Zur goldenen Grenzöffnung

22.10.2009: Über ein Gasthaus vor der Grenze

An der viel befahrenen Hildburghäuser Straße im Thüringer Eisfeld steht ein Haus, dessen Bewohner ihre ganz eigene Geschichte der Grenzöffnung im November 1989 zu erzählen wissen. Nähert man sich dem beigefarbenen, im unteren Teil mit Natursteinen verzierten Zweigeschosser, fällt einem ein kleiner Schönheitsfehler auf. Über der Tür leuchtet die Wandfarbe heller als an der restlichen Hauswand. Bis vor einem halben Jahr glänzte hier ein schwarzes Blechschild mit der goldenen Aufschrift "Zur goldenen Traube". Vor zwanzig Jahren erlebte der Thüringer Gasthof einen seiner turbulentesten Tage.

10. November 1989: Trabi-Schlange vor dem Gasthof

Von Josefa Kny, 21 Jahre alt, zurzeit Studentin in Stockholm

Renate und Gerhard Höhn haben sich in ihrer Studienzeit in Jena Anfang der 1960er kennen gelernt. Schnell fand Gerhard eine Stelle als Fertigungsleiter für Feldstecher bei Zeiss in Eisfeld. Die junge Familie kehrte zurück in Gerhards Elternhaus. Seine Frau kümmerte sich um die zwei kleinen Töchter und ging nebenbei der Schwiegermutter in der hauseigenen Gaststätte "Zur goldenen Traube" zur Hand. Seit Generationen gehörte die Wirtschaft im 5.500-Einwohner-Ort Eisfeld der Familie Höhn und so kam im Jahre 1981 der Tag, an dem Gerhard und Renate Wirt und Wirtin der "Goldenen Traube" wurden. Da das Haus im Besitz der Familie war, konnten sie ihre Hausmannskost zu günstigen Preisen anbieten. Gäste kamen zahlreich und gerne.

Grenzöffnung verursacht Stau

Am Samstag, dem 10. November 1989, sollte ursprünglich - wie sonst nur selten - das "Geschlossen"-Schild die Tür des Gastraums dekorieren. Der Grund war klar: die Grenze war offen! Die ganze Familie wollte ins nur 20 Kilometer entfernte, aber bis dahin unerreichbare Coburg fahren - in den Westen. Am Tag zuvor, dem Tag des Mauerfalls, stand ganz Eisfeld bei der Volkspolizei Schlange, um einen Stempel für die Grenzüberquerung zu bekommen. Als die Polizeistelle am Nachmittag ihre Türen schloss, fehlte Familie Höhn noch der unentbehrliche Eintrag. Nur zufällig erfuhr die Tochter, dass auch im Rathaus Stempel zu bekommen waren, und so gehörte sie am Abend noch zu den letzten Glücklichen, die jenen erhielten.

Am nächsten Morgen, weiß Renate Höhn noch, kam die jüngere Tochter Simone aufgeregt ins Schlafzimmer der Eltern gerannt: "Mutti, wir können heute nicht nach Coburg fahren, gucke mal aus dem Fenster." Draußen vor der Tür, auf der Hauptverkehrsstraße ins größere Hildburghausen und nach Coburg, reihte sich ein Trabant an den anderen. Die Autos standen mehr, als dass sie fuhren. Ein paar Meter weiter an der großen Kreuzung im Ort drängten Autos aus allen Richtungen heran. An eine gemütliche Fahrt über die Grenze konnte niemand mehr denken. "Wer früh bei uns stand, war erst am Nachmittag in Coburg. Da kannst du dir vorstellen, was da los war", lacht die heutige Rentnerin.

Bald hatten die ersten Stauopfer das Gaststätten-Schild erblickt. Viele waren bereits die ganze Nacht unterwegs gewesen und fragten nun nach der Toilette. "Die Leute waren alle ganz durchgefroren von der kalten Novembernacht", erinnert sich Renate Höhn. Viele Kinder wurden erst einmal zum Aufwärmen in Turnhallen untergebracht. Die wenigsten Autos hatten eine Heizung. Die Gaststättenbesitzer reagierten schnell: "Machen wir 'n paar Bockwürschte warm!", beschloss die Familie. Gesagt, getan - und die Menschen kamen.

Der Gastraum füllte sich immer mehr. Die gesamt Familie arbeitete fleißig mit. Bratwürste landeten in der Pfanne, Brot wurde geschnitten und Getränke wurden abgefüllt. Die Töchter liefen auf der Straße umher und verteilten Limonade. Weil so viele nach warmem Tee fragten, wurden Limonadenflaschen bald zu Teekannen umfunktioniert. Die Leute nahmen die dampfenden Becher freudig entgegen. An jenem Tag klingelte die Kasse der "Goldenen Traube" ununterbrochen, so lange, bis alle Vorräte aufgebraucht waren. Erst sehr spät am Abend kehrte in der Hildburghäuser Straße wieder Ruhe ein.

Der Tag danach

"Wir selbst sind erst am Sonntag tagsüber nach Coburg gefahren", erzählt Renate Höhn. Ausnahmsweise waren dort alle Geschäfte geöffnet - und rappelvoll. Aldi ließ nur schubweise Leute herein. Die meisten gaben ihr frisch erhaltenes Begrüßungsgeld mit vollen Händen aus.

Auch die Coburger versammelten sich auf den Straßen. "Die Leute hatten Sekt und Wein dabei. Das war ein richtiges Volksfest - ein wirklich tolles Erlebnis", schwärmt die ehemalige Gastwirtin.

Doch irgendwann kehrte der Alltag wieder ein. In den nächsten Jahren besuchten auch immer wieder Leute aus Coburg in die Gaststätte "Zur goldenen Traube". "Die kamen alle, weil es so gut schmeckte. Lecker, viel und preiswert", sagt Renate Höhn stolz. Nach dem Mauerfall öffneten die Höhns noch zwölf Jahre fast täglich die Tür für ihre Gäste. Die Arbeit machte ihnen immer großen Spaß. Trotzdem wurde es langsam Zeit für den wohlverdienten Ruhestand. Den Gastraum verpachtete das Ehepaar. Bis März 2009 lief der Betrieb unter gleichem Namen weiter - doch leider weniger erfolgreich. "Heute findest du niemanden mehr, der so etwas weiterführt. Seit der Wende ging es in der Gegend bergab. Die Betriebe, Fabriken und sogar das Krankenhaus haben zugemacht", erklärt Renate Höhn, "Die vielen kleinen Läden wurden von den großen Kaufhäusern verdrängt. Die Stadt ist eigentlich eine tote Stadt."

20 Jahre später

Renate und Gerhard Höhn vermissen die DDR nicht: "Wir können uns nicht beklagen. Wir sind zu zweit, bekommen unsere Rente und müssen keine Miete zahlen." Noch heute leben die Höhns in ihrer Wohnung über dem Gastraum. Die ältere Tochter wohnt gleich nebenan. "Heute können wir verreisen und uns Sachen angucken", freut sich die Hausfrau, "Mit dem Kegelclub machen wir jedes Jahr eine Busreise. Das wäre früher ja gar nicht gegangen."

Die meisten ihrer Bekannten sind eigentlich relativ zufrieden mit ihrer heutigen Situation. Nur eines stört die Eisfelder: dass die Gaststätte "Zur goldenen Traube" nicht mehr geöffnet ist. Ab und zu vermieten die Höhns den Gastraum für Partys an Bekannte oder an Gerhards Kegelclub. Dann hört das Ehepaar immer wieder den gleichen Satz: "Och, Gerhard, macht ihr's doch wieder!"

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