Stille Post

21.10.2009: Dienst in der Nacht der Nächte

Ich habe meine Mutter angerufen, weil ich wusste, dass auch meine Frau an diesem Abend bei ihr nächtigt - die haben beide schon halb geschlafen. Das war so gegen 23 Uhr. "Mensch, steh auf, zieh’ dir deine Sachen an, die Mauer is gefallen!" - Das waren meine Worte.

Denkmal in Berlin

Von Josefine Gottschalk, 19 Jahre alt, Schülerin aus Berlin

So erinnert sich Heinrich R.’s an den Moment, in dem ihn in der Nacht des 9. November 1989 die berauschende Nachricht erreichte. Er war gerade im Dienst: Nachtschicht in der Leittechnik-Zentrale des damaligen Grand Hotel, heute bekannt als Westin Grand. "Ich war zwar im Dienst und konnte alles nur am Fernseher mitverfolgen, aber einige Kollegen sind dann abends im Hotel vorbeigekommen, wollten die Freude teilen und haben mir ein Stück der Begeisterung mitgebracht." Die Mauer war offen, doch Heinrich konnte seinen Posten nicht verlassen.

Erst am nächsten Tag habe er am eigenen Leibe erfahren, wie es ist, den damaligen Grenzübergang ungehindert überschreiten zu können.

Während wir plaudern, läuft im Hintergrund das Radio - Nachrichten. Wir sitzen im Wohnzimmer von Heinrich R. in Berlin-Mitte. Es hat Heinrich R. also doch in der gleichen Wohngegend gehalten. "Die meisten DDR-Bürger wollten ja gar nicht im Westteil bleiben! Die wollten bloß alles mal sehen, Verwandte treffen", klärt Heinrich R. auf.

Falsch ausgedrückt

Am Abend des 9. November 1989 verlas Günther Schabowski im Fernsehen auf einer internationalen Pressekonferenz einen neuen Beschluss des Ministerrates. Das Reisen ins Ausland sei "ab sofort" ohne das Vorzeigen von Reisepässen und ohne andere Voraussetzungen erlaubt. "Ich hab genau an diesem Abend miterlebt, wie Günther Schabowski dieses Blatt vorlas und nicht so recht wusste, was er da vorlas. So war das im Nachhinein von uns aufgenommen worden..." Ein breites Grinsen und Freude in der Stimme kann Heinrich R. sich nicht verkneifen. "Offenbar kam es zu einer Fehldeutung seiner Genehmigung, dass man in die BRD reisen durfte. Ich hab das selber gar nicht wahrgenommen, was er meinte. Aus meiner Sicht hat er sich mit ein paar Worten falsch ausgedrückt."

Heinrich R. vergleicht dieses verhängnisvolle Missverständnis mit dem Spiel Stille Post, denn da reime man sich bei der Nachrichtenübermittlung auch oft selbst etwas zusammen.

Raus auf die Straße!

Das zumindest hat die Berliner Bevölkerung gemacht und die Gunst der Stunde genutzt. "Die Euphorie war so groß, dass man dachte, die Genehmigung ist da, ich kann jetzt rüber", erklärt Heinrich R. "Die Leute sind vom Tisch aufgestanden, waren vielleicht schon halb im Bett oder im Schlafanzug, haben aber trotzdem sofort ihre Sachen genommen und sind raus auf die Straße, denn die meisten haben sich gesagt: Ich muss jetzt zur Mauer!"

Warum aber wird die Grenzöffnung vom 9. November 1989 Friedliche Revolution genannt? Das Interessante oder aber wohl auch Wichtige an diesem ganzen Abend war, dass die DDR-Bürger es ohne Gewalt geschafft haben, den Schlagbaum zu öffnen. Die Grenzsoldaten selbst erschienen sehr unentschlossen, da sie nicht genau wussten, wessen Befehle nun zu befolgen waren. Die Situation eskalierte - jedoch nur insofern, als dass enorme Massen an Bürgern zu den Grenzübergängen strömten, wodurch die wenigen Grenzsoldaten nicht mehr Herr der Lage waren. Gewalt mittels Waffen sollte vermieden werden.

So schildert es auch Heinrich R. "Das Volk hat es geschafft, an diesem Abend die Mauer zu durchbrechen!"

Die bewegenden und ergreifenden Bilder dieses Abends gingen wohl durch die halbe Welt, flimmerten auf wahrscheinlich beinahe jedem deutschen Fernseher. Gezeigt wurden Menschen, die sich in den Armen lagen, und auch Freudentränen waren nicht selten. Begeisterung und Euphorie erfüllten die nächtliche Berliner Luft wie schon lange nicht mehr.

Mann im Dienst, Frau im Bett

"Man konnte das alles gar nicht fassen! Keiner konnte es fassen, dass man hin und her durfte, wie man wollte! Ich hab mich einerseits gefreut, konnte mich aber andererseits nicht richtig freuen, da ich ja meinen Arbeitsposten nicht einfach verlassen und alles unbeaufsichtigt lassen durfte." Auch Heinrich R.’s Mutter schien fassungslos, als er begeistert bei ihr anrief und ihr nahe legte, mit seiner Frau zum Grenzübergang in der Bernauer Straße zu gehen. "Die sagte nur ‚Ja, ja‘, sie war wahrscheinlich halb im Schlaf, genauso wie meine Frau."

Heinrich R. glaubt, dass kaum jemand am nächsten Tag zur Arbeit ging und etwa 90 Prozent der Firmen und Betriebe ohne Mitarbeiter waren. Die Menschen seien so euphorisch gewesen, dass sie alle selbst miterleben und spüren wollten, wie der Tag des Mauerfalls sich anfühlte. "Ich will es mir angucken, ich will es erleben", war wohl die Devise. Alle berichteten von ihren Erlebnissen, was sie gesehen hatten. Sie wollten ihre Freude mit anderen Menschen teilen, auch mit jenen, die verhindert waren, um sich selbst ein Bild zu machen. Sie tauschten ihre Gedanken aus.

Hauptsache: Dabei gewesen!

"Jeder, der an diesem Tag unterwegs war, der hat es heute noch in Erinnerung. Der Tag selbst ist entscheidend, dass man dabei war", findet Heinrich R.

Gemeinsam mit einer Kollegin sollte Heinrich R. zum ersten Mal einen Fuß auf Westberliner Boden setzen. Für ihn war der Moment, als sie den sonst gesperrten und bewachten Übergang am Tränenpalast in der Friedrichstraße überquerten, ein historischer Augenblick. "Wir waren auf einmal auf der anderen Seite und es war schon komisch, da zu sitzen. Jeder hat sich angelacht, gefreut, obwohl man sich nicht kannte. Das war eine sehr schöne Situation!"

Bevor Heinrich R. zur nächsten Nachtschicht antreten musste, fuhr er mit seiner Kollegin zum Kurfürstendamm, wo sich Tausende von Leuten vor den Schaufenstern drängten. "Am Tauendziehen hab ich 50 Prozent meiner Kollegen aus dem Hotel getroffen, die alle trotz des Dienstes gucken wollten, was los ist." Im Anschluss ging es Richtung Halensee, wo eine Sparkasse das Begrüßungsgeld in Höhe von 100 DM an ostdeutsche Bürger ausgab. Geschlafen hatte Heinrich R. an jenem Tag nur eine Stunde, doch das war ihm die Besichtigung wert.

Lauter Freunde

Die einst geteilte Stadt Berlin erglühte im Freudenfieber. Jeder war dieser Tage eines jeden Freund. Doch bei all diesem Tumult musste auch an die Zukunft gedacht werden, denn ein geteiltes Land wiederzuvereinen, sollte für die bundesdeutsche Regierung eine schwere Aufgabe werden. Das Volk jedoch war in den ersten Tagen des Mauerfalls wie blind und trunken vor Glück.

"Was noch kommen würde, darüber haben wir uns in dem Moment, in den ersten Tagen, noch keine Gedanken gemacht. Wir haben uns eben alle gefreut, dass endlich die Mauer offen ist!", sagt Heinrich R.

Wie wichtig ist eigentlich ein solch großartiger historischer Tag für das Individuum? Nach einem längeren Zögern antwortet Heinrich R.: "Es ist nicht der wichtigste Tag in meinem Leben gewesen, aber auf jeden Fall einer der Top 3." Der Mauerfall hat den Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung mehr Freiheit und mehr Kraft sowie Mut zur Selbstverwirklichung gegeben. Es sei ein wichtiger Tag, der "uns" weitergebracht hätte. Ja, denn Deutschland ist nun wieder eins.

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