Sonntagsstimmung

16.07.2009: Von Ablehnung zur Opposition

Es ist der 7. Mai. Es ist ein Sonntag. Die Sonne strahlt, alle sind unterwegs. In den Park geht man nicht. Auch das Herausputzen bedeutet nicht, dass man zur Kirche geht oder die Familie besucht. Nein. Man geht wählen. Am 7. Mai 1989 waren wieder Wahlen in der DDR. Stephan Hilsberg, der zu diesem Zeitpunkt 33 Jahre alt war, ging auch zum Wahllokal im Berliner Bezirk Weißensee/Karow. Glauben Sie, er hat gewählt?

Stephan Hilsberg (r.)

Von Mimoza Troni, 21 Jahre alt, Studentin aus Berlin

Stephan Hilsberg sagt von sich, dass er das System immer abgelehnt und für falsch empfunden hat. Zum einen lag das daran, dass die Kirche unterdrückt wurde und andererseits hat er dieses kommunistische System für einen Fehler gehalten: Die DDR verzeichnete einen wirtschaftlichen Stillstand und "es waren nirgendwo Ansätze von Seiten der Regierung zu erkennen, diese Probleme anzugehen", sagt er.

Aber erst im Laufe der Jahre bildete sich aus dieser Antipathie eine regelrechte Wut gegen das bestehende System. "Es gab so einen Punkt, da war meine Wut gegenüber dem System so wahnsinnig groß. Und je mehr man davon sah, desto größer wurde sie - bis irgendwann das Fass einfach voll war.", erklärt er und führt weiter an, dass es eigentlich schwer zu beschreiben ist.

Irgendwann, so Hilsberg, kommt man zu dem Entschluss, dass man sein "Leben nicht nur nebenher", leben kann. Er selbst konnte das auch nicht und vor allem konnte er "keinen Frieden mit diesem System" finden. Doch er fand einen Weg, um nicht nur nebenher zu leben: Martin Böttcher. Der spätere Gründervater des Neuen Forums war so etwas wie sein Mentor. "Ich war fasziniert von Martin Böttcher. Er war ein wirklicher Oppositioneller", erinnert sich der 53jährige Stephan Hilsberg heute.

Wahlbezirk Berlin, Weißensee/Karow

"Der Tag war schön", so beginnt er seine Erinnerungen vom Tag der Wahlen vom 7. Mai 1989. Sein Freund Böttcher, damals bereits langjähriges Mitglied der wichtigsten Oppositionsgruppe "Initiative Frieden Menschenrecht" (IFM) nahm ihn auf seinem Motorrad mit und sagte, dass sie überall im Wahlbezirk Weißensee/Karow ihre Leute postiert hätten und diese nun abklappern. Sie sollten die Wahlen kontrollieren und bei der Auszählung beisitzen. Und tatsächlich: Überall - bis auf ein Wahllokal - waren Aktive aus den oppositionellen Gruppen in Berlin-Weißensee.

Die Wahlen waren so wie immer: "Man sagte in der DDR volkstümlich, dass man Wahlen falten gehe", erinnert sich Hilsberg. Nach der Ankunft im Wahllokal wurde man freundlich begrüßt, es wurde nach der Wahlbenachrichtigung und dem Ausweis gefragt. Wenn man diesen nicht dabei hatte, war das keine große Sache, "immerhin kannte man sich." Alles erfuhr man - nur nicht, wo die Wahlkabinen waren. Danach musste man fragen und meist waren diese am Ende des Ganges, weg von den faltenden Einheitswählern.

Laut dem Wahlgesetz war es jedem Wähler gestattet, bei der Auszählung dabei zu sein. Jedoch ließen sich nur die Wahlergebnisse der einzelnen Wahllokale kontrollieren und nachvollziehen. Aber ganz so einfach war die Überprüfung nicht. Auf diese Hürde stießen damals auch die Oppositionellen. Hilsberg sagt: "Aber das zentrale Zusammenfassen der Ergebnisse, das Weiterleiten, das Zusammenfassen auf Kreis-, Bezirks- und dann auf Republiksebene - da war keiner dabei." Die einzige Möglichkeit, um die Wahlauszählung zu kontrollieren, so fährt Stephan Hilsberg fort, hieß, dass "man letztlich in so vielen Wahllokalen präsent sein musste, dass man mit Hochrechnungen und Plausibilitätskontrollen das Wahlergebnis einigermaßen überprüfen konnte. Und das konnten wir in Berlin komplett!" Nach offiziellen Angaben haben 99 % der Bevölkerung gewählt und 98 % mit Ja gestimmt. Für den Wahlbezirk Weißensee/Karow, wo aktive Oppositionelle anwesend waren, stimmten diese Werte nicht überein.

Stephan Hilsberg erinnert sich, dass "da wo unsere Leute präsent waren, es sich eindeutig um Wahlfälschung handelte. Sowohl die Wahlbeteiligung als auch der Anteil der Ja-Stimmen lagen zwischen 80 und 85 Prozent. Es war immer noch ein sehr hoher Anteil - alles Leute, die viel zu viel Angst hatten." Und nach diesen Wahlen konnte die Opposition mit großer Sicherheit sagen, dass die Wahlen manipuliert worden waren. Was zuvor nur eine nahezu sichere Ahnung war, konnte erstmals bewiesen werden.

"Wahlfeten"

Nicht nur Hilsberg, Böttcher und ihre Unterstützer wollten den Wahlbetrug aufdecken. Auch andere Bürgerrechtsbewegungen hatten ähnliche Aktionen gestartet. Zum Ende des Tages traf man sich auf "Wahlfeten", so bezeichnet es Hilsberg, und tauschte sich aus. Am Abend des 7. Mai 1989 traf sich die sogenannte Kirche von unten in der Schinkelkirche in der Invalidenstraße. "Letztendlich stellten die Aufdecker der Wahlfälschung einen einheitlichen Trend fest": Niedrigere Wahlbeteiligung und weniger Zustimmungen für die Nationale Front. Bereits am gleichen Abend meldeten die westdeutschen Medien die Vermutung der ostdeutschen Bürgerrechtler über die Wahlfälschung.

Strafanzeige gegen Egon Krenz

Stephan Hilsberg und seine Freunde beließen es nicht nur beim Aufdecken. Als sie sich über den Wahlbetrug sicher waren und glaubten diesen nachweisen zu können, reichten sie Strafanzeige ein - "gegen Egon Krenz. Er war der Chef der Wahlkommission und somit verantwortlich", sagt Hilsberg. Zwei Freunden, die vorher einen Ausreiseantrag gestellt hatten, wurde nahegelegt die DDR am gleichen Tag zu verlassen. Dieses Angebot nahmen sie an.

Hilsberg und einige andere beharrten weiter auf ihre Anzeige: "Die Staatsanwaltschaft lud uns ein und wies die Strafanzeige zurück - mit der Argumentation, dass es in der DDR keine Wahlfälschung gäbe und die Anzeige somit unbegründet sei." Außerdem - Hilsbergs Stimme wird lauter - habe man so aggressiv reagiert und "die Wahlfälschung bewusst gedeckt." Dieser Einspruch hatte keine weiteren Folgen für ihn und seine Freunde, "obwohl -wenn ich auch einen Ausreiseantrag gestellt hätte, hätte man mir bestimmt auch dieses Angebot gemacht", schätzt Hilsberg.

Eine weitere Aktion, an dessen Vorbereitung Hilsberg beteiligt war, waren die Demonstrationen. Er fügt an: "Eine Oppositionsgruppe in der Stephanus-Stiftung in Weißensee hatte die Idee, am Siebten jeden Monats eine Demo zu organisieren. Und das taten sie auch: Am 7. Juni, Juli, August, September und Oktober." Der letzte Monat nahm eine ungeahnte Entwicklung an, die Hilsberg folgendermaßen beschreibt: "Im Oktober wurde es die Demonstration, die vor den Palast der Republik zog, anschließend vor die Gethsemanekirche und dann sehr groß und sehr stark wurde. Dann wurde sie von der Polizei zusammen geknüppelt."

Stephan Hilsberg ist heute Bundestagsabgeordneter der SPD und dürfte als Politiker ein großes Interesse an der Wahlbeteiligung der Bevölkerung haben. Zu DDR-Zeiten hat er selbst aber irgendwann aufgehört zu wählen, weil er nicht Teil dieses falschen Systems sein wollte. "Ich habe - in der DDR - oft überlegt, ob ich zur Wahl gehe und mit Nein stimme oder ob ich nicht hingehe, weil ich sonst die Wahlen nur aufwerten würde", erläutert Herr Hilsberg und denkt wohl daran, dass er immer von Wahlfälschung ausgegangen ist - "grundsätzlich."

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