Freiheit für alle

29.07.2009: Die Opposition des Reinhard Schult

Reinhard Schult zwischen Jugendlichen während des Musikprogramms

An diesem Tag haben sich alle schick gemacht. Die Zeitzeugen der SED-Diktatur tragen Anzüge oder Jacketts; die Zeitzeuginnen Blusen und Röcke. Nur Reinhard Schult sieht aus, wie er immer aussieht, und trägt, was er wohl schon vor 20 Jahren getragen hätte: Jeans, T-Shirt und Sandalen. Freiheit ist alles, was ihn interessiert - damals wie heute. Alles andere ist Nebensache.

Von Josefa Kny, Studentin aus Berlin

So war es auch vor 30 Jahren, als Liedermacher Wolf Biermann aus der DDR ausgebürgert wurde. Reinhard Schult hatte sich vorher nie ernsthaft mit Biermanns Liedern beschäftigt. Erst als die DDR-Regierung sie als staatsfeindlich abstempelte, wurden sie für ihn interessant. Er beschaffte sich illegal eine Tonaufnahme aus dem Westen, vertiefte sich in die Texte und schrieb sie heraus. Wolf Biermann war der Inbegriff von Protestkultur gegen das DDR-Regime. Auch Reinhard Schult wollte protestieren. Protestieren, indem er den Dienst an der Waffe verweigerte und fortan anderthalb Jahre als Bausoldat verbringen musste. Protestieren, indem er selbst als Bausoldat noch gegen das Regime agierte. Und so vervielfältigte er sorgfältig in Handarbeit Biermanns verbotene Liedtexte und verteilte sie unter seinen Vertrauten.

Das Oppositionelle liegt bei Reinhard Schult in den Genen. Nachdem die Ausreisepläne seiner alleinerziehenden Mutter im August 1961 durch den Bau der Mauer durchkreuzt wurden, schmiedete sie mit Freunden illegale Strategien. Vom Tunnelbauen war die Rede, doch so richtig wollte es nicht gelingen. Dafür unterstützte die Mutter das oppositionelle Engagement ihres Sohnes von Anfang an, wo sie nur konnte.

Und Reinhard Schult engagierte sich mannigfach. Zuerst im Friedenskreis für Wehrdienstverweigerung. Dass in der DDR ein Gesetz existierte, das erlaubte, den Dienst an der Waffe zu verweigern, wusste nur ein kleiner Teil der wehrpflichtigen Männer. Der Friedenskreis klärte auf. Bis zum Mauerfall war der Theologiestudent aktiv in der "Kirche von Unten", mehreren Friedenskreisen und anderen oppositionellen Gruppen. "Die DDR-Opposition war gesellschaftlich ziemlich isoliert", sagt der heute 57-Jährige am Runden Tisch im Deutschen Historischen Museum. Doch mit dem Bewegen unter Gleichgesinnten konnte er gut leben.

Acht Monate hinter Gittern

Isolation sollte Reinhard Schult im Jahr 1979 auf viel schlimmere Art erfahren: acht Monate Haft. Wofür? Im Sommer 1979 versuchte ein Bekannter Schults die Flucht aus der DDR und scheiterte. Er behauptete, dass Reinhard Schult vom Fluchtversuch gewusst hatte. Prompt hatte Schult eine Klage für "Beihilfe zur Republikflucht" am Hals. Nach einer Hausdurchsuchung, bei der auch einige der vervielfältigten Biermann-Texte gefunden wurden, schloss sich eine Klage wegen "Verbreitung illegaler Literatur" an. Der Bekannte zog sein Geständnis später zurück, die belastenden Beweisstücke blieben. Nach sieben Monaten in Untersuchungshaft am Tage der Urteilsverkündung blieb nur noch ein Monat Haft übrig. Denn acht Monate waren das Mindesturteil. Minimum-Urteil, doch Maximum-Strafe.

Ohne irgendwem etwas zu Leide getan zu haben, musste Reinhard Schult acht Monate lang auf sieben Quadratmetern ausharren. Ein Zellengenosse, zwei Klappbetten, die tagsüber nicht benutzt werden durften, ein winziges Fenster aus kaum lichtdurchlässigen Glasbausteinen. Kontakt hatte er nur zum eigenen Zellengenossen; frische Luft nur während des 30-minütigen Hofgangs. Arbeit gab es dort keine.

Doch die Zeit im Gefängnis konnte Reinhard Schult nicht umkippen lassen. Im Jahr 1989 war er bei der Aufdeckung der Wahlfälschung in den Berliner Bezirken Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Weißensee sowie bei der Gründung der Bürgerbewegung und Partei "Neues Forum" ganz vorne mit dabei. Im Grunde erlebte er die Zeit aber mehr als kulturelle denn als politische Bewegung.

Es ging ihm vor allem darum, Freiräume zu erkämpfen. "Die Wahlen waren dabei auch nur ein Mittel, um den Umbruch zu erreichen", gibt der spätere Berliner Abgeordnete zu und macht auf die Parallelen zum derzeitigen Protest nach den Wahlen im Iran aufmerksam. Heute sieht er das Problem hierzulande vor allem in der Nicht-Fassbarkeit der immer komplexer werdenden Welt. "So viele Bürgerinitiativen kämpfen für die Durchsetzung ihrer Einzelanliegen und vergessen dabei, auf die ganze Gemeinschaft zu blicken", kritisiert Reinhard Schult. Es sollte um Freiheit für alle gehen. Alles andere ist Nebensache.

Reinhard Schult

1951 wird Reinhard Schult am 23. September in Berlin geboren. Der in verschiedenen oppositionellen Gruppen und Friedenskreisen engagierte Schult wird 1979 wegen Beihilfe zur Republikflucht verhaftet. Nachdem sein Bekannter die belastenden Aussagen zurückzog, werden bei Schult im Zuge einer Hausdurchsuchung Liedtexte von Wolf Biermann gefunden sowie eine Ausgabe der Zeitschrift "Roter Morgen". Daraufhin muss Schult für acht Monate ins Gefängnis. 1989 ist er Mitbegründer des Neuen Forums in Grünheide. Heute arbeitet Reinhard Schult beim Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen in Berlin und ist zuständig für die Beratung von SED-Opfern in Brandenburg.

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