"Als könne man eine andere Welt betreten"

26.10.2009: Erste Reaktionen auf Schabowskis Pressekonferenz

Das warme Licht der Flammen im Karmin beleuchtet das Gesicht von Astrid Maslewski, meiner Mutter. Wir sitzen bei uns zu Hause auf der Couch und sie erzählt mir davon, wie sie den Mauerfall vor 20 Jahren erlebt hat.

Brandenburger Tor - ohne Mauer

Von Annika Maslewski, 16 Jahre alt, Schülerin aus Perleberg

"Es war ein Donnerstagabend. Franziska, deine ältere Schwester, war gerade 3 Jahre alt und wir waren allein zu Hause. Euer Vater war beruflich in Schwerin. Ich räumte auf und hatte den Fernseher dabei laufen. Da kam auf einmal der Ausschnitt aus der Pressekonferenz, in der Günter Schabowski verkündete, dass die Grenze offen sei als Sondermeldung - ganz unkommentiert." Sie lächelt und schüttelt den Kopf, während sie ihre Beine zu sich auf die Couch zieht.

Genehmigungen werden kurzfristig erteilt

Die Pressekonferenz fand am frühen Abend des 9. Novembers 1989 statt. Sie sollte sich mit dem umstrittenen Reisegesetz beschäftigen. Die Konferenz wurde live im Fernsehen und Rundfunk ausgestrahlt. Schabowski war erst seit kurzem Sekretärs des ZK der SED für Informationswesen, eine neu geschaffene Funktion innerhalb der DDR-Regierung. In dieser Funktion verlas er auf die Frage eines italienischen Journalisten die neuen Reisebestimmungen:

"Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dafür noch die Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. […] Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu West-Berlin erfolgen."

Auf die Zwischenbemerkung eines Journalisten, ab wann diese Regelung denn in Kraft trete, antwortete er: "Das tritt nach meiner Kenntnis […] ist das sofort, unverzüglich." Mit diesen Worten war das Ende der Mauer besiegelt.

Bloß ein Versehen?

Meine Mutter sieht auf ihre Fingerspitzen. "Zuerst habe ich diese Nachricht gar nicht ernst genommen, sie für einen schlechten Scherz gehalten. Aber ich sah weiter fern und räumte dabei unsere kleine Wohnung auf. Sie wiederholten diese Nachricht das eine ums andere Mal und schließlich, irgendwann kurz vor Zwölf, sah man die ersten Menschen über die Grenze stürmen." Das Leder der Couch quietscht ein wenig, als sie sich aufsetzt. "Irgendwie sah das alles so friedlich aus, natürlich waren da unglaubliche Menschenmengen, aber es war friedlich. Keine Prügeleien und nichts. Nur Euphorie. Trotz dieser Hochgefühle bin ich erst einmal schlafen gegangen. Ich glaubte nicht, dass die Mauer lange offen bleiben würde, viel mehr, dass es ein Versehen war und nach zwei, drei Tagen wieder alles vorbei sein würde."

Astrid streicht ihre halblangen braunen Haare zurück. Das Feuer wirft einen rötlichen Schein auf ihr Gesicht. " Am nächsten Tag hatte ich frei - Hauswirtschaftstag. Sofort nach dem Aufstehen schaltete ich den Fernseher wieder an. Die Grenzen waren immer noch offen. Die Aufzeichnungen zeigten viele Menschen, die von einer zur anderen Seite strömten, und die Grenzbeamten standen einfach daneben und kontrollierten Pässe. Jetzt hielt mich nichts mehr zu Hause." Aber mit wem und wie sollte sie nach Berlin kommen? Vor 20 Jahren war es kaum möglich, telefonisch Verabredungen zu treffen. Private Anschlüsse gab es kaum. "Wir hatten zwar eines, aber ich konnte damit weder meinen Mann noch meine Eltern erreichen, nur meinen Vater, der hier in Perleberg als Selbständiger gearbeitet hat. Er schloss sofort seinen Laden. Ich hatte Franziska schon in die Sportkarre gesteckt und fuhr dann mit meinem Vater nach Pritzwalk zu meiner Mutter. Sie kannte sich in Westberlin aus. Sie hat ja schließlich da studiert."

Ostberlin war so dunkel

Meine Mutter fängt an zu grinsen und lacht schließlich. "Sie hatte vor allem Angst davor, dass sie uns nicht mehr zurück lassen würden, aber ich habe ihr das schnell ausgeredet. So sind wir also zu viert mit dem Trabant nach Berlin gefahren- sogar staufrei bis in die Friedrichstraße. Und dort sind wir dann über die Grenze gegangen. Meine Eltern und ich und die kleine Franziska bei Opa auf dem Arm. Er erzählte später, dass er sich Sorgen gemacht hat, sie könne in diesem Durcheinander einfach verschwinden und hat sich eben vor allem auf sein Enkelkind konzentriert."

Meine Mutter schüttelt den Kopf. "Es war einfach unglaublich- als könne man eine andere Welt betreten. Als es schon dunkel wurde, sind wir den Ku´damm runter gelaufen und alles war so … hell. Reklame und Schaufenster- alles war beleuchtet. Ostberlin war dagegen so dunkel." Ihr Blick wandert, man merkt, dass das ein wirklich besonderer Moment für sie gewesen sein muss. Astrid lässt sich nach hinten fallen und kreuzt ihre Beine.

Sie lächelt. "Wir haben sogar etwas gekauft. Mein Vater hatte ein wenig Westgeld dabei- keine Ahnung, woher er das hatte. Jedenfalls waren wir im Woolworth und ich habe Shampoo und Deo für meinen Mann und Hasenhausschuhe für meine Tochter gekauft. Dann sind wir auch schon langsam wieder zurück gefahren. Am nächsten Tag war ich auch noch mal mit meinem Mann ´drüben´" Meine Mutter lacht und wirft dabei die Haare nach hinten. "Es ist total merkwürdig, das heute noch so zu sagen."

Völlig verrückt

Plötzlich wird sie wieder ernst. "An diesem Wochenende hätte ich aber noch nicht geglaubt, dass es so bleiben würde, ich dachte, es würde sich um ein großes Missverständnis handeln. Es war so, als würde jemand an deine Tür klopfen und dich fragen, ob du morgen gerne mit zum Mond kommen würdest - ja, so ungefähr war es für mich. Wahrscheinlicher als ein vereinter Staat wären für mich zwei separate Länder mit Reiseverkehr gewesen, aber dann wären, wie vor dem Mauerfall, wahrscheinlich alle DDR-Bürger geflüchtet. Es war einfach so völlig verrückt. Bis zur Wiedervereinigung ging es auch so unglaublich schnell." Meine Mutter lächelt: "Aber auf jeden Fall ist es heute besser, als es damals war- vor der Wende."

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