"Wenig Interesse an Jubelorgien"

23.10.2009: Ein Tag wie jeder andere

Der 9. November ist ein Schlüsselerlebnis. Dieser Tag betraf Millionen Menschen, die ihr Land nur von der einen, ostgelegenen Perspektive kennenlernen durften. "Wahnsinn" ist das Wort des Abends, als Tausende von Menschen zu den geöffneten Grenzen strömten, um die Mauer auch mal von der anderen Seite zu sehen. Manfred Lindner schloss sich dem Strom nicht an. Warum?

Sandsäcke am Grenzübergang Checkpoint Charly

Von Mimoza Troni, 21 Jahre alt, Studentin aus Berlin

Er ist 1945 geboren, absolvierte das Ingenieurs-Studium, konnte sich "beruflich entwickeln" und sogar über ein Jahr im Ausland arbeiten. "Für mich waren die Grenzen nicht zu", erinnert sich Manfred heute. In der DDR hat er sich sicher und gut aufgehoben gefühlt. Materiell war man nicht gut versorgt, aber das Notwendigste hatte man. "Jeder hat versucht, sein Leben zu gestalten und ehrenamtlich mitgearbeitet." Manfred auch. Der Partei fühlte er sich verbunden, daher trat er dieser später auch bei. Er hatte sich im Planungsbetrieb eine leitende Funktion erarbeitet. Kurz bevor sich die Grenzen öffnen sollten, war Manfred mit seinem Bruder und der Mutter im Westen: "Wir hatten im Grunde genug gesehen."

Der Tag der Tage

Der 9. November war ein gewöhnlicher Tag für Manfred Lindner gewesen. Als Leiter des Betriebs kam er, zu dem Zeitpunkt 44 Jahre alt, oftmals erst nach 10 Stunden von der Arbeit und aß Abendbrot. Danach schaute und hörte er die Nachrichten. Die Pressekonferenz von Schabowski war angekündigt. Etwas Ungewöhnliches geschah. Während dieser Pressekonferenz, um genau 18.57 Uhr, verlas Schabowski den Beschluss des Ministerrates und verkündete, dass Ausreisen ohne Vorliegen von Gründen genehmigt und kurzfristig erteilt würden. Während Tausende von Ostdeutschen zu den Grenzübergängen fuhren und vor Ort die Grenzer zwangen, die Tore zu öffnen, verfolgte Manfred das alles im Fernsehen, aber "daraus eine Riesensache zu machen, das lag mir nicht."

Es war nun eine Tatsache, dass man frei reisen konnte, aber dieser Beschluss war das Ergebnis einer vorangegangenen Diskussion. "Ich erinnere mich, dass diese Reisemöglichkeiten vor Schabowski im Gespräch waren. Ganz offiziell wurde nach Lösungen gesucht und gleichzeitig wurde angedeutet, dass die DDR-Führung gezwungen war nachzugeben." Daher war es für Lindner nicht überraschend, dass eine Lösung kam. Dass sie so aussehen würde und dass "die DDR so schnell aufgeben würde, das konnte man nicht absehen. Letztendlich halfen auch die Maßnahmen, beispielsweise das Einsetzten neuer Leute an der SED-Spitze, nicht, denn "die Leute wollten keine neue SED, sondern diese ganz abschaffen."

Dass so viele Menschen zu den Übergängen strömten, überraschte Manfred dann doch. "Ich hatte die Vorstellung, dass das geregelt ablaufen würde." Von seinem Wohnzimmer aus verfolgte er weiterhin die Berichte von den Grenzen.

Zukunftsgedanken

"Vielleicht bin ich einfach zu zurückhaltend, dass ich damals nicht hingefahren bin, aber ich habe das für viel zu euphorisch gehalten." Dem zweifachen Vater gingen an diesem Abend auch andere Gedanken durch den Kopf: "Sorgen hatten wir um unsere Kinder. Sie haben zu der Zeit studiert und wir haben uns gefragt, wie sie nun durchkommen würden. Zum Glück konnten sie weiterstudieren und wurden nirgends unterbrochen. Sie haben zu Ende gebracht - auch unter den neuen Verhältnissen." An das W-Wort, der Wiedervereinigung, hat damals wohl kaum einer gedacht. Manfred auch nicht.

"Wie konnte das passieren?" Das fragte sich Manfred damals, als dieser Prozess nicht mehr umzukehren war. Der Sozialismus, den viele mit vertreten hatten, konnte dem Kapitalismus nicht standhalten. Die Umgestaltung, die sich im ganzen Ostblock vollzog, sei es in Polen, Ungarn oder als Phänomen Gorbatschow, wurde von der DDR-Führung erst spät eingeleitet. "Die Oberen haben immer geblockt, sodass sich dieser Prozess dann viel emotionaler vollzog und eine höhere Brisanz annahm."

Manfred Lindner, der noch heute in Rathenow lebt, verbindet mit dem Mauerfall keine spezielle, persönliche Erinnerung. Für ihn ist das gesamte Jahr `89 der Wahnsinn. "Für wohltuend und überraschend empfanden wir, dass das alles friedlich verlief. Diese Revolution ging im Grunde ohne Blutvergießen über die Runden. Das hat man auch als Verdient bestimmter Leitungsbereiche gesehen - ich habe das so gesehen. Diese sagten beispielsweise, dass nicht geschossen wird."

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