Der Anfang vom Ende

12.03.2009: Oder: Die Konsequenz der Sturheit

Susanne Wetzel sitzt am Küchentisch in einem der gemütlichen afrikanischen Ledersessel. Auf der Heizung trocknen Filzpuppen, Susanne ist selbstständige Künstlerin. Die Küche ist fröhlich eingerichtet und ein bisschen unordentlich, auf dem Tisch steht ein Topf mit betäubend gut riechenden Hyazinthen. Ansonsten ist er völlig beladen mit alten Ordnern und Heftern, die Susanne für das Interview herausgesucht hat.

Von Maud Wetzel, 16 Jahre alt, Schülerin aus Schwerin

Hammer, Zirkel und Ährenkranz

"Von den Veränderungen im Osten haben wir damals kaum etwas mitgekriegt, es wurde verschwiegen, dass überhaupt etwas passierte", sagt die heute 41-Jährige und schaut nachdenklich aus dem Fenster. "Wenn überhaupt, dann konnte man so etwas ja nur über das Westfernsehen mitkriegen. Oder durchs Westradio." Es geht um den März 1989, als plötzlich eine langsame Veränderung in einigen sozialistischen Ländern vonstatten ging: Bei den Wahlen zum sowjetischen Volksdeputiertenkongress konnte man zum ersten Mal zwischen mehreren Kandidaten entscheiden, Ungarn beschloss ein Mehrparteiensystem einzuführen, und das Grenzsicherungssystem nach Österreich sollte verändert werden.

Im Keim erstickt

Wie reagierte die DDR auf diese ? Gab es auch in der DDR zu dieser Zeit spürbare Veränderungen?

Susanne Wetzel meint, es gab keine Veränderungen, jedenfalls nicht solche, wie in den sozialistischen Nachbarländern: "Die DDR hat alle revolutionären Ideen schon im Keim erstickt." Sie hat, statt auf langsame Weiterentwicklung zu setzen, gewaltsam am alten System festgehalten. "Und das war ihr Untergang...", sagt Susanne und lächelt.

Außenseiter

Susanne Wetzel und ihre Familie waren damals als "staatsfeindlich" eingestuft, weil sie nicht mit den sozialistischen Ideen und der herrschenden Partei konform gingen. Die Familie engagierte sich in der Kirche, und Susanne wurde darin unterstützt, nicht Mitglied der FDJ zu werden und sich statt der Jugendweihe konfirmieren zu lassen. Sie war auch in einer Band, die kritische Ideen äußerte und trug den Aufnäher "Schwerter zu Pflugscharen". Aus diesen Gründen durfte sie das Abitur nicht machten und absolvierte eine Ausbildung zum Wirtschaftskaufmann - in der DDR gab es damals keine geschlechterspezifischen Berufsbezeichnungen.

Auf dieser Grundlage konnte sie dann in einer kirchlichen Einrichtung Gemeindepädagogik studieren und wäre beinahe Pastorin geworden, wäre mit dem Ende des Jahres 1989 nicht auch das Ende der DDR gekommen. Damit eröffneten sich ihr noch viel mehr Möglichkeiten, sie studierte Pädagogik und bekam schließlich ihr Diplom.

Etwas Positives an der DDR? Gab es in Susannes Augen nicht. In allem, was sie sagt, schwingt auch eine Kritik mit. Sie meint zum Beispiel, dass durch die gemeinsamen Ziele enge Freundschaften entstanden sind, die bis heute halten: "Ich glaube, das ist in allen Diktaturen so. Durch einen gemeinsamen Gegner können sehr enge Freundschaften entstehen. Vor allem, weil man eine Außenseitergruppe verkörpert, das schweißt zusammen."

Keine Nostalgie!

Das Gemecker vieler DDR-Nostalgiker, dass es damals keine Arbeitslosigkeit gab, macht sie einfach nur wütend. "Die meisten saßen einfach nur rum und hatten trotz Arbeitsstelle nichts zu tun", erinnert sich Susanne. Durch die schlecht organisierte Zentralwirtschaft der DDR herrschte oft Mangel an Material -es konnte nicht weitergearbeitet werden. "Für die, die wirklich arbeiten wollten, war das furchtbar!", wettert die Künstlerin.

Lange Zeit bekam man in der DDR immer eingetrichtert: "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen." Als sich in der Sowjetunion jedoch deutliche Veränderungen abzeichneten, war diese Maxime kaum noch zu hören. Susanne weiß noch genau: "Plötzlich waren die Übersetzungen sowjetischer Zeitungen, die es vorher noch an jeder Ecke gab, nicht mehr aufzutreiben."

So wurden die Lebensumstände in der DDR immer unerträglicher - statt sich langsam zu verändern und zu entwickeln. Bis die Unzufriedenheit zu groß wurde. Hätte sich die DDR, wie bis dahin immer, auch im März ein Beispiel an ihrem sowjetischen "großen Bruder" genommen, wäre es womöglich gar nicht so weit gekommen. Susanne meint dazu ironisch lächelnd: "Meinen besten Dank an die Dummheit und Sturheit der Genossen!"

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