"Ein Stückchen näher"

21.10.2009: Erinnerungen an die Wochen nach dem Mauerfall

Es ist Sonntag. Der Himmel ist grau, das Jahr geht in den Herbst über. Meine Familie sitzt in unserem vollgestopften Audi, wir kommen gerade von unserem Rügen-Kurztrip zurück. Mein Vater ist erschöpft von der Fahrt, dennoch hellt sich seine Miene auf, als ich meine ersten Fragen zur Wende stelle.

Trabant 601

Von Melanie Dahrendorf, 17 Jahre alt, Auszubildende aus Magdeburg

"Ich kam gerade von der Arbeit nach Hause, gut gelaunt, weil ich die nächsten zwei Wochen Urlaub hatte", erinnert er sich, "Meine Eltern saßen am Küchentisch und waren schon ganz aufgeregt. Mein Bruder war bereits weg, natürlich hatte er es sich nicht nehmen lassen, sich gleich sein Begrüßungsgeld abzuholen." In den ersten Tagen und Wochen nach dem Mauerfall zahlten nicht mehr nur die Stadtverwaltungen der BundesrepublikDeutschland, sondern auch Banken und Sparkassen das Begrüßungsgeld in Höhe von 100 DM aus, um dem Ansturm der Ostdeutschen Herr zu werden. Die Auszahlung eines Begrüßungsgeldes war bereits im Jahr 1970 eingeführt worden, um die Bedingungen für DDR-Bürger zu verbessern, die in den Westen reisen durften, die in der DDR nur sehr geringe Beträge tauschen konnten.

Die Stimmung im ganzen Land, so erinnert sich mein Vater, war auf einmal eine ganz andere. Die Menschen waren gelassen und glaubten nun an ein besseres Leben. Für meinen Vater jedoch war es keine schlagartige Veränderung - "Egal, ob vor oder nach der Wende - mir und der Familie hat es nie an etwas gefehlt.

Wohin in den Urlaub?

Am Donnerstag sollte es in den Urlaub in die ehemalige Tschechoslowakei, heute Tschechien, gehen. Die Taschen waren gepackt, und nun saßen sie am Küchentisch und fragten sich: "Was machen wir jetzt?" So fuhr die Familie am nächsten Tag erst einmal zum Verkehrspolizeiamt nach Salzwedel, um sich das Visum, den "heiligen Stempel im Ausweis" abzuholen. Dennoch wurde es nichts aus dem geplanten Urlaub, zu groß der Trubel aufgrund des großen historischen Ereignisses. Und so war mein Vater wie gewohnt am Samstag mit seinem Bruder Ralf unterwegs, alles war wie immer.

Bis sich die Brüder entschlossen, einen Kurzurlaub zu machen - in Celle. "Mein Bruder holte sich das Begrüßungsgeld natürlich schon zum zweiten Mal ab." Wie sich später herausstellt, war er nicht der einzige, der sich das Geld mehrmals auszahlen ließ: "Ein Bürgermeister aus der Gegend hat es sage und schreibe 36 Mal ausgezahlt bekommen". Meinem Vater ist es anzumerken, dass er sich an sehr viele Details erinnern kann und er diese Momente am liebsten nochmal durchleben würde. Der Mauerfall macht die Menschen lebendig.

Neue Erfahrungen

Den Firmenchefs entgeht sowas natürlich nicht, sie sagen: "Wer Montag nicht auf Arbeit erscheint, braucht überhaupt nicht mehr wiederzukommen." Wie gut, dass man Urlaub hat. So bummelten die Brüder durch Celle und kauften erst einmal die heutzutage "selbstverständlichen" Dinge: Kaffee, Schokolade, Bananen.

Abends übernachteten sie auf einem Campingplatz. Dort ließ eine Überraschung nicht lange auf sich warten: Morgens klopfte es am Fenster der beiden, ein junges Pärchen brachte frischen Kaffee. Das Pärchen lud sie zum Frühstück ein. Der Mauerfall lässt Freundschaften entstehen. Zum Pärchen, bei dem sie dann noch eine Woche lang gewohnt haben, hatten sie noch eine ganze Weile Kontakt.

Nach dem Urlaub ging es im Trabi mit dem Kennzeichen MNO-435 wieder zurück nach Bergen, wo die Freude über den Mauerfall immer noch unüberhörbar war. Aber mein Vater kann auch von weniger erfreulichen Erlebnissen berichten. Ein unvergessener Moment war, als die Türken in Westberlin versammelt vor einem Supermarkt standen und riefen: "Ossis raus, wir haben euch nicht gerufen!" Auch wunderten sich die Ostdeutschen über die Blicke der Berliner: "Die dachten wohl alle, uns ging es schlecht und wir wären halb verhungert." Der Mauerfall löst Vorurteile auf.

"Aber am meisten hat er die Menschen noch ein Stückchen näher zusammen gebracht", sagt mein Vater und steigt aus dem Auto. Und man sieht ihm an, wie viel ihm dieses Stück Erinnerung bedeutet.

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