"Was haben die denn für Probleme?"

28.08.2009: Ein Orchestermusiker erinnert sich, wie er von den gewaltsamen Ereignissen in China am 4. Juni 1989 in der DDR erfahren hat.

Der Kaffeetisch ist liebevoll gedeckt, als mich Walter Diesterhaupt auf der Terrasse seines Hauses empfängt. Er trägt legere Shorts und ein kariertes, kurzärmliges Hemd. Die Sonne an diesem späten Augusttag scheint mit voller Kraft. Umringt von einer farbigen Blumenpracht erzählt der Rentner, wie über die sogenannte "chinesische Lösung" in der DDR berichtet wurde und was in den Menschen hierzulande vorging.

Tor des Himmlischen Friedens in Peking

Von Julia Meier, 26 Jahre alt, Studentin in Potsdam

Zu den aktuellen Nachrichten war der Bratschist wie so oft gar nicht zu Hause, sondern spielte die Abendvorstellung im Neustrelitzer Theater. Seit 1963 war er dort Orchestermusiker. Wann genau er von der Niederschlagung der friedlichen Studentendemonstration auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking erfahren hat, kann er heute nicht mehr sagen. Nur eines ist gewiss: "Der Westen hat es eher berichtet, wenn was war".

Blitzableiter als Westantenne

Von den Meldungen der Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" des DDR-Fernsehens hielt man im Hause Diesterhaupt nicht viel, sondern verfolgte lieber die Tagesschau in der ARD, denn "unsere frisierten Nachrichten hat ja eh keiner geglaubt". Ab und an schaute die Familie mal rein, um zu sehen "was die wieder sagen" und dachte sich ihren Teil dazu, sagt der Musiker. Dass sie das nicht gestattete West-Fernsehen schauten, war allein schon auf Grund der Abhängigkeit vom Wetter nicht selbstverständlich. Die notwendige Antenne ließen sich die Diesterhaupts aus Aluminiumstäben von alten Blitzableitern extra bauen. Wer kein Fernsehgerät besaß, ging zu denen, die eines hatten.

Und so erzählt Walter Diesterhaupt, wie auch sie Besuch empfingen, um beliebte "Straßenfeger" wie den Freitagskrimi zu schauen. Angst, erwischt zu werden, hatte er nicht: "Es konnte ja keiner kontrollieren, was du guckst", und weiter: "Es war von den Berliner Sendeanstalten auch raffiniert gemacht. Die wussten, dass in der DDR auf den Kanälen 1 bis 39 gesendet wurde und richteten ihre Sender entsprechend darauf aus".

Natürlich hatten Walter und seiner Frau den beiden Kindern erklärt, dass sie in der Schule nicht erzählen durften, welche Sendungen in den heimischen vier Wänden liefen. "Es gab Lehrer, die haben gefragt: ‘Wie sieht denn euer Sandmännchen zu Hause aus‘"? Bei interessanten Kultursendungen schaltete der Musiker auch mal einen DDR-Sender an, montags zum Beispiel, wenn "der Westen auch den Osten guckte, weil da alte Filme liefen", sagt er und lacht dabei herzlich. "Willi Schwabes Rumpelkammer" präsentierte Filmausschnitte der 30iger bis 40iger Jahre, und der Moderator erzählte Anekdoten über Ereignisse, Schauspieler und Regisseure.

Informationsquellen

Der Musiker sah indes nicht nur Fernsehen, sondern hörte auch viel Radio - West-Radiosender wie Rias ("Rundfunk im amerikanischen Sektor" oder Sender Freies Berlin (SFB). Ähnlich verhielt es sich mit der Zeitungspresse. Den Parteiblättern "Neues Deutschland" oder "Freie Erde" schenkte der Künstler wenig Aufmerksamkeit und ließ sich lieber aus Rostock die Norddeutschen Neuesten Nachrichten schicken, eine Tageszeitung der National-Demokratischen Partei Deutschlands (NDPD), die er als "kleine Bildung für Intellektuelle" bezeichnet. Neben den sogenannten Leitartikeln der SED-Führung, die in jeder Zeitung gleich waren, fanden sich hier "weltoffenere Beiträge, die nicht so linientreu waren und den Horizont erweiterten". Walter Diesterhaupt interessierte sich für Wirtschaftsberichte, Geschichtliches, wissenschaftliche Beiträge, Reiseberichte der Schifffahrt, zum Beispiel von der Handelsflotte, und alles rund um das Thema Eisenbahn, dem er sich noch heute leidenschaftlich widmet.

Kleines Grüppchen?

Über die Vorfälle in Peking wurde in der DDR erst berichtet, nachdem von westlicher Seite bereits Informationen "durchgedrungen" waren. Die Sache musste natürlich erst einmal im Politbüro durchgearbeitet werden, weiß der Opa von acht Enkelkindern zu berichten. Im Ergebnis stellte sich die DDR-Regierung auf die Seite des chinesischen Bruders und zeigte sich solidarisch. "Wer sich gegen das System richtete, wurde als konterrevolutionär dargestellt".

Es wurde die Meldung veröffentlicht, dass eine kleine Gruppe von Konterrevolutionären auf dem Tian'anmen-Platz niedergeschlagen wurde. Über die Tausenden Studenten, die bereits wochenlang friedlich für mehr Freiheit, westliche Bildung und Demokratie demonstriert hatten und schließlich von chinesischen Panzern brutal überrollt wurden, hatte man in der DDR-Presse kein Wort verloren, geschweige denn, Fernsehbilder gesendet, die diese Schreckensszenarien zeigten. Überhaupt schenkte man dem Vorfall in der DDR nur geringe Beachtung. Mit einer Meldung und einem Kommentar hatte sich die Sache erledigt. "Auch die Westkorrespondenten mussten vorsichtig berichten; hatten ihre Auflagen und wurden bewacht. Sie hätten ja jederzeit wegen Hetze gefasst werden können".

Keine Ahnung

Und so kam die Information der westlichen Medien für die Menschen hierzulande wie aus dem Nichts, so dass man sich fragte: "Was haben die denn für Probleme?" Darüber, warum dort Menschen demonstrierten, wurde weitestgehend geschwiegen. "Man hat ja vorher nichts gehört aus China, beispielsweise, ob es dort bereits Unruhen an den Universitäten gegeben hat. Das Ereignis war ja schon der Höhepunkt der Unzufriedenheit". Dass die Menschen dort noch viel eingeschränkter lebten als in der DDR, das wusste man.

Ich erzähle vom Tod des chinesischen Politikers Hú Yàobāng im April des Jahres 1989, woraufhin sich Studenten zunächst zu einer Trauerfeier auf dem Platz des Himmlischen Friedens zusammenfanden. Das ist Herrn Diesterhaupt nicht bekannt. Er erzählt mir von der vorangegangenen Kulturrevolution, in deren Verlauf chinesische und westliche Literatur und Musik vernichtet worden waren, dass es plötzlich keinen Austausch mit chinesischen Orchestern mehr gegeben hat. Er spricht über die Unzufriedenheit der chinesischen Bevölkerung, über Einheitskleidung- und Frisur und über Güter, beispielsweise Südfrüchte und Baumwollhemden, die die DDR aus China bezogen hat, die dort produziert, aber nicht verkauft worden sind. "Damit wurden die Menschen konfrontiert und so war es in der DDR ja auch."

Keine Angst vor der "chinesischen Lösung"

Zum damaligen Zeitpunkt im Juni `89 kann sich Walter Diesterhaupt nicht entsinnen, dass er selbst oder jemand aus seinem näheren Umfeld Befürchtungen hatte, dass die sogenannte "chinesische Lösung" auch im eigenen Land zum Tragen käme. "Im Kollegenkreis haben wir gar nicht darüber gesprochen. Das war für uns weit weg. Ich glaube, wir haben gesagt: ‘Bei uns würde es so etwas gar nicht geben‘". Es sind zwar schon Menschen aus der DDR geflüchtet, aber an Demonstrationen, wie sie dann im Herbst stattgefunden haben, war noch gar nicht zu denken, erzählt er.

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