Nach geleistetem Grundwehrdienst in der NVA absolviert er ein Fernstudium zum Ingenieur für Informationsverarbeitung. Gleichzeitig arbeitet Hilsberg als Programmierer an der Berliner Charité. Seit 1988 ist er in kirchlichen Friedenskreisen aktiv und beteiligt sich an Diskussionen über die Notwendigkeit der Gründung demokratischer Partein in der DDR. 1989 ist er Gründungsmitglied und 1. Sprecher der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP, Vorgänger der SPD) und wird bei den Wahlen 1990 Mitglied im Deutschen Bundestag. Seit 2007 ist Stephan Hilsberg Mitglied des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie Mitglied der Landesgruppe Brandenburg.

Weiterführende Informationen:


Michael Cramer

Michael Cramer wird am 6. Juni 1949 in Gevelsberg (Westfalen) geboren. Nach seinem Abitur studiert er Musik, Sport und Pädagogik mit anschließender Lehrtätigkeit am Gymnasium in Berlin/Neukölln. In den Jahren 1989 bis 2004 ist Cramer Mitglied im Abgeordnetenhaus von Berlin und verkehrspolitische Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Gleichzeitig lehrt er an der Freien Universität Berlin Verkehrs- und Stadtpolitik. Seit 2004 ist Michal Cramer als Mitglied des Europäischen Parlamentes Sprecher der Grünen im Ausschuss für Verkehr und Fremdenverkehr sowie stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Kultur und Bildung. Darüber hinaus ist der seit 25 Jahren ohne Auto auskommende Politiker auch publizistisch tätig und Autor mehrer Bücher, u.a. "Deutsch-Deutscher Radweg" (2007).

Weiterführende Informationen:

  • Seite bei Twitter teilen
  • Seite bei Facebook teilen
  • Seite bei Google bookmarken
  • Seite bei Live bookmarken