Hoffnung auf Reformen

04.05.2009: Erste mutige Stimmen im Frühling 1989

Heute bin ich bei Thomas M. zu Besuch. Er hat mich zu sich nach Hause eingeladen, in sein gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer. Thomas M. ist 51 Jahre alt und wäre gerne schon Rentner, wie er sagt. Er arbeitet auch heute noch im SKW-Werk von Wittenberg, seine große Leidenschaft sind Bücher. Sein Haus ist sehr schön eingerichtet, aber er will von Lob nichts hören. "Das hat alles meine Frau gemacht, ich hab damit gar nichts zu tun".

Wittenberg

Von Nadja Thiel, 16 Jahre alt, Schülerin aus Wittenberg (Sachsen-Anhalt)

Durch die große Terrassentür kann ich seinen eindrucksvollen Garten sehen. "Man sieht noch nicht viel", sagt er, "nur ein paar Krokusse. Sie sind die Hoffnung auf den Sommer. Es ist wie bei uns damals - nur dass der Sommer kommen wird, die Reformen kamen nicht."

Damals, das war 1988, Thomas M. war gerade 30 Jahre alt und arbeitete im SKW-Werk zu Wittenberg. Dieses Werk stellt heute Dünger her, doch gebaut wurde es zu einem anderen Zweck, nämlich zur Herstellung von Kampfgasen im Ersten Weltkrieg.

Der Frühling der Mutigen

Thomas meint, dass seine Hoffnung vor 20 Jahren nicht unbegründet gewesen sei, denn Gorbatschow verfolgte seit Monaten die neue Politik von 'Glasnost' und 'Perestroika' im sozialistischen Bruderland. "Da dachten wir, es wäre bei uns auch bald soweit. Wenn selbst die Ungarn das Mehrparteiensystem einführen…"

Ich kann spüren, wie Thomas M. noch einmal alles hautnah miterlebt, als er sich erinnert. Es ist, als würde alles um uns herum verschwimmen, die Gegenwart wird unwichtig. Wir sind jetzt in der Vergangenheit. Die Vergangenheit bedeutet: Ein geteiltes Deutschland. Aber in der DDR regt sich so etwas wie Aufbruchstimmung. Es ist der Frühling der Mutigen.

Eines Tages, als Thomas zur Arbeit geht, findet eine Versammlung der Beschäftigten statt. Thomas nimmt auch daran teil. Es dreht sich alles um die neusten Ereignisse im östlichen Europa - und um die Frage, wann es in Deutschland bzw. in der DDR soweit sein wird. So eine Zusammenkunft ist für die DDR-Führung zum damaligen Zeitpunkt Hochverrat.

Haft für die "Aufrührer"

"Dabei war es eine ganz harmlose Kundgebung", schätzt Thomas heute ein. "Doch auf einmal kam der Chef und meinte, wir sollten ja wieder arbeiten gehen, sonst könnten wir was erleben." Viele, so auch Thomas, haben sich aus Angst gefügt. Wer wollte schon Probleme mit dem Staat bekommen? Ein paar Kollegen allerdings ließen sich nicht den Mund. Der Betriebsleiter machte wahr, was er angedroht hatte. "Er wollte einfach keine Aufrührer im Betrieb." Der Mann ließ tatsächlich die Staatssicherheit kommen, die Kollegen wurden verhaftet.

Trotzdem: "Gehofft haben alle, auch die, die es nicht zugeben wollten. Es war ja auch nicht so, dass wir unseren Staat auflösen wollten oder so etwas. Nein, das bestimmt nicht, schließlich nannten wir die DDR unsere Heimat. Wir sehnten uns einfach nach etwas mehr Freiheit und Mitbestimmungsrecht. Mitbestimmung in der Politik, aber auch im Alltag. 'Glasnost' und 'Perestroika' eben."

Die Sehnsucht von Thomas M. und vielen anderen erfüllte sich nicht, jedenfalls noch nicht im März. Die DDR-Führung ließ kaum Reformen zu. "Was die Bürger damals wollten, hat die Männer aus dem Zentralkomitee nicht interessiert", erzählt Thomas.

"Wir hofften, dass unsere Kollegen bzw. Freunde frei kommen. Wir hatten keine Ahnung, was mit ihnen geschehen war." Das wusste niemand so genau, deshalb hatte die Belegschaft einen Bittbrief geschrieben, in dem sie um die Freilassung ihrer Kollegen bat. Die SKW-Beschäftigten appellierten an die Menschlichkeit der Stasi-Mitarbeiter. "Sogar unser Chef hatte unterschrieben, es tat ihm wohl leid, dass die Männer gleich inhaftiert wurden. Wir haben auf das Menschliche in den Stasi-Mitarbeitern gehofft." Auch Thomas hatte unterschrieben, denn mittlerweile schämte er sich dafür, dass er einfach wieder an seine Arbeit gegangen war. "In dem Moment hatte ich einfach zu viel Angst vor den Folgen gehabt."

Die Kollegen kamen frei - nach drei Tagen, in denen sie fast rund um die Uhr verhört worden waren. Dies erfuhr die Belegschaft, also auch Thomas, erst etwa zwei Jahre später, da die Männer nicht darüber reden wollten bzw. konnten. Die Hoffnung im Frühjahr 1989 wurde so zunächst brutal erstickt - die Revolution verblieb in der Warteschleife, bis zum Herbst, in dem es dann kein Halten mehr gab.

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