Auf Befehl zur Wahl

25.06.2009: Wie ein Soldat seinen "Beitrag zum Sozialismus" verweigerte

Im Mai 1989 ist Jens gerade Grundwehrdienstleistender im mecklenburgischen Stralsund. Rund um die Kaserne hängen Plakate mit den Kandidaten der "Nationalen Front", die für die Kommunalwahlen kandidieren. Die Gesichter sagen ihm nichts, die in den DDR-Medien beschworene "politisch-moralische Einheit des Volkes" erlebt er als Farce. Aber entziehen kann er sich nicht: Für die gesamte Kompanie ergeht der Befehl, geschlossen zur Wahl zu erscheinen.

Relief vor einer ehemaligen Kaserne der Nationalen Volksarmee

Von Katharina Jesse, 22 Jahre alt, Studentin in Berlin

Jens muss seine beste Uniform anziehen. Gemeinsam mit den Kameraden tritt er an und marschiert zum Wahllokal, das sich auf dem Gelände der Kaserne befindet. Wählen ist Staatsbürgerpflicht, erst recht für einen jungen Grundwehrdienstleistenden. Wer den Zettel nicht in die Urne wirft, verweigert seinen Beitrag zum Sozialismus.

Das Wahllokal unterscheidet sich nicht von anderen: An der Wand hängt wie in den meisten Schulklassen, Büros und Dienststuben ein Porträt des Generalsekretärs des ZK der SED und Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. Ein paar Tische sind zusammengeschoben worden, dahinter sitzen Wahlhelfer - Angehörige der Bereitschaft der Volkspolizei - mit Listen und den Wahlzetteln, vor ihnen steht die Urne. Am hinteren Ende des Raumes ist stiefmütterlich eine Wahlkabine aufgebaut. Möglichst weit weg, nicht zur Benutzung gedacht. Den Soldaten soll es eine Ehre sein, den Kandidaten der Nationalen Front ihre Stimme zu geben. Dazu braucht es keine dunkle Ecke.

Ein Possenspiel

Mit einer demokratischen, freien, gar geheimen Wahl hat das nichts zu tun. Jens weiß das - und er ist nicht der einzige. "Die Vorgesetzten hatten den 7. Mai als einen besonderen Tag vorbereitet, eine Art Feier- oder Ehrentag, wir aber wussten genau, dass alles nur Maskerade ist."

Als Jens an der Reihe ist, zeigt er seinen Wehrdienstausweis, den Personalausweis hat er, wie seine Kameraden, für die Zeit des Wehrdienstes abgeben müssen. Dann nimmt er den Zettel im Empfang und geht los - in Richtung Wahlkabine. Obwohl ihm das Herz vor Aufregung im ganzen Körper pocht, macht er noch Witze. Vielleicht, damit er die Stille nicht ertragen muss, die Blicke nicht spürt, die auf seinem Rücken haften.

In der Kabine macht er ein großes Kreuz "von links oben nach rechts unten, von rechts oben nach links unten". Den Stift hat er selbst mitgebracht, in der Kabine liegt kein Schreibgerät bereit. Jens ist überzeugt davon, mit seiner Streichung alle Kandidaten abgelehnt zu haben oder zumindest den Wahlzettel ungültig gemacht zu haben. Aber genaue Informationen dazu gibt es nicht. Wie eine "Nein"-Stimme aussah oder ab wann ein Wahlzettel als ungültig gezählt wurde, gehörte in der DDR nicht zum Allgemeinwissen. Wählen hieß, den Zettel einmal zu falten und in die Urne zu werfen.

Risiko

Jens geht es darum, wenigstens sich selbst zu zeigen, dass er genau dieses Verfahren ablehnt. Auch wenn er gern radikaler aufgetreten wäre, erscheint ihm die Streichung als einzige praktikable Möglichkeit. "Den Zettel einfach vor aller Augen zu zerreißen, habe ich mich nicht getraut." Die Kaserne war kein geeigneter Ort, um öffentlich gegen das System zu rebellieren. Und dieser Zwang quält ihn: "Der Hauptgrund, diese Wahl zu boykottieren, war ja, dass es keine Opposition gab. Wir hatten überhaupt keine Wahl. Wählen hieß nur, sich zu bekennen, dass man diesem Staat und seinem Sozialismus untertänig und ohne Widerspruch ergeben ist."

Jens hatte also das Bekenntnis verweigert. Und wie bei allen vom Offiziellen abweichenden Handlungen rechnet er mit Ärger, mit Folgen. Er war ein Risiko eingegangen, hatte die Wahlkabine benutzt, die Liste gestrichen - also etwas zutiefst Anrüchiges getan.

Wenige Tage später werden die Soldaten zur Vollversammlung einbestellt. Der Kommandeur hält eine Rede, spricht über die Wahl. Jens erwartet die schlimmsten Konsequenzen. Und dann traut er seinen Ohren kaum, als er hört, dass die Kandidaten der Nationalen Front einstimmig gewählt worden sind. "Ich war sofort innerlich empört, konnte dieser Empörung aber keine Luft machen", erzählt er. "Ich fühlte mich wie ein kleines Kind, das ein beachtliches Bauwerk zustande gebracht hat - und niemand sieht hin."

Jens hat das Bedürfnis zu widersprechen, zu rufen: "Stimmt nicht!" Aber wieder fehlt der Mut dazu. Er fühlt sich als Beweisstück für die Verlogenheit des Systems, in dem er lebt. Doch was und wie kann er damit etwas anfangen? Plötzlich steigt Ekel ihn ihm auf. Und Trotz. Bei der nächsten Gelegenheit wird es Jens nichts mehr ausmachen, als "Feind des Sozialismus" bezeichnet zu werden, wenn er mal wieder gegen die offizielle Meinung streitet.

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