Bewegung im Block

09.03.2009: Erfahrungen eines aktiven CDU-Mitglieds in Ost-Berlin

Im März 1989 war Dr. Otmar Kny Ingenieur im VEB Fertighausbau Neuruppin, Vater einer Tochter, Ehemann, Hobby-Kegler und - Parteimitglied. Das war nichts Ungewöhnliches. Mitglied "der Partei", der SED, waren 2,3 Millionen Bürgerinnen und Bürger der DDR, fast jeder siebente. Das Parteibuch aber, das damals in Otmar Knys Schreibtischschublade lag, hatten in der DDR nur 134.000 weitere Menschen. Otmar Kny war Mitglied der Ost-CDU und aktiv im Bezirksparlament von Berlin-Lichtenberg.

Von Josefa Kny, 21 Jahre alt, Studentin aus Berlin

Fassade des Palastes der Republik, Sitz der Volkskammer der DDR

Die CDU war eine der vier Blockparteien in der DDR. Blockparteien hießen die Parteien, die neben der SED bestehen durften. Ihre Mitglieder hatten Sitze in der Volkskammer und den Regionalparlamenten inne. "Die Sitze wurden nicht in demokratischen Wahlen vergeben, sondern waren schon vorher festgelegt", erklärt Otmar Kny. Der Anteil der Sitze der Blockparteien war nach einem festen Schlüssel von der SED festgelegt. Im Bezirksparlament Berlin-Lichtenberg erhielt die CDU zehn Prozent der Sitze. Zehn einsame CDU-Bezirksverordnete gegen die Übermacht der SED. Otmar Kny war seit 1974 einer von ihnen.

"Die Blockparteien waren ein quasi-demokratisches Scheinmäntelchen", beschreibt der heutige Rentner. "Es diente der Darstellung des Querschnitts der Bevölkerung in den jeweiligen örtlichen Vertretungen." In den Parlamenten hatten die Blockparteien so gut wie keinen Einfluss. Der CDU war vor allem wichtig sicherzustellen, dass eine starke Verfolgung der Kirchen in der atheistisch-ideologisierten DDR unterblieb. Dass sich die Rolle der CDU in der DDR über die Jahrzehnte hinweg verändert hat, kann Otmar Kny nicht bestätigen. Sie bliebt ein Ärmel des quasi-demokratischen Scheinmäntelchens. Doch plötzlich schienen sich dessen Knöpfe zu lösen.

Leichter Wind von Osten

"Im Frühjahr 1989 war neu, dass ein größeres Interesse innerhalb der CDU an dem festgelegten Anteil der Sitze bestand", sagt der spätere Stadtrat für Wissenschaft und Forschung im Berliner Magistrat und fügt bezeichnend hinzu: "Unabhängig davon, dass die Wahl selbst eine Scheinwahl blieb wie in den Jahren zuvor." Die Wahlen, die schon im Vorhinein so viel Aufmerksamkeit erhielten, waren die Kommunalwahlen am 7. Mai 1989. Plötzlich wollten über zwanzig CDU-Mitglieder einen Posten als Bezirksverordneter abbekommen. Das waren doppelt so viele Bewerber wie gewöhnlich für ein Amt, das monatlich nur 70 DM und einen Freifahrschein für die öffentlichen Verkehrsmittel abwarf. Was bewegte sich da?

"Der Frische Wind kam aus Osten, nämlich aus der damaligen Sowjetunion", erzählt der heute 68-Jährige. Dort durfte das sowjetische Volk zum ersten Mal zwischen mehreren und sogar reformorientierten Kandidaten für den Volksdeputiertenkongress, das höchste gesetzgebende Organ der Sowjetunion, entscheiden. Otmar Kny drückt es so aus: "Der Begriff Perestroika ist über die Grenze geweht." Doch wahrnehmen konnte ihn nur, wer heimlich Funk und Fernsehen aus Westdeutschland verfolgte. In den gelenkten Medien der DDR fanden diese Ereignisse keinerlei Erwähnung.

Doch genau dieses offensichtliche Verheimlichen gab den Menschen in der DDR Hoffnung. Für Otmar Kny, seine Freunde und Parteimitglieder war klar: "Wenn im Westen über die Veränderung berichtet wird und im eigenen Land überhaupt nicht, dann ist das ein Beweis für die Tatsache, dass es erhebliche Veränderungen gegeben hat und das man von diesen Veränderungen ferngehalten werden soll." Die Konsequenz aus diesem Verdacht war das gestiegene Interesse an politischen Ämtern innerhalb der CDU.

Alles hat seine Vor- und Nachteile

Es gehörte kein großer Mut dazu, Mitglied in der CDU zu sein. Manchen Nachteil hat Otmar Kny jedoch deutlich zu spüren bekommen. In den 1980er Jahren wollte er neben der Arbeit im Betrieb seine Promotion erlangen. Damals nannte man das eine "außerplanmäßige Aspirantur". Als er dafür bei der Betriebsleitung einen Antrag stellte, um einen Tag im Monat für die Doktorarbeit frei zu bekommen, machte das schnell die Runde. Noch während der Dienstzeit beriefen die SED-Mitglieder im Betrieb eine Parteiversammlung ein. Nach einer Weile ließen sie das Urteil verlauten: "Du kannst machen, was du willst. Aber eine außerplanmäßige Aspirantur kriegt erst der Genosse - und dann du", weiß Otmar Kny noch wie heute. Und so musste er noch vier Jahre warten, bevor er seinen Doktortitel verliehen bekam.

Dennoch ist Otmar Kny, der auch nach der Wende noch in der CDU aktiv war, im Rückblick zufrieden mit seiner Entscheidung: "Für mich kam als Partei nur die CDU in Frage. Damit war für mich klar, die SED kommt nicht zu mir zum Werben." Wer nicht in einer Partei war, bekam ständig Besuch von SED-Mitgliedern, die unter anderem Lohnerhöhungen anboten, wenn man doch in die Partei eintreten würde. "Solche Diskussionen waren dann von Vornherein tabu, weil ich eben gleich 1966 nach dem Studium zur CDU marschiert bin." Er beschreibt einen Weg, den viele DDR-Bürger gegangen sind.

Heute wie damals?

Heute denkt Otmar Kny auch kritisch über die Rolle der Blockparteien: "Indem die Blockparteien mitgemacht haben, haben sie das System auch stabilisiert, weil sie indirekt natürlich die Breite der Bevölkerung repräsentiert haben", gesteht er ein. Dennoch steht er zu seiner 15-jährigen Arbeit im Bezirksparlament: "Nur wer mitarbeitet und sich nicht verweigert kann auch im beschränkten Maße etwas ändern. Die Erkenntnis war allerdings dadurch getrübt, dass die Veränderungsmöglichkeiten eher minimal waren."

Auf die Zeit für die CDU im Bezirksparlament von Berlin-Lichtenberg blickt er zurück, wie auf das Leben in der DDR insgesamt: "Man hat im Wesentlichen in der Familie und im Freundeskreis gelebt und ein Stück weit parallel zur offiziellen Politik. Ein paralleles Leben nach Feierabend sozusagen."

Im März 1989 kam Bewegung in die politischen Verhältnisse im Ostblock - auch in der DDR. Ganz einordnen konnte das im Frühjahr allerdings noch niemand: "Im März konnte man nicht erkennen, dass die DDR untergeht", davon ist Otmar Kny überzeugt. Dass der Zusammenbruch des Regimes dann viel schneller kam als erwartet, war das Beste, was Familie Kny - wie auch den meisten anderen DDR-Bürgern - geschehen konnte. Heute lebt er mit seiner Frau in Berlin Charlottenburg, geht gern ins KaDeWe und hat fast jeden Ort in Deutschland und fast alle Ländern der Welt bereist. Ohne den Fall der Mauer, wäre das alles noch heute undenkbar.

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