Ein Hauch von Revolution

14.04.2009: Die Ruhe vor dem Sturm an der Küste

Ein Café am Rande der Stadt Rostock. Die Gäste sitzen ruhig an ihren Tischen und blicken abwechselnd in die ausliegenden Zeitungen und durch die Fenster nach draußen. Leise Musik dringt aus den Lautsprechern an der Decke. Die Zeit scheint still zu stehen. Ähnlich beschreibt der ruhige Rentner seine persönlichen Erlebnisse des Monats März 1989.

Von Julian Oberth, 18 Jahre alt, Elmenhorst (MV)

Ostseeküste

"Sie können die Ereignisse und Erlebnisse im März des Jahres 1989 mit diesem Café vergleichen. In diesem Haus - Symbol für die DDR - ist es ruhig und die Lage ist stabil. Außerhalb dieses Hauses, also in Ungarn, verändert sich vieles Grundlegendes und es ist stürmisch."

Mit diesen Worten beschreibt Friedrich Maier die Zustände in der DDR zur damaligen Zeit aus seiner Sicht. "Man hat viele Gerüchte gehört. Aber nicht jedes Gerücht entsprach der Wahrheit. Es war damals sehr schwer, gesicherte, außerstaatliche Informationen zu erhalten", erzählt der ehemalige Ingenieur mit einem Lächeln in den Augen.

Einige Kollegen Maiers pflegen zu dieser Zeit Kontakte in verschiedene Untergrundbewegungen. Friedrich Maier selbst ist nicht politisch aktiv. Er ist zwar Mitglied der SED, aber diese Mitgliedschaft ist, so sagt er, rein beruflich. "Die Umstände verlangten von jedem die Partei-Mitgliedschaft. Eine Ausübung meines Berufes wäre ohne den Beitritt in die SED nicht möglich gewesen.", erklärt der Vater von drei Kindern mit einem Lächeln.

Unzufriedenheit

Von Veränderungen im Frühjahr 1989 ist öffentlich jedenfalls nicht die Rede. Das anstehende 40-jährige Bestehen der DDR soll würdevoll gefeiert werden. "Die Medien wurden von staatlicher Seite kontrolliert und nur gewünschte Informationen gelangten an die Ohren der Bürger der DDR. Daher habe ich von vielen Ereignissen erst nach dem Untergang der DDR erfahren", erinnert sich Friedrich Maier.

Dennoch brodelt es im Untergrund, und mit der Zeit werden immer mehr Teile der Gesellschaft erfasst. "Unter den 16 Millionen Einwohnern der DDR fanden sich viele Unzufriedene. Diese kamen aus allen Teilen der Gesellschaft und waren keine Randgruppe. Besonders in den Kirchen war ein Hauch von Revolution zu spüren. Allerdings war es damals immer noch gefährlich, sich politisch aktiv gegen das Regime der DDR zu stellen. Man sprach immer wieder über die Verhaftungen und Angriffe gegen Kritiker des Systems", erinnert sich der Hobbyhistoriker.

Verschiedene Wege, aber ein Ziel

Für Friedrich Maier ändert sich in diesen Frühlingstagen äußerlich nichts. Er geht wie gewohnt einkaufen und trifft sich nach der Arbeit mit Kollegen und Bekannten. Dennoch merkt er, wie sehr bestimmte Kreise auf Veränderungen des politischen Systems, ähnlich wie in Ungarn, hoffen. Einige planen sogar ihre Flucht über die Grenze zwischen Österreich und Ungarn im nächsten Sommerurlaub. "Ich habe gemerkt, dass viele, die von den Umständen in Ungarn wussten, die damalige Situation innerhalb der DDR nicht mehr hinnehmen wollten", sagt der Rentner mit erhobenen Finger.

Aber damals ist er skeptisch. Er glaubt nicht, dass sich diese Bewegungen politisches Umdenken erzwingen können. "Die Meinungen der Einzelnen waren zu verschieden, und trotz dieser Differenzen hatten sie anfangs ein gemeinsames Ziel. Nämlich das der politischen Reformen hin zu einem Mehrparteiensystem ohne ein Monopol der SED", erläutert Friedrich Maier die damalige Situation in der DDR. Die kommenden Monate sollten beweisen, dass Bewegungen dieser Art die politische Landschaft der DDR nicht verändern, sondern abschaffen würden.

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