"Wir haben ganz korrekt ausgezählt!"

11.05.2009: Die Kommunalwahlen aus Sicht einer Wahlhelferin

Auszählung im Wahllokal

In genau einem Monat wählt Europa. Nur mit viel Glück wird die Beteiligung der 378 Millionen EU-Bürger, die für ihre Europa-Abgeordneten stimmen dürfen, nicht noch weiter sinken. Vor 20 Jahren hingegen blickte ganz Europa gespannt auf kaum mehr als 12 Millionen Wahlberechtigte. Der 7. Mai 1989 war der Tag der Kommunalwahlen in der DDR. Dass es die letzten sein würden, wusste damals noch niemand.

Von Josefa Kny, 21 Jahre alt, Studentin aus Berlin

Damals wie heute konnten die Wahlen nur mithilfe hunderter freiwillige Wahlhelfer und Wahlhelferinnen erfolgreich realisiert werden. Helena Stabenow war eine von ihnen, zugeteilt als Beisitzerin im Wahllokal in der Valentina-Tereschkowa-Schule in Berlin-Karlshorst. Einige Zeit zuvor wurden in den Betrieben und öffentlichen Einrichtungen Freiwillige gesucht. "Man wollte ja auch mal gesellschaftlich aktiv sein und da hab ich mich bereit erklärt zu helfen", erzählt die ehemalige Investitionsplanerin.

Aber es ging nicht nur um ehrenamtliches Engagement, auch um sich kritische Blicke der Kollegen im Ministerium für Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft zu ersparen, meldete sie sich freiwillig: Wer sich nicht für das Land engagierte, geriet schnell unter Beobachtung. Die 50 Mark Aufwandsentschädigung spielten für sie eindeutig nur eine untergeordnete Rolle.

Dass jene Wahlen in Zeiten der landesweiten politischen Unzufriedenheit etwas Besonders waren, lag in der Luft: "Es war immer die Rede von freien Wahlen. Für mich war es interessant zu sehen, wie es denn wirklich abläuft", erzählt Helena Stabenow. Mit tatsächlicher Wahlfälschung hatte die studierte Ökonomin nicht gerechnet. Die Lage schien zu gespannt, als dass die Regierung damit hätte ohne Konsequenzen davonkommen können. Bürgerbewegungen verschafften sich Gehör - wenn auch nur in den West-Medien. Doch das endgültige Ergebnis gab den Kritikern Recht; im Nachhinein wurde die Wahlfälschung festgestellt. Der Tag im Wahllokal in der POS Valentina-Tereschkowa aber verlief rechtmäßig.

Der Tag im Wahllokal

Um sechs Uhr morgens öffnete das Wahllokal. Zu dieser Zeit hatte Helena Stabenow ihre Einweisung schon erhalten. Für die nächsten Stunden hieß es abwechselnd Personalausweise kontrollieren, Wahllisten abhaken, Wahlzettel ausgeben oder die Wahlurne bewachen. In einer zweistündigen Pause konnte sie zum Mittagessen nach Hause gehen, während die anderen sieben Freiwilligen - viele von ihnen Lehrer - sich weiter um die Wähler kümmerten.

Die Bürger, die zur Wahl erschienen, verhielten sich diszipliniert wie bei jeder anderen Wahl auch. "Auffällig war, dass die Leute die Wahlkabinen stark nutzten", erinnert sich Helena Stabenow. In vorangegangen Wahlen war das undenkbar. Wer in die Wahlkabine ging, wurde vermerkt und hatte mit negativen Konsequenzen zu rechnen. Doch am 7. Mai 1989 hatte die heutige Rentnerin von niemandem Hinweise erhalten, worauf sie achten sollte. Auch ihre Mitstreiter schienen nichts zu notieren.

Am Ende des Wahltages, kurz nach 20 Uhr, schüttete der Leiter des Wahllokals die Wahlurne über den Tisch. Plötzlich versammelten sich um die Wahlhelfer herum ungefähr zehn fremde Menschen und beobachten das Geschehen. "Das kannte man bis dahin nicht, aber dass Leute kommen würden, war aus der Presse bekannt", weiß Helena Stabenow. Keiner stellte sich vor, alle schienen aber nach Hinweisen auf Wahlfälschung zu suchen. Sie machten zum ersten Mal Gebrauch von ihrem demokratischen Recht, bei der Auszählung der angeblich freien Wahlen dabei zu sein.

In der nächsten Stunden sortierten die Freiwilligen im Wahllokal unter sorgsamen Blicken die Wahlzettel in gültige und ungültige Stimmen. Eine weitere Unterteilung ließen die Einheitslisten nicht zu. Strichlisten wurden erstellt, Stimmen addiert und letztlich ein Koffer gepackt, den der Leiter des Wahllokals in Begleitung eines Fahrers beim Bezirksamt abliefern musste. "Was ich für mich hundertprozentig sagen kann, ist, dass wir ganz korrekt ausgezählt und korrekt weitergeleitet haben. Was später passiert ist, in den höheren Ebenen, entzieht sich meiner Erkenntnis", fasst Helena Stabenow zusammen.

98,85 Prozent? Unmöglich!

'98,85 Prozent stimmten für die Kandidaten der Nationalen Front' lautete am nächsten Tag die riesige Schlagzeile im Neuen Deutschland. Helena Stabenow konnte sich nur wundern, wie die Prozente zustande gekommen waren: "Als das Wahlergebnis bekannt wurde, habe ich mir so meinen Teil gedacht. Es müssten schon einige in anderen Bezirken 100 Prozent gewählt haben, denn wir lagen drunter." Die Rede ist zwar nur von kleinen Abweichungen, dennoch schien man auf höherer Ebene aufgerundet zu haben.

Heute sieht die Hobbygärtnerin es so: "Ich kann mir vorstellen, dass man beim Rat des Stadtbezirks oder auch bei der Zentrale in Berlin natürlich bestrebt war, möglichst gute Ergebnisse abzuliefern. Man schrieb einen halben oder einen Prozent dazu und dadurch verdichteten sich die Zahlen immer mehr nach oben." Damit sind ihre Schätzungen noch zaghaft. Unabhängige Wahlbeobachtungsmissionen ergaben mancherorts Differenzen von bis zu zehn Prozent zu den offiziellen Ergebnissen.

Als Wahlhelferin hatte Helena Stabenow aber keine Anfeindungen zu erleiden. Dass die Wahlfälschung auf anderen Ebenen begangen wurde, war allen klar. In den Monaten nach den Wahlen fanden am Alexanderplatz in Berlin immer wieder Proteste gegen das kommunistische System statt. Obwohl sie die Wahlfälschung so hautnah miterlebt hatte, demonstrierte die Mutter eines Sohnes nicht mit: "Ich gehörte zu denen, die eine bessere DDR wollten. Ich habe nicht gegen die Organisation der Gesellschaft, wie wir sie hatten, demonstriert. Mein Protest richtete sich gegen die alten Männer, die nicht einsehen wollten, dass inzwischen ganz andere Dinge wichtig waren."

"Für mich war die Forderung eben mehr Demokratie", resümiert Helena Stabenow. Um das zu unterstreichen, engagierte sie sich in den folgenden Jahren noch zweimal als Wahlhelferin. Anfang der 1990er Jahre leitete sie sogar ein Wahllokal. Die letzten Wahlen der DDR im März 1990, aus denen die konservative Allianz für Deutschland unter Lothar de Maizière als Siegerpartei hervorging, erlebte Helena Stabenow schon ganz verwandelt: "Während 1989 mehr Routine war, war jetzt schon die Hoffnung da, dass es nun doch anders werden würde."

Anders wurde es dann bekanntlich viel schneller als gedacht. Aber der Gang an die Wahlurne wurde schon bald wieder zur unspektakulären Routine - vor allem leider zu den Europawahlen.

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