In der Fülle der Ereignisse untergegangen

26.03.2009: Erinnerungen an eine ereignisreiche Zeit

In den vergangenen zweieinhalb Monaten klingelte bei einigen Weimarern das Telefon. Am anderen Ende der Leitung saß ich in meiner jugendlichen Neugier und fragte sie danach, wie und ob sie das Frühjahr 1989, und speziell den März dieses Jahres, in Erinnerung behalten haben. Die Antwort war nach einer kurzen Denkpause meistens diese: "Nein, ich kann mich nicht erinnern. Der März ist in der Fülle der Geschehnisse, die darauf folgten oder davor kamen, wohl ein wenig untergegangen."

Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar 1989

Von Claudia Hammermüller, 19 Jahre, Absolventin eines FSJ Kultur in Weimar

Dabei scheint der März 1989 kein unbedeutender Zeitraum gewesen zu sein: Gleich zu Beginn, am dritten des Monats, lässt der ungarische Ministerpräsident Miklos Nemeth bei seinem Antrittsbesuch in Moskau verlauten, er wolle die Grenzanlagen zu Österreich nicht erneuern. Zudem schmiede seine Regierung den Plan, in Ungarn ein Mehrparteiensystem einzuführen. Gegenüber Michael Gorbatschow, dem damaligen sowjetischen Staats- und Parteichef, verlangt er außerdem den Abzug der sowjetischen Truppen aus seinem Land sowie die Entfernung der atomaren Mittelstreckenraketen. Eine unter anderen Umständen vielleicht gewagte Äußerung, aber Gorbatschow versichert Nemeth, dass die Sowjetunion nicht in seine Pläne eingreifen werde und unterzeichnet am 21. März ein Dekret, das die Reduzierung der sowjetischen Truppen um eine halbe Million Mann bis Ende 1990 festhält.

Und auch ein tragischer Vorfall ereignet sich: bei einem waghalsigen Fluchtversuch mit einem selbstgebastelten Heißluftballon kommt der 32-jährige Winfried Freudenberg ums Leben. Er wird der letzte DDR-Bürger sein, der bei einem Fluchtversuch stirbt.

Der damals 23-jährige Student Gernot Lindemann kann sich an diese Ereignisse nur noch vage erinnern. Er ist an der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar immatrikuliert und zu dieser Zeit vor allem mit seinem Studium beschäftigt. "Ich stand damals aber auch unter besonderer Beobachtung", merkt er an.

Flugblätter und andere revolutionäre Akte

Grund dafür ist eine Flugblattaktion, die sich Ende November 1988 in Weimar ereignete. Studenten der heutigen Bauhaus-Universität verteilten in der Nacht vom 24. auf den 25. Flugblätter und Transparente mit staatskritischem Inhalt. Darauf protestierten sie gegen das Verbot der sowjetischen Zeitung "Sputnik" in der DDR. Diese war eine in mehreren Sprachen verlegte Zeitschrift der sowjetischen Nachrichtenagentur Nowosti, die im Zuge der Glasnost- und Perestroikapolitik Gorbatschows verstärkt kritische Berichterstattungen druckte.

"Ich hing zwar in der nächtlichen Aktion nicht mit drin, gehörte aber zu einer Gruppe von acht Studenten, die am Morgen des 25. November aus Protest eine Lehrveranstaltung ,Marxismus-Leninismus‘ verließen. Diese Handlung wurde daraufhin als konterrevolutionärer Akt eingestuft und wir sollten exmatrikuliert werden."

Glück gehabt

Nach einigem Hin und Her kam es zum Glück doch nicht dazu. Dass hat er jenen Hochschulmitarbeitern zu verdanken, die freiheitlichen Gedanken offener gegenüber standen. "Es gab solche und solche. Und unser damaliger Rektor gehörte wohl zu denen, die in einigen Dingen weniger DDR-verbunden waren. Er wurde im Anschluss auch abgesetzt", erinnert sich Gernot Lindemann.

"Ich selbst wurde in einem öffentlichen Disziplinarverfahren, einem Schauprozess, verurteilt und fortan besonders beobachtet", blickt er zurück. Und diese ‚besondere Beobachtung‘ hat sich eben auch auf sein Studentenleben ausgewirkt: "Eigentlich war es zum Beispiel nicht üblich, die morgendlichen Lehrveranstaltungen halb acht zu besuchen. Für meine ebenso verurteilten Kommilitonen und mich gab es aber eine Anwesenheitsliste, die anscheinend nur dazu existierte, dass unsere acht Namen darauf standen." In Lindemanns Stimme liegt ein Lächeln, während er diese Episode erzählt.

Grenzen

Daran gehindert, weiterhin in der Evangelischen Studentengemeinde in Weimar aktiv zu sein, hat ihn diese verstärkte Überwachung allerdings nicht. Nach wie vor organisierte er mit den kirchlichen Mitstudenten Informationsveranstaltungen zur politischen Situation oder war an der Veröffentlichung von alternativer, nicht systemkonformer Literatur beteiligt. "Auf meine Aussagen und darauf, nicht erwischt zu werden, musste ich natürlich stärker aufpassen", fügt der heutige Wahlberliner schnell hinzu.

Angst vor der Stasi hatte er allerdings keine, auch, wenn es oft genug Veranstaltungen gab, auf denen ehemalige politische Häftlinge von ihren Erlebnissen erzählten. "Man musste einfach aufpassen, was man sagt. Irgendwie hatte ich mich damit abgefunden und daran gewöhnt, bestimmte Sachen nur wirklichen Vertrauten beim Parkspaziergang zu erzählen. Es gab eine Grenze, was man tun oder sagen durfte und was nicht. Und für diese Grenze musste man einfach ein Gefühl entwickeln", entsinnt sich der selbstständige Architekt, "Mit der Flugblattaktion damals an der Uni wurde diese staatskritische Grenze zum Beispiel überschritten. Ich hätte diesen Mut nicht gehabt."

Gut und bewundernswert war die Flugblattaktion allemal. Obwohl Lindemann die Zeitung anfangs nur ab und zu gelesen habe, erinnert er sich an die vielen Stunden, die er in der Bibliothek verbrachte, wo die "Sputnik" vor ihrem Verbot auslag.

Vom Staat beobachtet, aber toleriert

Informationen über die Verhältnisse bezog er nicht nur aus dieser Lektüre, sondern ebenso durch die Kirche. Sie bot einen gewissen Schutzraum, selbst, wenn es sicherlich in jeder Gemeinde den ein oder anderen IM gegeben hat. "Es existierten da zum Beispiel diese illegal hergestellten Zeitschriften, die per Hand verbreitet wurden. Darin stand unter anderem, wie mit Protestanten in der DDR umgegangen oder was damals alles in die Flüsse gekippt wurde. Diese Blätter versuchten, den fehlenden objektiven Journalismus zu ersetzen", denkt er zurück. Wer es damals gewollt und sich ein bisschen mit den Zuständen auseinandergesetzt habe, der hätte wissen können, was los war, meint Lindemann.

Erste Strukturen weichen auf

Während Ende März die Wahlen zum ersten sowjetischen Volksdeputiertenkongress stattfanden, es die Möglichkeit gab, erstmals zwischen mehreren Politikern zu wählen, versuchte das SED-Regime weiterhin, möglichst wenig Umstrukturierungsmaßnahmen zu veranlassen. Immerhin kündigt die DDR-Regierung Ende März eine Lockerung der Reisebestimmungen in den Westen an. Wohl auch, weil im März insgesamt 5.176 Bürgern die Flucht in den Westen gelang. Immerhin 4.478 durften die DDR mit Genehmigung verlassen.

Drei Monate später, im Juni 89, darf Gernot Lindemann besuchsweise in die BRD reisen. An sich ein Widerspruch, nach allem, was geschehen war. "Aber zum Glück gab es diese neue Bestimmung. Die besagte, dass DDR-Bürger ihre Westverwandten zu runden Geburtstagen besuchen dürfen. Mein Onkel feierte damals seinen 50", erklärt er. Mit seinem Aufenthalt in Westdeutschland sei natürlich auch die intensive Überlegung verbunden gewesen, nicht wieder in die DDR zurückzukehren, so Lindemann weiter. Familie, Freunde und die Kirche haben ihn davon abgehalten.

Er erzählt mir, dass es in jenen Tagen eine Diskussion in der Evangelischen Glaubensgemeinschaft gab: "Bleibe im Lande und wehre dich täglich" lautete das Motto. An und für sich eine bedenkenswerte Sache, schließlich könne man sich seine Welt nicht immer aussuchen, findet auch der damalige Student. Trotzdem: "Wenn die Wende nicht gekommen wäre, wäre ich über kurz oder lang vielleicht doch gegangen."

Eine absurde Zeit

"Es war einfach eine völlig absurde Zeit damals", schließt der heute 43-jährige ab, "auf der einen Seite waren Glasnost und Perestroika in vollem Gange und es wurde zum Beispiel aus der Sowjetunion über Vorgänge berichtet, die es in der DDR (noch) nicht gab. Aber auf der anderen Seite war es nur schwer vorstellbar, dass sich die sozialistischen Strukturen so schnell auflösen würden."

Ihm sei im Frühjahr 89 zwar klar gewesen, dass die Verhältnisse nicht mehr lange bestehen werden. Aber dass sich so schnell alles ändern würde, daran habe er nicht geglaubt: "Ich dachte eher an die ungarische oder polnische Verhältnispolitik. Daran, dass es politische und gewerkschaftliche Oppositionen geben wird. Wir überlegten auch, dass die DDR leer wäre, wenn die Mauer fällt - weil alle jungen Menschen in den Westen gehen würden. Von daher war der Mauerfall für uns unrealistisch, er bot einfach keine Lösung", ruft Gernot Lindemann sich frühere Gespräche mit Vertrauten zurück ins Gedächtnis, "Uns ging es eher darum, dass jeder einmal wegfahren darf."

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