"Da war Spannung in der Luft"

09.03.2009: Erste Gedanken an Reformen

Späterer Nachmittag an einem Donnerstag im Januar. Ein kühler Wind weht mir um die Ohren, als ich in Großhennersdorf aus dem Bus steige. Eine kleine, breite Landstraße führt mich an einsam wirkenden Bauerngehöften entlang, es ist einer dieser stillen Wintertage, an denen man stundenlang am Fenster sitzen und die vorbeiziehenden Wolken zählen könnte. Oder aber leicht orientierungslos durch ein 1.400-Seelen-Dorf stapft - so wie ich, auf dem Weg zur Umweltbibliothek Großhennersdorf.

Von Annemarie Mönch, 18 Jahre alt, Gymnasiastin aus Zittau

Alte Bäckerei mit Umweltbibliothek

Die Umweltbibliothek ist ein kleines, unscheinbares Haus. Der enge Vorraum gewinnt allein durch den in einer Ecke stehenden Getränkeautomaten und die überall hängenden Filmplakate an Farbe. Letztere sind zugleich ein Verweis auf die in der "Alten Bäckerei", die ebenfalls im Gebäude untergebracht ist, stattfindenden Filmvorführungen. In die oberen Räume führt eine steile Holzstiege.

Nachdem ich eine Weile gewartet habe, öffnet sich die Eingangstür. Ein Mann in dunkler, sportlicher Kleidung mit schulterlangem, weißem Haar betritt den Raum. Nach kurzer Begrüßung sind wir schon auf dem Weg - die schmale Stiege hinauf in die oberen Räume.

Regalmeter voller Schätze

Hier bekomme ich einen Einblick in die gesammelten Schätze der Bibliothek. Der Literaturbestand widmet sich nicht nur - wie der Name Umweltbibliothek vielleicht vermuten lassen könnte - ausschließlich der Umwelt, sondern birgt eine weltumfassende Sammlung an politischen und historischen Werken sowie eine große Zahl "unter der Hand" veröffentlichter Schriften aus dieser Region zu Zeiten der SED-Diktatur.

Nach dem kleinen, spannenden Rundgang durch zahllose Regalreihen, in denen sich die Bücher auftürmen, setzen wir uns in die Küche, einen kleinen quadratischen Raum, durch dessen einziges Fenster man den Innenhof des Gebäudes im schummrigen Licht des beginnenden Abends betrachten kann. Wir setzen uns an den kleinen, viereckigen Tisch in der Mitte, der aufgrund der geringen Größe des Raumes fast umzingelt wirkt von der eher spartanisch anmutenden Ausstattung.

Begleitet vom Blubbern des Wasserkochers beginnen wir über den neuen Wind, der Ende der 80er Jahre durch die DDR wehte, zu reden.

Noch fehlt der Funke

"Es machte sich so ein Klima breit, da war Spannung in der Luft, so ein Knistern", erzählt Andreas Schönfelder lächelnd, untermalt es mit einer unruhigen Geste, die ein Knistern zeigen soll. Doch zunächst fehlte der entscheidende Funke - denn die revolutionären, neuen Schriften mit den bis dahin ungekannt reformerischen Worten aus dem Osten Europas erreichten die kleine DDR nur schwer oder gar nicht. Und wenn, dann viel später nach der Veröffentlichung. Reisen in die Nachbarländer waren nur schwer möglich. Selbst wenn der Besuch erlaubt wurde, dann mit Einschränkungen, um die Reisenden von reformpolitischen Bewegungen fern zu halten.

Und doch gelang es, innerhalb der Umweltbibliotheken Netzwerke aufzubauen, Kontakte zu knüpfen und so allmählich dem Knistern mehr Nahrung zu geben. Allerdings, so Schönfelder, habe man mehr nach Polen geschaut, denn die dortige Solidarność-Bewegung war volksnäher, der "Aufbruch von unten", nicht die "Reform von oben", die Michail Gorbatschow in Russland anstrebte.

Unaufhaltsamer Wandel

Mit der heutigen Sicht auf die Dinge sei letzterer sowieso ein Stück von seinem Sockel zu heben, auf den man ihn damals stellte, meint Schönfelder. In Russland sei eine Reform unumgänglich gewesen, das System hatte sich hoffnungslos in den Ruin getrieben durch den ständigen Wettkampf gegen den "Klassenfeind", die Amerikaner. Gorbatschow sei also zum Handeln gezwungen gewesen, eine Lockerung des Systems als der einzige Ausweg aus dem Dilemma.

Doch egal, welche Umstände Gorbatschow zu Reformen brachten oder auch zwangen, er veränderte das politische Klima seines Landes, und dieser Wandel konnte selbst durch verzweifelte Aktionen der DDR-Führung - beispielsweise das Verbot der bis dato regimetreuen Zeitschrift "Sputnik" im November 1988 - nicht vor den Augen der DDR-Bevölkerung im Verborgenen gehalten werden.

An dieser Stelle unterbricht Andreas Schönfelder seinen ausholenden Redefluss. Die blauen Augen des Fünfzigjährigen wandern aufmerksam durch den Raum, bis sie schließlich an der Kaffeetasse haften bleiben.

Seit 1977 lebt und arbeitet der gebürtige Erzgebirgler in Großhennersdorf. Zunächst absolvierte er eine Ausbildung zum Krankpfleger am dortigen Katharinenhof, einem evangelischen Behindertenheim. In dem Haus, das er sich wenige Jahre später kaufte, fanden viele Oppositionelle der Region einen neuen Treffpunkt, ab 1987 begann er, dort eine Umweltbibliothek aufzubauen.

Repressalien im Gulaschkommunismus

Er löst seine Hände von der Tasse, schiebt sich die Haare hinter die Ohren und beginnt mit ausholenden Gesten von der "lustigsten Baracke Osteuropas", wie sich die Ungarn selbst oft bezeichneten oder auch genannt wurden, zu erzählen.

Ungarn, das erschien den DDR-Bürgern wesentlich weltoffener und menschenfreundlicher als die anderen Ostblockstaaten. Doch hatten es Ungarische Oppositionelle um Längen schwerer, ihre Reformgedanken unter das Volk zu bringen. Denn Treffen zu Montagsgebeten, wie sie aus der DDR bekannt sind, gab es in Ungarn nicht, durfte es nicht geben. Regime-Gegner wurden verfolgt, unterdrückt und Repressalien ausgesetzt. Unter der fast ununterbrochenen Herrschaft János Kádárs von 1956 bis 1988 prägte sich zwar in Ungarn der Begriff "Gulaschkommunismus", da aufgrund fehlender wirtschaftlicher Effizienz westliche, marktwirtschaftliche Elemente in die kommunistische Wirtschaft einflossen, aber trotzdem seien diese Lockerungen lediglich als "perfekte Maskerade" und unumgänglich zu betrachten, meint Schönfelder. Auch die politischen Reformen nach Kádárs altersbedingtem Rückzug bezeichnet er als "Aktionismus aus Angst vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch".

Doch trotzdem war er da, der friedliche Wandel, den die Ungarn ab November 1988 in Gestalt des neuen Ministerpräsidenten Miklós Németh der altbekannten Staatspartei MSZMP zu sehen bekamen. Spürbar wurde der Wechsel durch das sich bereits 1987 abzeichnende Mehrparteiensystem und die Verhandlungen der Regierung mit dem Oppositionellen Runden Tisch, die dazu führten, dass die MSZMP im Januar 1989 ihre Führungsansprüche aufgab, trotzdem aber weiter an der Macht blieb.

Versprechen oder auch nur der Ausblick auf eventuelle Reformen - so etwas gab es im Frühjahr 1989 in der DDR nicht. Die Führung unter Erich Honecker beharrte fest auf ihrem Hardliner-Kurs, kein Abschauen bei den umliegenden Ostblockstaaten in punkto Wahlfreiheit oder dynamischerer Wirtschaftsmodelle. Im Gegenteil: Man begann, sich zu distanzieren, von Russland, dem einstiegen "Großen Bruder" abzurücken, es folgten Provokationen dem eigenen Volk gegenüber.

Zum Beispiel Kurt Hager, Mitglied des Zentralkomitees und des Politbüros der SED, später als "Chefideologe" der Partei geltend. 1987 beantwortete er großspurig im "Stern" die Frage, ob die angestrebten Systemänderungen Gorbatschows Reformideen in der DDR hervorrufen würden, mit der Gegenfrage, ob man, nur weil der Nachbar seine Wohnung tapeziere, auch die eigene tapezieren müsse. Oder Erich Honecker, der im Januar 1988 den rumänischen Diktator Nicolae Ceauşescu, anlässlich zu dessen 80. Geburtstag, demonstrativ mit der höchsten Auszeichnung der DDR - dem Karl-Marx-Orden - ehrte. Damit erkannte Honecker dessen ablehnende Haltung der Perestroika-Politik öffentlich an.

"Verknöcherte alte Männer"

All diese Provokationen und Überheblichkeiten seitens der SED-Führung machen Andreas Schönfelder, der bereits während seiner Lehre den Wehrdienst verweigerte, immer noch wütend. Seine Gesten werden ruppiger, seine Stimme, bislang energisch und kraftvoll, überschlägt sich bald, während er die Ungerechtigkeiten des Regimes aufzählt.

Er ist keiner von denen, die nach der Friedlichen Revolution ihre oppositionelle Rolle zu bereuen begannen und sich mittlerweile Teile des alten Regimes zurückwünschen. Für ihn waren, sind und bleiben Honecker und seine Genossen "verknöcherte alte Männer". Das Blubbern des Wasserkochers ist mittlerweile verstummt, die Kaffeetassen leergetrunken. Eine Weile lang sieht Andreas Schönfelder noch an die weiße Wand gegenüber, als würde dort noch ein letzter Satz stehen, schüttelt noch einmal den Kopf und sagt: "Nix. Gar nichts wollten die verändern."

Es ist kälter geworden, als ich die Umweltbibliothek verlasse. Die klare, kalte Winterluft zieht in meine Nase und klirrt fast auf meinem Gesicht. Irgendwo quaken ein paar Enten, der holprige Weg leuchtet orange im Licht der Straßenlampen. Ein perfektes Dorfidyll.

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