November 1989

Auf einer vom Fernsehen direkt übertragenen internationalen Pressekonferenz verliest das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski am 9. November um 18.57 Uhr beiläufig einen Beschluss des Ministerrates: "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt." Auf eine Nachfrage erklärt Schabowski, das trete nach seiner Kenntnis "sofort, unverzüglich" in Kraft. Daraufhin drängen noch am selben Abend Tausende von Ost-Berlinern nach West-Berlin. Kurz vor Mitternacht öffnen sich die ersten Schlagbäume an der Mauer. Viele Menschen sind völlig überrascht, als sich am 9. November die Grenzen öffnen und können es nicht glauben. "Wahnsinn" ist das Wort der Stunde, denn niemand kann fassen, was da passiert.

Jahrgang: 2009
2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 Neues Alle
Foto: Kellermann
"Als könne man eine andere Welt betreten" - Das warme Licht der Flammen im Karmin beleuchtet das Gesicht von Astrid Maslewski, meiner Mutter. Wir sitzen bei uns zu Hause auf der Couch und sie erzählt mir davon, wie sie den Mauerfall vor 20 Jahren erlebt hat.
Foto: N-Schmitz / www.pixelio.de
"Wenig Interesse an Jubelorgien" - Der 9. November ist ein Schlüsselerlebnis. Dieser Tag betraf Millionen Menschen, die ihr Land nur von der einen, ostgelegenen Perspektive kennenlernen durften. "Wahnsinn" ist das Wort des Abends, als Tausende von Menschen zu den geöffneten Grenzen strömten, um die Mauer auch mal von der anderen Seite zu sehen. Manfred Lindner schloss sich dem Strom nicht an. Warum?
Foto: Karl-Heinz Gottschalk (goka) / www.pixelio.de
Damals gab es noch keine Angst - Wirklich glauben kann Silvia Bosse nicht, was sie Schwarz auf Weiß im Fernsehen sieht: Günter Schabowski kündigt am Abend des 9. November - fast beiläufig - die kurzfristige Visavergabe ohne Vorliegen von Vorrausetzungen an. Der Traum von Millionen von Menschen - die Ausreise in den Westen - ist Wirklichkeit geworden.
Foto: privat / Kny
Zur goldenen Grenzöffnung - An der viel befahrenen Hildburghäuser Straße im Thüringer Eisfeld steht ein Haus, dessen Bewohner ihre ganz eigene Geschichte der Grenzöffnung im November 1989 zu erzählen wissen. Nähert man sich dem beigefarbenen, im unteren Teil mit Natursteinen verzierten Zweigeschosser, fällt einem ein kleiner Schönheitsfehler auf. Über der Tür leuchtet die Wandfarbe heller als an der restlichen Hauswand. Bis vor einem halben Jahr glänzte hier ein schwarzes Blechschild mit der goldenen Aufschrift "Zur goldenen Traube". Vor zwanzig Jahren erlebte der Thüringer Gasthof einen seiner turbulentesten Tage.
Foto: wrw / www.pixelio.de
Endlich - Am 9. November 1989 wurde der Grundstein für die heutige Bundesrepublik gelegt. An diesen Tag kann sich Frau Müller noch ganz genau erinnern - und sie wird ihn wohl auch nie vergessen. Sie lebte damals in Staaken, Westberlin.
Foto: Tüti / www.pixelio.de
Stille Post - Ich habe meine Mutter angerufen, weil ich wusste, dass auch meine Frau an diesem Abend bei ihr nächtigt - die haben beide schon halb geschlafen. Das war so gegen 23 Uhr. "Mensch, steh auf, zieh’ dir deine Sachen an, die Mauer is gefallen!" - Das waren meine Worte.
Foto: Jochen Sievert / www.pixelio.de
"Ein Stückchen näher" - Es ist Sonntag. Der Himmel ist grau, das Jahr geht in den Herbst über. Meine Familie sitzt in unserem vollgestopften Audi, wir kommen gerade von unserem Rügen-Kurztrip zurück. Mein Vater ist erschöpft von der Fahrt, dennoch hellt sich seine Miene auf, als ich meine ersten Fragen zur Wende stelle.
  • Seite bei Twitter teilen
  • Seite bei Facebook teilen
  • Seite bei Google bookmarken
  • Seite bei Live bookmarken