Ganz nah an der Geschichte

29.07.2009: Bürgerrechtler machen Schule

Am 18. Juni 2009 wurde der Eingang des Deutschen Historischen Museums in Berlin von Jugendlichen belagert. Nicht etwa, um sich die Ausstellung anzusehen, nein, heute lud Bundesminister Wolfgang Tiefensee gemeinsam mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur zum Zeitzeugengespräch in großer Runde ein.

T-Shirt mit Motto

Von Annika Maslewski, 16 Jahre alt, Schülerin aus Perleberg

Zur Veranstaltung "Runde Tische machen Schule" waren 150 Schülerinnen und Schüler aus den ehemaligen West- und Ostgebieten Berlins und Umgebung gekommen. Vertreter jeder Schule hatten sich über jeweils einen der 15 anwesenden Zeitzeugen informiert und waren nun dazu bereit, Geschichte ganz nah zu erleben.

Schon beim Eintritt in den Schlüterhof stockte so manchem der Atem: Auf der riesigen Fläche des Hofes war ein runder Tisch mit dem Umfang von 60 Metern aufgebaut worden. Wie Rainer Eppelmann bemerkte, entsprachen diese Maße etwas mehr als dem Anstoßkreis in einem Fußballstadion. Und natürlich sprengte dieser Runde Tisch im DHM auch die Ausmaße der Runden Tische, die auf Initiative der Bürgerbewegung "Demokratie Jetzt" seit Dezember 1989 unter der letzten DDR-Regierung eingerichtet wurden - und im Übrigen rechteckig waren.

Nicht selbstverständlich

Bundesminister Wolfgang Tiefensee und Rainer Eppelmann eröffneten die Runde. Tiefensee betonte, wie wichtig es ihm sei, die Jugendlichen, die 1989 noch nicht geboren oder in diesem Jahr zumindest noch sehr jung gewesen waren, näher an Ereignisse wie den Mauerfall heranzubringen. Die neue Generation möge diese Zeit nicht vergessen oder als selbstverständlich hinnehmen, hoffte er.

Moderator Robert Ide agierte ganz in diesem Sinne. Er interviewte einen Zeitzeugen nach dem anderen - so kurz es eben ging. Ulrike Poppe, berichtete beispielsweise von ihrer Teilnahme an der Aktion "Kerzen gegen den Krieg", an der sie nur "mit einer Kerze bewaffnet" teilgenommen hatte. Ulrich Schwarz erinnerte sich an seine Arbeit für den "Spiegel". Wie schwer es eine Band haben kann, die sich nicht den Mund verbieten lassen will, berichtete Norbert Leisegang von der Gruppe "Keimzeit". Die Musiker haben damals einfach nur gute Musik machen wollen, sagte er. Mit den Texten war die DDR-Regierung allerdings nicht einverstanden gewesen - es folgten Auftrittsverbote und Textzensuren, die allerdings nicht eingehalten wurden.

Musikalisch wurde der Runde Tisch von der Band "Herbst in Peking" begleitet. Neben alten Covertiteln wie "Workingclass Hero" wurden auch eigene Werke mit kleinen Umänderungen auf die heutige Zeit gespielt.

Nach dem offiziellen Teil war nun endlich Raum für die Fragen der Schülerinnen und Schüler. Die Jugendlichen bildeten kleine Grüppchen um die Zeitzeugen und besserten ihr Wissen über die DDR auf, bis die Veranstaltung ihrem Ende entgegen sehen musste. Wolfgang Tiefensee bedankte sich sowohl bei den Zeitzeugen wie auch bei den anwesenden Schulen und schloss damit die Veranstaltung, die viele Schülerinnen und Schüler dichter an die DDR-Zeit gebracht hatte.

Rainer Eppelmann

Der ehemalige Maurer und Pfarrer wurde am 12. Februar 1943 in Berlin geboren. Eppelmann wächst in einer Handwerkerfamilie auf. Er verweigert den Wehrdienst sowie den Fahneneid und muss daraufhin für acht Monate in Haft; anschließend tritt er seinen Dienst als Bausoldat an. In den achtziger Jahren engagiert sich Rainer Eppelmann an zahlreichen Aktivitäten kirchlicher Friedens- und Menschenrechtsgruppen. Im Jahr 1989 ist er Mitbegründer der Partei Demokratischer Aufbruch (DA) und wird 1990 Minister für Abrüstung und Verteidigung in der letzten Regierung in der DDR. Im Zuge der Wahlen zum ersten Deutschen Bundestag 1990 wird er CDU-Abgeordneter. Heute gehört Eppelmann zum Stiftungsvorstand der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

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