"Wir stimmten dagegen"

11.05.2009: Erinnerungen an die Kommunalwahlen 1989 in Potsdam

Die brandenburgische Landeshauptstadt hatte sich im Frühling 1989 noch nicht von der revolutionären Stimmung, die auf den Leipziger Montagsdemos herrschte, mitreißen lassen. Doch Birgit Rolle hatte das System durchschaut. Ihr war bewusst, dass die Kommunalwahlen nicht demokratisch waren. Gemeinsam mit ihren Freunden beschloss sie, sich im Kleinen gegen das Regime aufzulehnen.

Erstmals Ablehnung nachgewiesen - Kommunalwahlen 1989 in der DDR

Von Josephine Ziegler, 21 Jahre alt, Studentin aus Berlin

Die Sonne spiegelt sich erst in den obersten Fenstern. Zwischen den Fünfgeschossern erreicht sie noch nicht die unteren Stockwerke an diesem Freitagmorgen. Gemeinsam mit dem zarten Grün der Ahornbäume lässt sie das Grau der Neubauten nicht so düster erscheinen. Die Bäume sind noch jung, reichen gerade in den vierten Stock. Aber das Viertel in Potsdams Süden ist freundlich geworden in den letzten zwanzig Jahren.

"Roter" Bezirk

Früher waren die Fassaden noch grauer, die Häuserschluchten kahler. Das Wohngebiet Stern-Drewitz wurde Ende der 1980er Jahre durch Plattenbauten erweitert. Viele Mitarbeiter der Staatssicherheit sind hierher gezogen, auch Offiziere und Soldaten der Grenztruppen. Das graue Drewitz war ein sehr "roter" Bezirk. Heute leben viele der ehemaligen Bewohner noch in denselben Wohnungen. Auch Birgit Rolle wohnt seit 1989 in Drewitz. So ganz hinein passte sie aber nicht.

"Nach damaligen Maßstäben war ich politisch nicht astrein", sagt die heute 47-Jährige, als sie ihre Zeit in der DDR resümiert, und lacht dabei. Sie hatte ihren eigenen Kopf und überließ die Lebensplanung nicht dem Staat. Zunächst machte sie ihr Abitur auf einer Eliteschule der DDR in Thüringen - einer Spezialschule für Russisch. "Im Nachhinein betrachtet war das starker politischer Drill, aber ich habe relativ schnell begriffen, worum es ging." Birgit Rolle schmunzelt. Sie habe nur die Redewendungen aus den Zeitungen auswendig lernen und anwenden müssen - dann habe sie sich auch den Bevormundungen der autoritären Lehrer schlau entziehen können. Diese Zeit nutzte Birgit Rolle auch, um sich von ihrem staatstreuen Elternhaus zu emanzipieren. "An den Wochenenden fuhr ich mit Freunden durch den Süden der DDR und ging in Diskos, statt nach Hause zu fahren."

Emanzipation

In einem solchen Elternhaus aufgewachsen zu sein, hat Birgit Rolle unbekümmert gemacht: "Meine Eltern sind nie angeeckt, sie mussten nicht besonders aufpassen, was sie taten." Und so hat auch die Tochter nie viel über Konsequenzen ihres gesellschaftlichen Handelns nachgedacht. Ihr langjähriger fester Freund hatte abgelehnt, in die Partei einzutreten, auch sie hatte das nicht vor. Die Arbeitsplatzvorgabe des Staates lehnte sie ab und ging lieber mit ihrem jetzigen Mann nach dem Studium als Lehrerin für Geografie und Russisch nach Potsdam. Dort bekam das junge Paar dann aber keine Wohnung. "Da wacht man auf", sagt sie. "Immer wenn wir an irgendeine Grenze gestoßen sind, haben wir uns damit beschäftigt, mein Mann und ich, wir waren keine Vordenker." In Sachen Wohnung konnte sie mit der alten Masche aus Schulzeiten erfolgreich die Grenze überwinden. Beim zuständigen Amt und der SED-Kreisleitung beschwerte sie sich, dass ihr Mann als Arbeiter Mitglied der "herrschenden Klasse" sei, aber dennoch keine Wohnung habe. Dieses Anecken war der Startschuss für Birgit Rolles intensive Auseinandersetzung mit dem System DDR.

Widrige Umstände

"In unserem Freundeskreis haben wir uns darüber unterhalten, dass es schon bei den Wahlen 1988 Gegenstimmen gegeben hat, obwohl eine Zustimmung zur Regierung von über 99 % verkündet worden war", erinnert sie sich. Außerdem hatte sie durch Erzählungen von Bekannten erfahren, auf welchem Wege die Kandidaten auf die Wahllisten kamen. Zwar gab es offiziell die sechs Blockparteien neben der SED, und auch Vertreter der Freien Deutschen Jugend und des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes traten zur Wahl an. Die Namen solcher Vertreter seien aber nur Schönungen der Wahlzettel gewesen, berichtet Birgit Rolle: "Parteizugehörigkeiten wurden zuvor abgesprochen und Handwerkern wurden Aufträge versprochen, damit sie kandidieren."

So, hatte der Potsdamer Freundeskreis beschlossen, wollten sie nicht wählen. "Wir haben herausgefunden, wie man eine Gegenstimme abgeben kann", sagt Birgit Rolle mit leicht schelmischer Stimme. Mit Lineal und Kugelschreiber habe man alle einzelnen Kandidaten durchstreichen müssen. Nur so war die Stimmabgabe gültig, ohne eine Zustimmung zu den aufgestellten Kandidaten abzugeben. "Ich konnte mir keine Repressalien vorstellen, auch wenn ich bei der Stimmabgabe im Wahllokal beobachtet wurde", sagt sie und lacht wieder unbekümmert.

"Eine große Oppositionelle war ich nicht, war mein Freundeskreis nicht", sagt Birgit Rolle. Sie hatten einfach nur überlegt, wie sie der Regierung im Kleinen zeigen konnten, dass sie nicht einverstanden waren. "Wenn diese Kritik am Regierungssystem bewirkt hätte, dass es Reformen gegeben hätte, vielleicht wären die Ostdeutschen dann erst mal zufrieden gewesen", glaubt Birgit Rolle. Bis sie an die nächste Grenze gestoßen wären.

Nach der Wahl dann das unglaubliche Ergebnis: Wieder soll die Liste über 98 Prozent Zustimmung erhalten haben. Der Potsdamer Freundeskreis von Birgit Rolle war empört. Schließlich wollten alle dagegen gestimmt haben. "Da wussten wir, mit Wahlen hat das eigentlich nichts zu tun." An diesem Punkt begann für sie die Aufbruchstimmung in der DDR. Die Menschen fingen an nun ihre Unzufriedenheiten vermehrt zu äußern. Schon auf der traditionellen Pflichtdemonstration zum 1. Mai 1989 hatte man begonnen, über Politik zu reden. Aber von großen Montagsdemos wie in Leipzig oder Dresden war in Potsdam keine Spur. Auch kleinere Protestveranstaltungen in den und um die Kirchen habe es hier erst viel später gegeben. "Da hat es in anderen Städten schon viel mehr gebrodelt, die Massen haben ihren Willen woanders schon viel deutlicher ausgedrückt", erinnert sich Birgit Rolle, die nach der Wende noch einmal studiert hat und heute nicht nur Geografie sondern auch Politische Bildung unterrichtet. "Das war eben immer eine rote Ecke hier. Und an heutigen Wahlergebnissen sieht man: es ist immer noch so."

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