Gelernte DDR-Bürger

24.04.2009: Die Vergangenheit ist unvergessen

Die Unzufriedenheit der Bürger der Deutschen Demokratischen Republik stieg Anfang 1989 immer weiter. Nicht nur die Mangelwirtschaft, die fehlenden persönlichen Freiheiten und die schlechten Lebensbedingungen trugen dazu bei, sondern auch die Entwicklungen in den benachbarten Ostblockstaaten. Der Missmut der Bevölkerung nahm verschiedene Formen an. Die Einen gaben ihm durch Protest, Flugblattaktionen oder dem Beitritt zu einer oppositionellen Organisation Ausdruck, während die Anderen, vermutlich der Großteil des Volkes, Angst hatten, sich öffentlich zu bekennen und dadurch in das Visier der Staatssicherheit zu geraten.

Arbeit im Leipziger VEB Bekleidungswerke "Vestis"

Von Juliane Fischer, 20 Jahre, Auszubildende aus Leipzig

Es ist schwierig, Zeitzeugen zu finden, die Kontakte zu jenen hatten, die protestierten oder die selbst auf die Straße gegangen sind. Aber die Bürgerinnen und Bürger, die sich zu Beginn der sich entwickelnden Protestbewegungen zurückhielten, gibt es wie Sand am Meer.

Hannelore und Dieter Fischer, ein glückliches Ehepaar aus der Leipziger Vorstadt, haben die DDR- Ära durchlebt und nicht vergessen. "Wir haben in diesem Staat gelebt, uns gefügt und eingegliedert. Wir haben uns aus dem, was geboten wurde, das Gute rausgezogen und sind der Arbeit nachgegangen." Hannelore in einem Krankenhauslabor und Dieter in einem volkseigenen Betrieb. "Wir waren in keiner Partei. Wir haben so in Unserem gelebt. In der DDR, mit der DDR, mit oder ohne Bananen. Wir waren eben gelernte DDR-Bürger."

Mit der Hoffnung wuchsen die Zweifel

Die Wahl zum sowjetischen Volksdeputiertenkongress, bei dem die Bürger erstmals zwischen mehreren Kandidaten entscheiden konnten und der Hauch von Glasnost und Perestroika, der von der Sowjetunion her wehte, waren Veränderungen, die die Bürger registrierten. Auch die Verhandlungen am Runden Tisch zwischen der Regierung und den Vertretern der Opposition Polens, der Bürgerrechtsbewegung Solidarnosc, und die Einführung des Mehrparteiensystems in Ungarn waren Ereignisse, die nicht spurlos an der Bevölkerung vorbei rauschten. Diese Veränderungen und Vorkommnisse "ließen Hoffnungen aufkommen, dass sich auch für die Bürger in der DDR etwas verbessern würde", erinnert sich Dieter. Die ersten Reaktionen waren: "Gibt es Erleichterungen in den Lebensbedingungen, mehr politische Freiheiten, eine bessere Versorgung, raus aus der Mangelwirtschaft?"

Mit der Hoffnung auf eine Umgestaltung in der DDR wuchsen gleichzeitig die Zweifel. Im Gedächtnis der Eheleute erwachten damals die Gedanken an die vorangegangenen Ereignisse. "Wir haben zwar gehofft, aber es war auch eine ganze Portion Pessimismus dabei, dass wir gesagt haben: ’Na ob das mal gut geht’. Wir haben uns gefragt, ob die Panzer wieder vorfahren wie im Juni 1953." Als 18-Jähriger war Dieter zu jener Zeit selbst noch im Streikkomitee und hatte "gelernt, dass es nicht gut geht, dass es nicht geht."

Die SED schirmte die DDR ab

Für viele Bürgerrechtsgruppen in der DDR galt die unabhängige Gewerkschaftsbewegung "Solidarität" aus Polen als beispielhaft. Solidarnosc war zu einer mächtigen Institution herangewachsen, die die führende Position der polnischen Staatspartei erfolgreich in Frage stellte. Diese oppositionelle Bewegung fand großen Anklang bei der ostdeutschen Bevölkerung. "Da hab ich mir erstmals gesagt: Das ist gut und die sind mutig", offenbart Dieter euphorisch.

Um den Funken der polnischen Gegenbewegung nicht auf das eigene Land überspringen zu lassen, hob die SED-Führung den visafreien Reiseverkehr zum Nachbarstaat auf. Die Kontakte der ostdeutschen Bürgerrechtler zu Gleichgesinnten aus Ungarn, der Tschechoslowakei und Polen konnte die Partei mit dieser Maßnahme nicht verhindern. Es fanden private Treffen und Veranstaltungen statt.

Ende der 1980er Jahre lebten circa 511.000 Einwohner in Leipzig. Nur etwa 300 von ihnen engagierten sich aktiv in oppositionellen Gruppen. Vernichtende 0,06 Prozent. Für die erhebliche Mehrheit der Menschen stand damals fest, dass sie als individuelle Person die Initiative, einer Organisation, die dem System entgegen gerichtet war, beizutreten oder zu unterstützen und die eigene Meinung öffentlich kund zu geben, nicht ergreifen würden. Familie Fischer "fehlte die Einstellung dazu. Wir haben die Wohnungstür zugemacht und haben uns dort unsere Meinung gebildet und gesagt, aber nach draußen eben nicht", erklärt Dieter.

Wir hatten Angst…

Dass die Masse schwieg, kann nicht als Konformität mit dem Kurs der SED ausgelegt werden. Im Gegenteil. "Wenn ich hinter Honecker gestanden hätte, hätte ich mich ja an dem Regime mit schuldig gemacht", prescht Dieter hervor. Es gab verschiedene Hintergründe, warum die Menschen verstummten. Zum einen waren die Meinungen der Einzelnen nicht gefragt oder es wurde nicht danach gehandelt. "Es war alles manipuliert, gewollt, überwacht und kontrolliert", steht für das Rentnerpaar eindeutig fest. Zum anderen war allseits bekannt, was den Aufsässigen widerfuhr.

Einer der bekanntesten ist der "Fall Biermann". Wolf Biermann klagte in seinen Liedern und Gedichten die Widersprüche zwischen der sozialistischen Idee und der Realität in der DDR an. 1965 wurde ihm bereits ein Auftrittsverbot in der DDR auferlegt, seine Tonträger waren nur in der BRD erhältlich, jedoch illegal weit verbreitet. Während Biermann ein Konzert in Köln gab, wiesen Honecker und Mielke seine Ausbürgerung an. Er hat die Staatsbürgerschaft "durch seine eigene Schuld, durch sein feindliches Auftreten gegen unseren sozialistischen Staat" verloren, hieß es am folgenden Tag im "Neuen Deutschland".

Kurzzeitige Verhaftungen, Observierungen, zum Teil langjährige Haftstrafen und Ausbürgerungen oder der Zwang zu "freiwilligen" Ausreise lehrten die Bürger das Fürchten. Auch Hannelore und Dieter hatten Angst, dass sie, wenn sie etwas Falsches sagten, diesen Maßnahmen zum Opfer fielen. Sie wollten all das, was sie sich über die Jahre hinweg aufgebaut haben, nicht riskieren. Hier in Leipzig "war die Familie", sagt Hannelore, nach meiner Hand greifend, besorgt, als ginge es um Leben und Tod.

… und schon zu viel erlebt

"Wir haben den 2. Weltkrieg mitgemacht und all den Schrecken. Da macht man erst mal vor solchen Sachen Halt." Hannelore und Dieter, geboren in Pommern und Schlesien, hatten nach dem 2. Weltkrieg ihr Zuhause, Brüder und Freunde verloren, in der DDR fanden sie ein neues Zuhause und gründeten eine eigene Familie.

Aus Angst, den Schrecken noch mal erleben zu müssen, ließen sie sich von der Regierung unterdrücken und schwiegen lange Zeit. Erst als zu den Montagsdemonstrationen in Leipzig die Massen mobilisiert waren, zeigten auch meine Großeltern Gesicht. Zwar bangten sie, dass die bewaffneten Polizisten, die links und rechts in den Häusern standen, den Befehl zum Schießen erhielten. Aber der Befehl kam nicht, zum Glück.

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