Die Theorie von der Harmonie

13.10.2009: "Ruhe und Ordnung" in China

Als im Juni 1989 Meldungen von einem Massaker auf dem Pekinger Tian’anmen, dem "Platz des himmlischen Friedens", an die Öffentlichkeit gelangten, beunruhigte das viele DDR-Oppositionelle. Sie hatten Angst vor ähnlichen Reaktionen des Staates auf ihre Proteste. Das Ehepaar Peters aus einem Vorort von Berlin hat die Meldungen damals differenzierter betrachtet.

Denkmal in Peking

von Josephine Ziegler, 20 Jahre alt, Studentin aus Berlin

"Die Volksmacht ist gezwungen gewesen, Ruhe und Ordnung wieder herzustellen." Als Egon Krenz, der damalige stellvertretende Staatsratsvorsitzende der DDR, wenige Tage nach dem "Tian’anmen-Massaker" diese relativierende Erklärung zu den Horrormeldungen aus China abgab, versetzte er zahlreiche DDR-Bürger, vor allem Bürgerrechtler in Panik. Krenz habe eine "chinesischen Lösung" auch für die DDR in Betracht gezogen, hieß es.

"Unser Sohn sah darin gleich eine Drohung", erinnert sich Klaus Peters. Auf seinen Lippen hat sich das milde Lächeln der Älteren niedergelassen. "Es waren hauptsächlich junge Leute, die in Panik gerieten", fügt Inge Peters hinzu. Das Ehepaar, das da so friedlich schaut, sitzt im Garten hinter dem Haus, im Osten von Berlin. Sie erzählen ihre Geschichte, ganz unaufgeregt, wie ein abgeschlossenes Kapitel im Buch ihres Lebens, und doch mit wacher Erinnerung, als läge das Buch gerade vor ihnen.

"Wer eine Sinologin heiratet, muss China mitheiraten"

Inge Peters, 1989 schon sechzig Jahre alt, kannte sich mit den chinesischen Verhältnissen bestens aus. Über ihr Geschichtsstudium in Leipzig in den 1950er Jahren war sie auf die historischen Entwicklungen Chinas aufmerksam geworden. "Alles ist dort so ganz anders gewesen als bei uns" - noch heute liegt ein Staunen in ihrer Stimme. So begann sie, zusätzlich Sinologie zu studieren. Ihr Ehemann, damals Germanistikstudent, wurde durch ihre Euphorie mitgerissen. "Wer eine Sinologin heiratet, muss China mitheiraten", erklärt er bedächtig, während ein Schmunzeln seine schmalen Lippen umspielt. 1956 reist Inge Peters zum ersten Mal nach China, um dort zu studieren. Sie nimmt ihren Mann und den zweijährigen Sohn mit in eine andere Welt. Sie sollten zwei Jahre bleiben, immer wieder kommen und die Menschen Chinas sehr gut kennen lernen.

Ein Mädchen!

"Meine Frau hat dort ein Kind adoptiert", berichtet Klaus Peters. Der Schriftsteller erzählt eine der vielen Geschichten, die ihm bei seinen Aufenthalten im Fernen Osten widerfahren sind. Eine freundschaftliche Geste sei es gewesen, dass die Shanghaier Familie der deutschen Forscherin anbot, eines ihrer Kinder "anzunehmen", keine echte Adoption. "In China sagt man schnell auch ‚Bruder’ oder ‚Schwester’ zueinander, um die freundschaftliche Bindung einer verwandtschaftlichen gleichzusetzen", fügt die Wissenschaftlerin erklärend an. Aus den vier Kindern der Familie wählte sich Inge Peters ausgerechnet, entgegen den Erwartungen der Eltern, das einzige Mädchen aus. "Der chinesische Konfuzianismus ist ja sehr frauenfeindlich", erklärt sie. "Für mich war es völlig klar, dass das dann ein Mädchen sein muss." Aus ihrem Lachen klingt eine jugendliche Frechheit.

Freunde wiederum aus Peking waren es auch, mit denen die Peters’ viel später die Ereignisse des 4. Juni zu rekonstruieren versuchten. "Wir kennen Studenten, die dabei waren - das waren anständige Jungen, die haben was Gutes gewollt, die hatten Ideale", erzählt Klaus Peters im Gedanken an die Protestierer vom Tian’anmen. Doch man müsse verstehen, erklärt die Sinologin, dass die Studenten die Partei auch beleidigt haben und wollten, dass die Politiker ihr Gesicht verlieren. "Das darf man sich nicht gefallen lassen. In China spielt das eine ganz andere Rolle." Ihr Mann, der Schriftsteller, zieht Vergleiche: "Stellen Sie sich vor, eine Gruppe würde sich vor dem Reichstag niederlassen - die würden doch keine zehn Minuten geduldet.

Was ist passiert?

In China hielt man die Situation wochenlang aus." Man habe das Problem dann ganz im Sinne der Theorie von der Harmonie typisch chinesisch gelöst. Auf dem Tian’anmen sei es zu Verhandlungen gekommen. Zwischen den Panzern habe es eine Gasse für das kontrollierte Verlassen des Platzes gegeben, so erzählt das Ehepaar. Andere Quellen, beispielsweise die Bundeszentrale für politische Bildung, sprechen von Schüssen auf die Studenten und blutigen Niederschlagungen der Protestierer auf dem "Platz des himmlischen Friedens". Auch die westeuropäischen Medien stellten die Ereignisse so dar.

"Dann kamen die Horrormeldungen im Westfernsehen, dass Zelte überfahren wurden - das schadet ja niemandem, wenn keine Menschen drin sind", erinnert sich Inge Peters. Sie behauptet bestimmt: "Und es waren keine drin!" Gewalt habe es gegeben, das ließe sich zu ihrem Bedauern nicht leugnen. Einige Straßen entfernt vom Tian’anmen habe es auch Übergriffe auf Zivilisten durch Soldaten gegeben, nachdem diese provoziert worden seien. Welche gesellschaftlichen Kräfte dort am Werk gewesen seien, ließe sich nicht rekonstruieren, meint sie.

Die Reaktion darauf jedenfalls sei das gewaltvolle Vorrücken der Panzer zum Tian’anmen gewesen, wo es zur friedlichen Auflösung der Besatzung gekommen sei. Laut Bundeszentrale für politische Bildung wurden im Nachhinein zahlreiche Todesstrafen verhängt. Die meisten seien ohne fairen Prozess ausgesprochen worden. "Uns ärgert, dass die chinesische Regierung zu den Ereignissen nicht Stellung genommen hat", sagt Inge Peters. Denn nicht alle Protestierer seien konterrevolutionär gewesen, sondern hätten gute Ziele, wie mehr Demokratie, gehabt.

Angst

Die Peters’ meinten, die Ereignisse in Peking seien so nicht auf die DDR übertragbar gewesen. Die Panik der Oppositionellen vor einer "chinesischen Lösung" konnten sie deshalb nicht nachvollziehen. Allein durch die Meldungen seien die Verhältnisse aber im Sommer 1989 auch in Deutschland verschärft worden. Inge Peters erinnert sich auch Angst vor einem Bürgerkrieg gehabt zu haben: "Als alle über die Grenzen abhauten und alles in Bruch ging, wusste man ja nicht, wie der nächste Tag wird."

Nach dem Fall der Mauer fragten die chinesischen Freunde der Peters’ schließlich, wieso die Ostdeutschen sich die schnelle "Abwicklung und Übernahme der DDR durch die BRD" haben gefallen lassen. Klaus Peters erklärt versonnen: "Die Leute wollten die Banane. Wir brauchten sie nicht unbedingt, wir beide." Der Erzähler verstummt. Nur sein Schmunzeln um die schmalen Lippen bleibt im Garten hängen. Er und seine Frau, die Sinologin, die ihm lächelnd zustimmt, schauen vor sich hin, in diesem Garten hinter dem Haus im fernen Osten Deutschlands.

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