"Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen"

10.03.2009: Reformgedanken aus dem Ostblock

Manfred Fischer kann ihn noch deutlich spüren, den Hauch von Perestroika, der damals in die DDR geweht wurde. "Perestroika ist russisch und bedeutet Umstrukturierung", erklärt er mir, während er ein Stück Apfelkuchen auf meinen Teller schiebt. Die Frage, ob ich dieses Thema jemals im Geschichtsunterricht behandelt habe, muss ich leider verneinen. "Verstehe", sagt er daraufhin, "Schenk dir ruhig noch Tee nach. Es wird ein langer Abend werden."

Von Olivia Sardinas, Studentin, 18 Jahre alt, aus Thüringen

DDR in der Einbahnstraße

"Alles begann, als Michail Sergejewitsch Gorbatschow am 11. März 1985 zum Generalsekretär der KPdSU, also der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, gewählt wurde", erfahre ich. "Die Politik von Glasnost und Perestroika wurde eingeleitet, als 'Revolution von oben' sozusagen", fährt Manfred Fischer fort, während er versonnen aus dem Fenster schaut.

Glasnost stand für die 'Durchschaubarkeit', die Meinungs- und Pressefreiheit. Die Perestroika symbolisierte die Modernisierung der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Umstände der Sowjetunion. Der Sozialismus sollte einen demokratischen Ansatz erhalten, insbesondere durch freie Wahlen, Gewaltenteilung und ein erweitertes Rechtsstaatsprinzip.

"Gorbatschow hatte eingesehen, dass es nicht so weitergehen konnte wie bisher. Die Wirtschaftslage war miserabel, das hatte keine Zukunft", stellt Manfred Fischer fest. "Im Oktober 1988 wurde Gorbatschow dann zum neuen Staatsoberhaupt der UdSSR ernannt", fährt der heute 43-Jährige fort. Kurz darauf, am 26. März 1989, konnten die Bürger bei den Wahlen zum 1. sowjetischen Volksdeputiertenkongress, erstmals zwischen mehreren Kandidaten entscheiden.

Protestgedanken als Ausdruck des Entsetzens

"Meiner Meinung nach ist es ganz eindeutig, dass die Ursache für die Reformgedanken in der DDR-Bürgerbewegung in eben dieser Entwicklung zu suchen ist", antwortet Manfred Fischer auf meine Frage, ob die Neuerungen innerhalb der Sowjetunion in der ehemaligen DDR überhaupt wahrgenommen wurden. "Die Menschen schöpften Hoffnung. 'Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!', wurde uns ja immer eingebläut. Komischerweise schien dieser Leitsatz aber seit Beginn der Ära Gorbatschow vergessen", erläutert der gelernte Fachverkäufer seine Überzeugung.

Obwohl die Erwartungen groß waren, konnte niemand bedingungslos an eine Umgestaltung unter der alten Führung glauben - und das, wie sich herausstellte, zurecht. "Wir waren entsetzt, dass es keine Reform bei uns geben sollte", klagt Manfred Fischer an, "und dieses Entsetzen war der Hauptgrund für das politische Aufbegehren der Bürger." Da einige ostdeutsche Bürgerrechtler in gutem Kontakt zu Gleichgesinnten in der Tschechoslowakei, Polen oder Ungarn standen, fanden regelmäßig private Treffen und Veranstaltungen statt. Auf diesem Weg konnten praktische Erfahrungen ausgetauscht werden, die den DDR-Bürgern Hilfe leisten sollten.

Sputnik bringt das Fass zum Überlaufen

Am 19.11.1988 lässt Erich Honecker die sowjetische Zeitschrift "Sputnik" sowie fünf sowjetische Filme verbieten. Dieses Verbot wühlt nicht nur die Leser und Liebhaber der verbannten Medien auf. Auch andere Schichten der Bevölkerung beginnen, ihrem Missmut Ausdruck zu verleihen. "Ich weiß noch ganz genau, wie aufgeregt wir alle waren. 'Das kann doch nicht wahr sein', rief es von überall her. Meine Kollegen und ich, wir hatten kein anderes Thema mehr", erinnert sich Manfred Fischer an seine Reaktion auf das Verbot zurück.

Besonders Künstler melden sich kritisch zu Wort. Mail-Art-Postkarten, Aufkleber und im Selbstverlag erschienene Zeitschriften, wie die "Glasnot", werben unter Umgehung der staatlichen Druckgenehmigung für Veränderungen in der DDR. Die Krönung des Protestes gegen die staatlichen Verbote: Eine Aktion junger Leipziger Bürgerrechtler im November 1988. Sie versammeln sich während des Internationalen Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmfestivals vor einem Kino in der Innenstadt. Dort lassen sie Luftballons mit der Aufschrift "Sputnik" und den Titeln der fünf Filme steigen.

Rebellion, so weit das Auge reicht

Die Protestaktionen häufen sich, spiegeln die Unzufriedenheit der Bevölkerung immer deutlicher wieder. Im Februar 1988, schreibt der junge Buchhändler Jürgen Tallig seine Meinung an die Wände eines Leipziger Fußgängertunnels: "Wir brauchen Offenheit und Demokratie wie die Luft zum Atmen", steht dort. Und: "Neues Denken auch nach innen". Er bekennt sich zu seiner Tat, da er die Ansicht vertritt, "man könne nicht Offenheit einklagen und sich dann verstecken". Das Kreisgericht Leipzig-Stadt verurteilt ihn zur Zahlung von 6000,- Mark. "Der Staat wähnte sich als Sieger, hatte er das Denken und Handeln Talligs doch bestraft. Aber die Solidarität der Leipziger, die hat er unterschätzt", erzählt Manfred Fischer mit einem triumphierenden Lächeln auf den Lippen. "Es gab eine Kollekte, um Tallig bei der Begleichung der Strafe zu unterstützen. Über 1000,- Mark kamen da zusammen, das war damals eine Menge Geld", staunt er, während er Daumen und Zeigefinger symbolisch aneinander reibt. "Es war einfach erfrischend zu hören, zu spüren, zu wissen, dass wir Bürger uns nicht unterbuttern lassen. Das gab uns die Kraft, weiter zu hoffen, bis die Mauer dann endlich fiel."

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