Damals gab es noch keine Angst

23.10.2009: Erste Euphorie und Ernüchterung

Wirklich glauben kann Silvia Bosse nicht, was sie Schwarz auf Weiß im Fernsehen sieht: Günter Schabowski kündigt am Abend des 9. November - fast beiläufig - die kurzfristige Visavergabe ohne Vorliegen von Vorrausetzungen an. Der Traum von Millionen von Menschen - die Ausreise in den Westen - ist Wirklichkeit geworden.

Stralsunder Stadtansicht

Von Nicole Bosse, 17 Jahre alt, Schülerin aus Stralsund

"Ich dachte damals, das wäre alles nur ein Scherz", erklärt Silvia heute. Vorher hatte man von der Demokratiebewegung nur wenig in den DDR-Medien vernommen. Heimlich versuchten Ostdeutsche deshalb, mit Radio und Fernsehgeräten westdeutsche Sender zu empfangen. Eine heikle Unternehmung, denn für alle Staatsbediensteten sowie Angehörigen der NVA, der Feuerwehr und der Polizei war es verboten, Westfernsehen zu schauen. Für alle anderen Bürger war der abendliche Blick in die Tagesthemen zwar legal, wurde aber offiziell gesellschaftlich geächtet.

Silvia ist nach der Pressekonferenz mit Schabowski jedenfalls nicht auf die Idee gekommen, an die Grenze zu reisen. "Ich hatte wirklich Angst, dass ich nach Berlin fahre und die Regierung es sich dann anders überlegt; die Grenze wieder zumacht." Ihr Lebensgefährte hat jedoch darauf bestanden. "Er hat sich sogar den nächsten Tag freigenommen, um mit mir über die Grenze zu fahren."

Schritt über die Grenze

Der Zug nach Berlin ist völlig überfüllt. Die meiste Zeit muss Silvia stehen. Eingeengt von Hunderten Fremden. Nach circa 3 Stunden erreicht der Zug sein Ziel: Berlin. Silvia überquert zu Fuß die Grenze zwischen Ost und West in der Hauptstadt. Für viele der Schritt in die langersehnte Freiheit, für die damals 17-Jährige ein Schritt wie jeder andere.

Sie hat nie unter der Mauer gelitten, nie über eine Flucht nachgedacht. "Ich war eigentlich nur neugierig und wollte schauen, was am Westen anders ist." In Stralsund hatte Silvia eine Familie, ein zu Hause, einen Job. "Sogar Bananen hatte ich", scherzt sie. "Meine Schwiegermutter hat in einem Obst- und Gemüsehandel gearbeitet und wenn da mal eine Lieferung Bananen ankam, haben wir davon etwas abbekommen."

Montagsdemonstrationen

Nicht nur in den Großstädten hatte man für eine Reisefreiheit und Demokratie demonstriert. Auch in den kleinen Städten wie Stralsund gab es regelmäßig Montagsdemonstrationen in der Marienkirche. "Einmal habe ich mich auch dorthin getraut. Einfach nur aus Interesse. Man hat uns gesagt, dass die Polizei in einer Kirche nichts gegen die Demonstranten tun kann, aber trotzdem hatte ich riesige Angst. Ich habe befürchtet, dass die Polizei die Demonstration gewaltsam zerschlägt, dass ich vielleicht festgenommen werde. Aber es ging alles gut."

Was auf der Montagsdemonstration gesagt wurde, klang interessant für Silvia und machte sie neugierig auf das was noch kommen würde. Die Ideen der Demonstranten versprachen eine bessere Zukunft. Heute wünscht sich Silvia die alten Verhältnisse zurück. Sie denkt, die Mauer hätte ruhig stehen bleiben können.

Freudiger Empfang

Die Ostdeutschen wurden herzlich im Westen empfangen. Silvia weiß, warum: "Damals war die Euphorie auf beiden Seiten groß. Es gab noch keine Angst um die Arbeitsplätze, nicht die heute oft noch gängigen Klischees von den Ossis und den Wessis. Man war einfach nur glücklich, dass die Mauer endlich weg war."

Von ihren 100 Mark Begrüßungsgeld kaufte sich Silvia in Westberlin ihre erste Jeansjacke. "Damals war sie total angesagt aber, in der heutigen Zeit ist sie potthässlich. Ich habe die Jacke vor ein paar Jahren weggeschmissen."

Zurück ins ganz normale Leben

Nach dem Besuch in Westberlin ging für Silvia das Leben weiter. Aber es veränderte sich langsam. Silvia hatte den Eindruck, dass westdeutsche Firmen das Land überfluteten, die Preise stiegen. Zudem stieg die Zahl der Arbeitslosen explosionsartig an. "Natürlich war die Wirtschaft im Osten weit zurück, hätten wir die Mauer behalten, wären wir vom technologischen Stand vielleicht immer ein paar Jahre zurück, aber wir hätten geordnete Systeme. Ich müsste mir nicht, wie heute, Gedanken darüber machen, wo ich meine beiden Kinder lasse wenn ich arbeite, jeder hatte einen Kindergartenplatz", meint Silvia.

Dass die DDR hochverschuldet war und kurz vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch stand, wusste sie nicht. In den DDR-Medien wurden immer nur die Erfolge der sozialistischen Planwirtschaft gefeiert. Silvia ließ sich von subventionierten Preisen und der Vollbeschäftigung in der DDR blenden. Dass der Staat nur durch Arbeitsplatzvergabe, wo es überhaupt keine Arbeitsplätze gab und Doppelanstellungen diese Vollbeschäftigung erreichen konnte, davon wusste kaum jemand.

Vieles hat sich verändert seit dem Abend des 9. November. Silvia wünscht sich die alten Verhältnisse jedoch zurück. Der Gewinn für die Menschen -Reise- und Pressefreiheit oder Demokratie- wird von Silvias persönlichen Verlusten übertönt. Vor der Wende hat sich Silvia nie gefangen oder benachteiligt gefühlt, denn sie war ein funktionierendes Rädchen im DDR-Getriebe.

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