Mai 1989

Bei den Kommunalwahlen am 7. Mai entfallen nach offiziellen Angaben 98,85 Prozent der Stimmen auf die Kandidaten der Einheitslisten. Vielerorts können Wahlfälschungen festgestellt und publik gemacht werden. In Leipzig demonstrieren einen Tag später mehr als 500 Menschen gegen die Manipulation der Wahlergebnisse. Die Tradition der Montagsdemonstrationen, die es in der Messestadt seit Anfang der 1980er Jahre im Zusammenhang mit der DDR-Friedensbewerbung gibt, wird gegen den innerkirchlichen und staatlichen Widerstand wieder aufgenommen. Wahlen in der DDR: Wie sahen die aus? Was, wen und wie oft konnte man wählen? Unter welchen Bedingungen? Warum sprachen viele Bürger von Wahlbetrug? Wie reagierte der Staat auf die Offenlegung der Manipulationen und auf die Proteste?

Jahrgang: Neues
2009 Neues Alle
Stephan Hilsberg (r.)
Sonntagsstimmung - Es ist der 7. Mai. Es ist ein Sonntag. Die Sonne strahlt, alle sind unterwegs. In den Park geht man nicht. Auch das Herausputzen bedeutet nicht, dass man zur Kirche geht oder die Familie besucht. Nein. Man geht wählen. Am 7. Mai 1989 waren wieder Wahlen in der DDR. Stephan Hilsberg, der zu diesem Zeitpunkt 33 Jahre alt war, ging auch zum Wahllokal im Berliner Bezirk Weißensee/Karow. Glauben Sie, er hat gewählt?
Relief vor einer ehemaligen Kaserne der Nationalen Volksarmee
Auf Befehl zur Wahl - Im Mai 1989 ist Jens gerade Grundwehrdienstleistender im mecklenburgischen Stralsund. Rund um die Kaserne hängen Plakate mit den Kandidaten der "Nationalen Front", die für die Kommunalwahlen kandidieren. Die Gesichter sagen ihm nichts, die in den DDR-Medien beschworene "politisch-moralische Einheit des Volkes" erlebt er als Farce. Aber entziehen kann er sich nicht: Für die gesamte Kompanie ergeht der Befehl, geschlossen zur Wahl zu erscheinen.
Quelle: Neues Deutschland, 8. Mai 1989
"Eine Revolution des Mutes" - Klaus Zimmermann lehnt sich auf seinem in unaufdringlichen Orangetönen gehaltenen Sofa zurück. Einen Moment schließt der 68-Jährige die Augen, um sich an die Wahl vor zwanzig Jahren zu erinnern, die er als Wahlbeobachter miterlebte. Die Erinnerung fällt schwer, viel Zeit, viele Veränderungen liegen in all den Jahren. Seine Beine hat er übereinandergeschlagen.
Auszählung im Wahllokal
"Wir haben ganz korrekt ausgezählt!" - In genau einem Monat wählt Europa. Nur mit viel Glück wird die Beteiligung der 378 Millionen EU-Bürger, die für ihre Europa-Abgeordneten stimmen dürfen, nicht noch weiter sinken. Vor 20 Jahren hingegen blickte ganz Europa gespannt auf kaum mehr als 12 Millionen Wahlberechtigte. Der 7. Mai 1989 war der Tag der Kommunalwahlen in der DDR. Dass es die letzten sein würden, wusste damals noch niemand.
Erste Schritte in Richtung Demokratie
"Das ist doch Betrug!" - Am 27. September wird sie stattfinden, die Wahl zum 17. Deutschen Bundestag. Auch ich werde teilnehmen, um dem Abgeordneten meiner Wahl eine Stimme zu geben. Da dies meine erste Wahl sein wird, weiß ich nicht, was mich erwartet. Nur eines ist mir bekannt: Es wird eine Wahlkabine geben, in der ich meinen Stimmzettel ausfülle. Dieser demokratische Ablauf einer Wahl ist heute selbstverständlich. Vor 20 Jahren war er das nicht. Wie liefen die Wahlen der DDR ab? Wen konnte man wählen, und war eine Wahl damals tatsächlich frei und geheim?
Erstmals Ablehnung nachgewiesen - Kommunalwahlen 1989 in der DDR
"Wir stimmten dagegen" - Die brandenburgische Landeshauptstadt hatte sich im Frühling 1989 noch nicht von der revolutionären Stimmung, die auf den Leipziger Montagsdemos herrschte, mitreißen lassen. Doch Birgit Rolle hatte das System durchschaut. Ihr war bewusst, dass die Kommunalwahlen nicht demokratisch waren. Gemeinsam mit ihren Freunden beschloss sie, sich im Kleinen gegen das Regime aufzulehnen.
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