"Dann bin ich eben der Feind"

01.09.2009: Gewissen und Menschlichkeit nach Peking

Die Nachrichtenlage ist diffus. Aktuelle Kamera, Neues Deutschland und Junge Welt spiegeln die Welt durch die Brille der SED. Aber selbst wer sich nur in den DDR-Medien informiert, kann sich zumindest zusammenreimen, was 1989 in der Welt geschieht. Es sind die kleinen Meldungen über Ungarn, Gorbatschow und einen Platz in Peking, die von politischem Starrsinn einerseits und allmählicher Veränderung andererseits künden.

Himmelspalast in Peking

Von Katharina Jesse, 22 Jahre alt, Studentin aus Berlin

In Peking hatte es geknallt. Auf einem Platz, von dem Jens noch nie zuvor gehört hatte, waren am 4. Juni 1989 Tausende Menschen verletzt und Hunderte zu Tode gekommen. "Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens" - hier hatte das Militär ein Blutbad angerichtet, das die seit April stattfindenden friedlichen Proteste der chinesischen Demokratiebewegung gewaltsam beendete. In der Hauptnachrichtensendung des DDR-Fernsehens hieß es dazu lediglich: "Einheiten der chinesischen Volksbefreiungsarmee haben in der vergangenen Nacht den Tiananmen-Platz in Peking geräumt, teilte das chinesische Fernsehen mit, weil Konterrevolutionäre den Sturz der sozialistischen Ordnung beabsichtigt haben."

"Etwas Ungeheuerliches"

Jens hatte die Aktuelle Kamera nicht gesehen. Aber im Neuen Deutschland konnte er nachlesen, "dass da etwas Ungeheuerliches passiert war". Die SED-Parteizeitung kommentierte das Massaker in Peking mit der Schlagzeile: "Konterrevolutionärer Aufruhr in China wurde durch Volksbefreiungsarmee niedergeschlagen". Die Abgeordneten der Volkskammer der DDR stellten fest, dass es bedauerlicherweise zu zahlreichen Verletzten und auch Toten gekommen sei - die Ausschreitungen jedoch gingen auf das Konto "verfassungsfeindlicher Elemente", so dass sich die chinesische Volksmacht gezwungen gesehen hätte, Ordnung und Sicherheit wiederherzustellen. Jens war sofort klar, dass diese demonstrativen Solidaritätsbekundungen der DDR-Obrigkeit als Abschreckung dienen sollten. Aber China war weit weg. Von einer Oppositionsbewegung wie in China war in der DDR - noch - nichts zu spüren.

Wenige Wochen später, im August 1989, wurde in Jens’ Einheit ein "Politvollversammlung" einberufen. "Das war zu dem Zeitpunkt, als Egon Krenz zu einem demonstrativen Freundschaftsbesuch nach Peking fuhr", erklärt Jens. Diese Reise wurde nun in der Kaserne argumentativ "begleitet": "Der Politoffizier hielt eine Rede über die Niederschlagung der Konterrevolution - und darüber, dass auch die DDR nicht davor zurückschrecken würde, wenn nötig mit Waffengewalt die 'Feinde des Sozialismus' zurückzudrängen", erinnert sich Jens.

Gewissensqual als Waffenträger

Jens war nach dieser Rede wie erstarrt. Auch in der DDR hatte es in jüngster Vergangenheit brenzlige Situationen gegeben. Jens dachte an die Großrazzia der Staatssicherheit in der Umwelt-Bibliothek im November 1987, die mit ihrer Sammlung verbotener oder unerwünschter Bücher die offizielle Informationspolitik unterwanderte. Da war die Rosa-Luxemburg-Demonstration im Januar 1988, in deren Vorfeld 120 Bürgerrechtler unter Hausarrest gestellt oder verhaftet worden waren. In den Wochen und Monaten danach wurden vor allem Künstlerinnen und Künstler verhaftet, darunter Stephan Krawczyk, der damals eine Identifikationsfigur für Jens ist. Dazu kam die Erinnerung an die Proteste gegen die gefälschten Ergebnisse der Kommunalwahlen. Und seit im Mai die Grenzanlagen zwischen Ungarn und Österreich abgebaut wurden, versuchten immer mehr DDR-Bürger, über Ungarn - seit Juli auch über die CSSR - in den Westen zu fliehen. Einen Massenexodus aus der DDR würde die SED unter keinen Umständen dulden.

Die Rede des Politoffiziers verdeutliche Jens von einer Sekunde auf die andere, dass Peking gar nicht so weit weg war. Auch in der DDR konnte sich die Situation zu einer Katastrophe entwickeln. "Die Aussage hat mich dazu gedrängt, mich noch mehr mit meiner eigenen Situation als Wehrdienstleistender und Waffenträger auseinander zu setzen - ja, mich meiner Gewissensqual auszuliefern", erklärt Jens heute. Demonstrationen gewaltsam auflösen? Dem eigenen Volk mit der Waffe in der Hand entgegenzutreten? Undenkbar für den jungen Soldaten. Fassungslos darüber, dass seine Heimat "offenbar ein Scheißladen" ist, machte es ihm nichts mehr aus, sich zu positionieren. "Dann bin ich eben der Feind", lautete damals sein Fazit.

Angezogen von den Mutigen

Verärgert, enttäuscht und frustriert war Jens dennoch. Die Bevölkerung, um die er sich sorgte, die große Masse, so wie er sie damals wahrgenommen hatte, interessierte sich überhaupt nicht für Peking und die Propaganda der SED. Nur wenige fanden den Mut zur offenen Kritik. Und von diesen Wenigen fühlte Jens sich magisch angezogen. So kam es immer wieder vor, dass Jens aus der Kaserne direkt in den Zug Richtung Alexanderplatz stieg und seinen Kurzurlaub in der Hauptstadt der DDR verbrachte.

Er ging in die Zionskirche, zu den Leuten von der Bewegung "Kirche von Unten" und trommelte sich mit ihnen die Wut aus dem Bauch. In Berlin bewegte er sich auf dünnem Eis, wissend, dass die Staatssicherheit gerade im kirchlichen Umfeld ihre Leute einschleuste. Aber Jens ging das Risiko ein, als Soldat bei solchen SED-feindlichen Aktivitäten erwischt zu werden: "Ich musste diesen Stachel spüren, dass etwas geht, dass es Menschen gibt, die sich wehren." Seine Angst verdrängte er, weil er die Angst der Vorgesetzten spürte: "Schiss hatten die Offiziere. Ihnen war die Hysterie über die Entwicklungen anzumerken."

Peking war für Jens "ein Meilenstein, um wacher zu werden". Ein trauriger Meilenstein - aber eben einer, der ihm die Unmenschlichkeit seines Systems klar vor Augen geführt hat.

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