März 1989

Ein Hauch von Perestroika weht von Osten in die DDR. Das ist revolutionär: Welches Echo findet dies in der Bevölkerung? Wie reagiert die SED-Führung kurz vor den Kommunalwahlen darauf?

Jahrgang: Neues
2009 Neues Alle
Wittenberg
Hoffnung auf Reformen - Heute bin ich bei Thomas M. zu Besuch. Er hat mich zu sich nach Hause eingeladen, in sein gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer. Thomas M. ist 51 Jahre alt und wäre gerne schon Rentner, wie er sagt. Er arbeitet auch heute noch im SKW-Werk von Wittenberg, seine große Leidenschaft sind Bücher. Sein Haus ist sehr schön eingerichtet, aber er will von Lob nichts hören. "Das hat alles meine Frau gemacht, ich hab damit gar nichts zu tun".
Arbeit im Leipziger VEB Bekleidungswerke
Gelernte DDR-Bürger - Die Unzufriedenheit der Bürger der Deutschen Demokratischen Republik stieg Anfang 1989 immer weiter. Nicht nur die Mangelwirtschaft, die fehlenden persönlichen Freiheiten und die schlechten Lebensbedingungen trugen dazu bei, sondern auch die Entwicklungen in den benachbarten Ostblockstaaten. Der Missmut der Bevölkerung nahm verschiedene Formen an. Die Einen gaben ihm durch Protest, Flugblattaktionen oder dem Beitritt zu einer oppositionellen Organisation Ausdruck, während die Anderen, vermutlich der Großteil des Volkes, Angst hatten, sich öffentlich zu bekennen und dadurch in das Visier der Staatssicherheit zu geraten.
Ostseeküste
Ein Hauch von Revolution - Ein Café am Rande der Stadt Rostock. Die Gäste sitzen ruhig an ihren Tischen und blicken abwechselnd in die ausliegenden Zeitungen und durch die Fenster nach draußen. Leise Musik dringt aus den Lautsprechern an der Decke. Die Zeit scheint still zu stehen. Ähnlich beschreibt der ruhige Rentner seine persönlichen Erlebnisse des Monats März 1989.
Foto: Claus Bach / Flyer
In der Fülle der Ereignisse untergegangen - In den vergangenen zweieinhalb Monaten klingelte bei einigen Weimarern das Telefon. Am anderen Ende der Leitung saß ich in meiner jugendlichen Neugier und fragte sie danach, wie und ob sie das Frühjahr 1989, und speziell den März dieses Jahres, in Erinnerung behalten haben. Die Antwort war nach einer kurzen Denkpause meistens: "Nein, ich kann mich nicht erinnern. Der März ist in der Fülle der Geschehnisse, die darauf folgten oder davor kamen, wohl ein wenig untergegangen."
Hammer, Zirkel und Ährenkranz
Der Anfang vom Ende - Susanne Wetzel sitzt am Küchentisch in einem der gemütlichen afrikanischen Ledersessel. Auf der Heizung trocknen Filzpuppen, Susanne ist selbstständige Künstlerin. Die Küche ist fröhlich eingerichtet und ein bisschen unordentlich, auf dem Tisch steht ein Topf mit betäubend gut riechenden Hyazinthen. Ansonsten ist er völlig beladen mit alten Ordnern und Heftern, die Susanne für das Interview herausgesucht hat.
Foto: HeiFisch / pixelio.de
"Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen" - Manfred Fischer kann ihn noch deutlich spüren, den Hauch von Perestroika, der damals in die DDR geweht wurde. "Perestroika ist russisch und bedeutet Umstrukturierung", erklärt er mir, während er ein Stück Apfelkuchen auf meinen Teller schiebt. Die Frage, ob ich dieses Thema jemals im Geschichtsunterricht behandelt habe, muss ich leider verneinen. "Verstehe", sagt er daraufhin, "Schenk dir ruhig noch Tee nach. Es wird ein langer Abend werden."
Fassade des Palastes der Republik, Sitz der Volkskammer der DDR
Bewegung im Block - Im März 1989 war Dr. Otmar Kny Ingenieur im VEB Fertighausbau Neuruppin, Vater einer Tochter, Ehemann, Hobby-Kegler und - Parteimitglied. Das war nichts Ungewöhnliches. Mitglied "der Partei", der SED, waren 2,3 Millionen Bürgerinnen und Bürger der DDR, fast jeder siebente. Das Parteibuch aber, das damals in Otmar Knys Schreibtischschublade lag, hatten in der DDR nur 134.000 weitere Menschen. Otmar Kny war Mitglied der Ost-CDU und aktiv im Bezirksparlament von Berlin-Lichtenberg.
Foto: www.grosshennersdorf.de
"Da war Spannung in der Luft" - Späterer Nachmittag an einem Donnerstag im Januar. Ein kühler Wind weht mir um die Ohren, als ich in Großhennersdorf aus dem Bus steige. Eine kleine, breite Landstraße führt mich an einsam wirkenden Bauerngehöften entlang, es ist einer dieser stillen Wintertage, an denen man stundenlang am Fenster sitzen und die vorbeiziehenden Wolken zählen könnte. Oder aber leicht orientierungslos durch ein 1.400-Seelen-Dorf stapft - so wie ich, auf dem Weg zur Umweltbibliothek Großhennersdorf.
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