"Sie haben nicht erkannt, was draußen los war”

21.10.2009: Erinnerungen an organisierten Jubel und echten Frust

Der Herbst beginnt mit einem Jubiläum: Am 7. Oktober 1989 feiert die Deutsche Demokratische Republik ihren 40. Geburtstag. Damit die Staatsführung das Jubiläum wie gewohnt - also ohne Proteste - begehen kann, sind Staatssicherheit und Volkspolizei im Dauereinsatz. Denn längst ist aus dem ersten zaghaften Widerspruch ein handfester Protest geworden. Das Volk geht auf die Straße, aber nicht um zu feiern.

Magdeburger Wohnviertel

Von Josefine Schulze, 18 Jahre alt, Auszubildende aus Magdeburg

"Es war eine bewegte Zeit. Besonders an den 40. Jahrestag habe ich direkte Erinnerungen, die mir aus meinem Gedächtnis nie entschwinden werden", sagt der 57 jährige Reiner R., als ich ihn zum Oktober 1989 befrage. Ich merke, dass er bei diesem Thema deutlich berührt ist. Wir sitzen auf einer Gartenterasse, es ist ein schwüler Sommertag.

Er erzählt mir, dass er damals in der Großhandelsgesellschaft Technik in Magdeburg gearbeitet habe. In seinem damaligen Betrieb wurde eine Feierstunde abgehalten, die von Reden einiger Politiker des Rats des Bezirkes begleitet wurde. Diese Reden hätten genau so gut zum 30. Jahrestag gehalten werden können, so Reiner R. "Sie haben nicht erkannt, was draußen auf der Straße los ist, sie haben nicht erkannt, wie die politische Änderung langsam in der DDR fortgeschritten ist und sie haben auch die wirtschaftliche Lage der DDR absolut nicht erkannt - oder wollten sie nicht erkennen."

Kluft zwischen Volk und Regierung

Als ich ihn frage, warum dies so war, sagt er in einem relativ neutralen Ton, dass es festgefahrene Strukturen waren und die Politiker nur eine Richtung kannten. Die Feierstunde war für alle Teilnehmer, darunter auch Reiner R., sehr bedrückend, weil niemand mehr wirklich verstehen konnte, was die Politiker überhaupt noch mit ihren Worten bei den Menschen bewegen wollten.

Bei den offiziellen Feierlichkeiten in Berlin ist die Kluft zwischen Volk und Regierung noch größer. Im Palast der Republik sind hochrangige Staatsgäste - die Regierungschefs der sozialistischen Bruderstaaten - zum Dinner geladen, während überall in der Republik Demonstrationen stattfinden. Dort, wo Paraden den Erfolg des Sozialismus in der DDR präsentieren sollen, haben die Staatsorgane alle Hände voll zu tun, die Situation im Griff zu behalten. Die Menschen jubeln nicht, sie machen sie ihrem Ärger Luft.

Wer zu spät kommt ...

"Diese zum Teil rennormierten Politiker, die das Zepter in der Hand hielten, wurden von der Bühne gepfiffen und es ging sehr emotional zu", erzählt Reiner R. Ich bekomme so langsam eine Vorstellung davon, wie festgefahren die Lage in der DDR gewesen sein muss.

Nach dieser Betriebsfeier ist er nach Hause gekommen und hat das DDR-Fernsehen eingeschaltet, wo Erich Honecker und Michail Gorbatschow auf der Oktoberfeier in Berlin zu sehen waren. "Gorbatschow hat seine Meinung zur deutschen Geschichte benannt und letztendlich hatte er ja auch beim Verabschieden der DDR gesagt: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Kurz darauf wurde Erich Honecker durch einen Beschluss des Politbüros abgesetzt und Egon Krenz trat an seine Stelle.

Mit dem Einsatz von Krenz verband Reiner R. zunächst Hoffnung. Man hatte gedacht, dass doch noch ein Aufschwung kommt und die DDR noch eine Chance hat. "Wir wollten ja hierbleiben, wir wollten nicht in den Westen gehen", sagt er sehr bestimmt. "Jeder hatte eingsehen, dass so ein alter, eingefahrener Mann, Diktator muss ich mittlerweile sagen, an der Spitze nichts Positives mehr bewirken konnte. Von Egon Krenz dachten wir, dass er als jüngerer Mann anderen Schwung in die DDR bringt, aber das ganze System war rein wirtschaftlich kaputt." Kredite in Millionenhöhe liefen an die BRD. Die DDR hatte keinen Spielraum mehr.

Krenz als Hoffnungsträger?

Dennoch strahlt Krenz eine positive Wirkung aus, zumindest auf Reiner R. Krenz sei direkt auf die Menschen zugegangen. "Ich erinnere mich noch, wie ein junger Schlosser zu Krenz gesagt hat: ‘Ihr müsst euch mal was einfallen lassen, damit nicht jeden Tag so viele DDR-Bürger flitzen gehen. Wir wollen hier unsere Arebit machen, wir wollen hierbleiben, bloß das drumherum muss eben stimmen.’"

Im Oktober begannen nicht nur die Menschen auf der Straße vermehrt ihre Meinung offen zu äußern. Auch das sonst so kontrollierte DDR-Fernsehen gab jetzt die Tatsachen wieder und schilderte die reale Lage des Landes. Zu diesem Zeitpunkt setzte ein Umbruch ein, der bereits erahnen ließ, dass etwas Großes passieren würde. Der Fall der Mauer stand kurz bevor.

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