Endlich

21.10.2009: Ein deutsch-deutsches Frühstück am 10. November

Am 9. November 1989 wurde der Grundstein für die heutige Bundesrepublik gelegt. An diesen Tag kann sich Frau Müller noch ganz genau erinnern - und sie wird ihn wohl auch nie vergessen. Sie lebte damals in Staaken, Westberlin.

Frühstück

Von Nadja Thiel, 17 Jahre alt, Schülerin aus Wittenberg (Sachsen-Anhalt)

Frau Müller wohnt etwa 800 Meter vom Grenzpunkt Staaken entfernt. Als es immer mehr zu Unruhen in der DDR kommt, stellt sie sich, in Erinnerung an den blutig niedergeschlagenen Aufstand vom 17. Juni 1953, jeden Abend auf den Balkon und hört, ob nicht Schüsse fallen auf der anderen Seite der Mauer. "Wir saßen jeden Abend vor dem Fernseher, natürlich auch am Abend vor der Maueröffnung." Jedoch hat Frau Müller nicht an eine Öffnung der Grenze geglaubt, schließlich stand die Mauer schon so lange. "Ich habe die Mauer wachsen sehen, wie sie immer wieder verfeinert wurde. Die Mauer riegelte alles hermetisch ab." Zuerst waren es Stacheldraht und letztendlich eine Betonmauer mit Wachtürmen und Hunden. "Dort wuchs kein Strauch, kein Unkraut - nichts. Wenn man heute dort entlang fährt, entwickelt sich ein kleines Wäldchen. "Das zu sehen, ist schon ein tolles Gefühl."

Verschlafen

Doch zurück zum November 1989. Frau Müller geht gegen 22:00 Uhr ins Bett, obwohl ihr Mann immer wieder sagt, dass die Mauer aufgehen wird. Doch sie glaubt nicht daran. "Verhandlungen vielleicht. Aber Aufgabe? Nein, damit habe ich nicht gerechnet." Am nächsten Morgen findet sie in ihrer Küche einen Fremden beim Frühstück mit ihrem Mann vor. "Das war ein deutsch-deutsches Frühstück. Mit frischen Brötchen und einem unglaublichen Gefühl." Denn der Grenzpunkt Berlin-Staaken wurde gegen 4:00 Uhr nachts geöffnet. Ihr Mann hat es nicht mehr zu Hause ausgehalten und ist zur Grenze gegangen. Dort traf er den Fremden, der in Staaken-Falkensee lebte, damals schon DDR. So voller Freude über den Mauerfall, aber auch, weil alles unblutig ablief, nahm ihr Mann den Fremden mit nach Hause, um erst einmal ausgiebig zu frühstücken und sich auszutauschen.

Trabi-Klatschen

Nach dem Frühstück nimmt der Mann das Ehepaar mit zu sich nach Hause. "Die Freude war so unbeschreiblich groß. Endlich sind wir deutsch!" Es rollte Trabi an Trabi über die Grenze. "Man kam nicht einmal mehr über die Straße. Jeden Abend gingen wir ‚Trabi-Klatschen’. So begrüßten die Westler die Ostler." Es herrschte ein großes Gedränge an der Mauer. "Ich selbst hatte jeden Abend Herzklopfen, als ich sah, wie die Menschen über die nun endlich offene Grenze strömten", erinnert sich Frau Müller.

Dann kamen die "Mauerspechte", alle wollten ein Stück der Mauer. Frau Müller nicht. Sie möchte nicht an die Teilung Deutschlands erinnert werden, auch nicht an diesen "totalitären Überwachungsstaat", die DDR.

Von den Gefühlen überwältigt

Frau Müller suchte nach dem Mauerfall mehrere historische Orte auf, darunter die Glienicker Brücke, bekannt durch den Spionaustausch, oder das Brandenburger Tor auf. "Durch das Brandenburger Tor wollte ich unbedingt laufen. Ich bin mit meinem Vater oft als kleines Mädchen hindurchgegangen und konnte das so viele Jahre nicht tun." Als Frau Müller heute davon erzählt, wird sie immer noch von ihren Gefühlen überwältigt, "auch damals habe ich am ganzen Körper gezittert und war von meinen Gefühlen überwältigt."

Immer wieder fällt ihr Günter Schabowski ein. "Dieses Bild, wie er sagt, dass die Grenze offen ist und auf Nachfrage eines Journalisten, wann das in Kraft trete, nach einer kurzen Pause: "Sofort!" sagt - das war einfach unglaublich."

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