"Eine Revolution des Mutes"

05.06.2009: Erinnerungen den Willen, das Land mitgestalten zu wollen

Quelle: Neues Deutschland, 8. Mai 1989

Klaus Zimmermann lehnt sich auf seinem in unaufdringlichen Orangetönen gehaltenen Sofa zurück. Einen Moment schließt der 68-Jährige die Augen, um sich an die Wahl vor zwanzig Jahren zu erinnern, die er als Wahlbeobachter miterlebte. Die Erinnerung fällt schwer, viel Zeit, viele Veränderungen liegen in all den Jahren. Seine Beine hat er übereinandergeschlagen.

Von Annemarie Mönch, 18 Jahre alt, Gymnasiastin aus Zittau

Ein geräumiger Raum, in dem längs Tische aufgestellt wurden, ein paar Menschen, die dahinter sitzen. Am Ende des Raumes ein paar Wahlkabinen, auf einem der Tische nahe des Eingangs eine Wahlurne. Ein Raum, hergerichtet zu einer Wahl, der fast denen gleicht, die heute benutzt werden. Es ist ein weiter Weg, vorbei an den Tischen, an denen die Wahlunterlagen gereicht werden. Quälend lang, denn die Angst, die Wahlkabine zu betreten und dabei unauffällig registriert zu werden, ist groß, unvorstellbar groß. Auch der Weg zurück zur Urne gleicht mehr einem Spießrutenlauf denn einem freien und geheimen Wahlvorgang. Die Angst vor der Registration und möglichen negativen Konsequenzen ist so groß, dass viele der Wählenden ihre Stimme lieber öffentlich abgeben, also vor den wachsamen Augen des Wahlvorstandes.

Auch heute noch scheint die Angst und die Fassungslosigkeit ob solcher Behandlung greifbar im Raum zu liegen, obwohl mittlerweile zwanzig Jahre zwischen dem heutigen Tag und der letzten Wahl unter dem Druck des SED-Regimes liegen.

Klaus Zimmermann sitzt in seinem von Sonnenlicht durchfluteten Wohnzimmer. Sobald er von der mit den Wahlen verbundenen Angst erzählt, wird seine Stimme gedämpfter, als würde er zurückkehren in einen dieser Wahlräume der DDR-Zeit.

Das Land gestalten

Im selben Moment zeigen seine braunen Augen hinter der viereckigen Brille ebenfalls die Entschlossenheit, mit der er damals begann, dem System den Kampf anzusagen, indem er sich als Wahlbeobachter engagierte. Die Motivation dafür fand er in der evangelischen Kirchengemeinde Zittaus, deren Mitglied er bis heute ist. Hier wurde quasi von der Kanzel aus der Widerstand gepredigt. In der Kirche wurde "unseren Gedanken eine Richtung gegeben", wie der ehemalige Lehrer sagt.

Für Klaus Zimmermann ging es darum, etwas "mit zu tun bei der Gestaltung des Landes", die Alleinherrschaft der SED sowie den "Militarismus an Schulen" zu beenden. Hauptsächlich aber sollte mit den angestrebten Veränderungen eines bewirkt werden: Die Ausreise zu vieler DDR-Bürger verhindern. "Es konnte nicht so sein, dass alle ausreisten, wir hatten es alle satt, aber alle konnten wir nicht weggehen!", erinnert er sich und die Entschlossenheit in seinen Augen bleibt.

Er lehnt sich auf dem großen Sofa zurück und schlägt die Beine zurück, schließt einen Moment die Augen, als könne er sich so besser in die Zeit zurückdenken. Noch etwa 35 andere Menschen aus der Region kamen am Abend des 7. Mai 1989 zusammen und teilten sich auf die verschiedenen Wahlbüros auf, meist zu zweit oder dritt gruppiert, "weil sie Angst hatten".

Stimmauszählung

Es sei ein großes Wagnis für alle gewesen, in die Wahlbüros zu gehen, obwohl es doch normal sein sollte, in einer Demokratie die Stimmauszählungen beobachten zu können. Jedoch nicht in der DDR. Es war eine Fahrt ins Ungewisse, wer wusste schon, ob es Konsequenzen mit sich bringen würde, von diesem demokratischen Recht Gebrauch zu machen? Trotzdem wagten sie es, sodass, laut Klaus Zimmermann, im Zittauer Wahlkreis bis auf zwei Wahlbüros alle mit Wahlbeobachtern besetzt waren.

Was für uns heutzutage als selbstverständlich scheint, war damals den Wenigsten bekannt. Viele wussten nicht, dass es möglich war, die Stimmauszählung zu beobachten, denn dies verbreitete sich nur in eingeweihten Kreisen "von Mund zu Mund" weiter, nachdem es innerhalb der Kirchen verkündet wurde.

Am 8. Mai trafen sie sich wieder abends, um die beobachteten Wahlergebnisse aus dem zugeteilten Wahlbezirk zu Protokoll zu geben. Die Gegenstimmen sowie die Stimmenthaltungen wurden registriert. Die Nichtwähler zu ermitteln war für sie als Wahlbeobachter natürlich unmöglich.

Anders als für Wahlvorstände. "Man musste nicht wählen, aber man bekam Besuche", erinnert sich Zimmermann, um weiter in einem lehrereigenen Ton zu erläutern: "Wer also nachmittags noch nicht im Wahllokal war, bei dem wurde geklingelt." Er ahmt eine imaginäre Person nach: "‘Sie möchten doch bitte wählen gehen, wir möchten doch gerne, dass es hundertprozentig im Wahlbezirk …‘", ärgerlich bricht er an dieser Stelle ab und macht eine wegwerfende Handbewegung: "Was weiß ich, was da für Reden geschwungen wurden."

Während er mit seinen Augen kurz einen imaginären Punkt auf dem hellgrünen Teppich fixiert, erinnert er sich daran, wie er mit Spannung am nächsten Morgen die Lokalzeitung aufschlug, um von den Wahlergebnissen zu lesen.

Die Schwierigkeit der Bekanntgabe

Nachdem sich die erste Enttäuschung legte, benutzte Klaus Zimmermann das einzige Mittel, das ihm zur Verfügung stand, um den so offensichtlichen Wahlbetrug aufzudecken und so auch die verschwiegenen Ergebnisse öffentlich zu machen. Am schwarzen Brett des Lehrerzimmers seiner Schule hängte er einen offenen Brief an das Kollegium aus.

Mit Stolz holt er diesen aus einer unauffälligen braunen Mappe, die bis jetzt auf dem Tisch lag, hervor und beginnt mit fester Stimme zu lesen. Nach fast jedem Satz macht er eine Pause, um zu erläutern, wie er ihn meinte.

Doch hinter der Fassade der scheinbar lobenden Phrasen lässt er seinen Unmut aus, indem er genau berichtet, was er in seinem Wahlbezirk beobachtete. Er klagt an, wie viel Misstrauen in den Bürgern geschaffen werde, wenn die Wahlergebnisse so verheimlicht würden. Kurz und prägnant schildert er in diesem Brief das Hauptproblem der DDR-Gesellschaft: "Sie reisen aus. Die Ursachen werden vielschichtig sein, sie liegen auch im Gefühl der Ohnmacht, der Bevormundung, der Rechtlosigkeit begründet."

Zeilen, die negative Konsequenzen fast provozieren. Doch nichts dergleichen erlebte Klaus Zimmermann. Auch hatte er seine Angst überwunden, ihn graute nicht mehr vor einem Abtransport, er hoffte auf seine Beliebtheit als Lehrer. "Man kannte mich natürlich an der Schule und ich war sicherlich als strittiger, streitiger Geist schulbekannt", sagt er mit einem leisen Lächeln in den Augen. "Ich bin froh, dass ich das verfasst hab und auch heute noch habe, weil ich das im Einzelnen gar nicht mehr so gewusst hätte", sinniert er mehr zu sich selbst. Es scheint, als habe er dadurch völlig seine Angst abgelegt und besiegt.

Eine andere Form der Veröffentlichung war unmöglich: "An die Presse brauchte man das nicht geben. Und es gab keine Vervielfältigungsmaschine." Die Weitergabe an Mitbürger blieb also verwehrt, denn Mund-zu-Mund-Verbreitung stand außer Frage, denn "wie will man das auch auf der Straße sagen?". In seinem Bekanntenkreis sei niemand gewesen, mit dem er dieses Thema großartig ausdiskutieren musste, da diese nicht anders dachten und demnach ebenso von dem Wahlbetrug wussten. Heute meint er, dass er die meisten durch den offenen Brief im Lehrerzimmer erreicht habe, trotzdem dieser nicht lang an dem schwarzen Brett blieb, wie Zimmermann vermutet.

Keine Reaktion

Nicht nur von seiner Schule blieb Zimmermann nach der Wahlbeobachtung unbeachtet. Der Brief tauchte nie wieder irgendwo auf. "Bei meinen Stasi-Unterlagen ist er jedenfalls nicht aufgetaucht", lacht er. Er ist sicher, dass bei der inoffiziellen Bekanntgabe der beobachteten Wahlergebnisse auch Beamte der Staatssicherheit anwesend waren, "da war immer jemand dabei".

Den Mangel an Konsequenz erklärt er sich durch die sich in den folgenden Monaten fast überschlagenden Ereignisse, die sich durch die von ihm im Brief angesprochene Missstimmung in der DDR-Bevölkerung, immer mehr zuspitzten. Eine Missstimmung, die die Angst immer mehr zurückdrängte und das Volk schließlich mit der "Drohung: "Wir bleiben hier! Wir gehen nicht weg! Wir machen euch das Leben hier zur Hölle" gegen das SED-Regime aufbrachte.

Klaus Zimmermann sieht bei diesen Gedanken in sein großes Wohnzimmer, in das noch immer die Sonne scheint. "Das war lockerer geworden, die Angst wurde uns genommen. Wir wurden mutiger. Eine Revolution des Mutes." Sämtliche Gedanken an Angst haben spätestens seit diesem Augenblick den Raum verlassen, das ist deutlich an Zimmermann souverän zurückgelehnter Haltung und dem Lächeln, das seine Augen umspielt, zu sehen.

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