Eine Woche Tian'anmen

12.06.2009: Eine Asien-Reisende erinnert sich an ihre Zeit in Peking

"Um das Monument im Zentrum des Tian'anmen-Platzes sah man nur aufgeregt schwarze Köpfe herumwuseln", erinnert sich Irmhild Schrader an ihre Zeit in Peking im April 1989. Sie spricht von unzähligen Menschen, die im Protest gegen das kommunistische Regime Chinas den riesigen Platz des Himmlischen Friedens besetzten. Hartnäckig schienen die Demonstranten zu sein - aber vergnügt und friedlich. Doch nicht einmal zwei Monate später kam alles anders: Am 4. Juni 1989 starben 5.000 Menschen, nachdem die Regierung die gewaltsame Räumung des Platzes verordnet hatte; fast 30.000 weitere wurden von den heranrollenden Panzern verletzt.

Peking: Platz des himmlischen Friedens

Von Josefa Kny, 21 Jahre alt, Studentin aus Berlin

Ab dem Sommer 1988 nahm die gebürtige Braunschweigerin in ihrem damaligen Beruf als Sonderschulpädagogin ein Sabbat-Jahr wahr. Teils organisiert, teils ungeplant wollte sie mit ihrem Lebensgefährten ein Jahr lang durch Asien reisen - durch Japan, Vietnam und natürlich China.

Die erste Zeit in China erschütterte sie gründlich; wirklich alles war anders. Durch die fremde Schrift und Sprache fühlte sie sich trotz des Sprachkurses ziemlich hilflos. Doch schon bald wich der Schock großem Staunen und Begeisterung: "Wir hatten uns an den Zustand als Langzeitreisende gewöhnt und bestimmte Lehren daraus gezogen", erzählt Irmhild Schrader. In den letzten Wochen in Peking, wo sie während der Reise schon öfter Zwischenhalt gemacht hatten, beobachteten sie eher den Alltag der Menschen, statt nur auf touristischen Pfaden zu wandeln.

Irmhild Schrader wusste, dass die politische Stimmung innerhalb und außerhalb der Kommunistischen Partei Chinas brodelte: "In politischen Diskussionen ging es um Richtungskämpfe", erklärt sie. "Wir haben davon aber auch eher aus zweiter Hand über die Medien mitbekommen, denn so offen sprach darüber niemand mit uns."

Anfang der 1980er Jahre experimentierte das kommunistische China mit Reformen hin zur Marktwirtschaft. Doch mehr Demokratie und Freiheit ließen weiterhin auf sich warten. Das Tempo der Reformen radikal zu erhöhen hatten die studentischen Demonstranten sich zum Ziel gesetzt. Auf dem Tian'anmen-Platz.

Ein neues Bild

An normalen Tagen war der Platz im Zentrum Pekings mit einer Fläche von fast 70 Fußballfeldern stark reguliert und abweisend. Eine vorbildliche Menschenschlange reihte sich vor dem Mausoleum Mao Tse-tungs. Polizisten scheuchten jeden hoch, der sich hinsetzen wollte. Doch schon die ersten paar hundert Demonstranten änderten das Bild: "Der Platz entwickelte sich plötzlich zu einem ausgesprochen kommunikativen, belebten, in den ersten Tagen sehr energiereichen und mit Freude beladenen Ort", beschreibt Irmhild Schrader.

Anlass für die Proteste war der Tod des reformfreudigen Politikers Hu Yoabang am 15. April. Besonders junge Leute hatten in ihn ihre Hoffnungen gesetzt. Die Trauerzeremonie führte ganz offiziell auf den Platz des Himmlischen Friedens. Aus allen Richtungen strömten kleinere und größere Trauerzüge aus den Universitäten herbei. Doch etwas verlief anders als bei normalen Trauerzeremonien: "In diesem äußeren Rahmen brachten die Studierenden ihre Forderungen ein. Papierkränze mit Schriftzügen oder Bildern waren gleichzeitig Transparente und politische Aussagen", berichtet Irmhild Schrader, die das ganze Spektakel genau beobachtete. Der Platz füllte sich mit immer mehr Demonstranten, die das Denkmal für die Helden des Volkes in der Mitte des Platzes umlagerten. In den nächsten Tagen und Wochen mutierte der Obelisk zur riesigen Litfasssäule. Hunderte Chinesen drängten sich darum und schrieben Sprüche von den angeklebten Plakaten und Zettelchen ab.

Himmlischer Frieden

Ohne Zwischenfälle verliefen die Tage bis zur offiziellen Trauerfeier für Hu Yaobang eine Woche später. Der Platz füllte sich mit unendlich vielen Leuten voller Jubel und Freude. Aus wenigen hundert wurden 200.000 Demonstranten. "Der ganze Platz war belebt. Man schob und drängelte sich", erinnert sich Irmhild Schrader. "Ich hatte insgesamt eine große Hochachtung davor, wie die unzähligen Menschen auf dem Platz es über so lange Zeit geschafft haben, dass die Situation nicht eskalierte." Selbst als es nach drei Tagen begann, endlos zu regnen, erschienen fast wie aus dem Nichts Plastikplanen. Tapfer warteten die Menschen auf besseres Wetter.

Die offizielle Trauerfeier der Partei am 22. April dauerte nicht lange: Eine Reihe Autos fuhr vor, Chopins Trauermarsch erklang über dem Tian'anmen-Platz, ein Offizieller hielt eine kurze öffentlich übertragene Rede und schon brauste das Auto mit dem Sarg wieder davon. Offensichtlich hatte die Parteispitze Angst vor den demonstrierenden Massen. Doch niemand versuchte, die Demonstranten wegzudrängen. Irmhild Schrader bewertete die Situation in Peking im Vergleich zu Protesten in Westdeutschland ein wenig anders: "Die ewige Angst, dass etwas passieren könnte, hatte ich zu der Zeit gar nicht."

Jeden Tag ihrer letzten Woche in China verbrachte Irmhild Schrader auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Mit den Einheimischen sprach sie in jener Zeit vor allem über die Demonstrationen. Während sie in den Monaten zuvor meist damit gelöchert wurde, wie groß die Berliner Mauer im Verhältnis zur Chinesischen wäre und was sie über den "very famous German" Karl Marx wüsste, lauteten die Fragen nun: Wie demonstrieren die Deutschen? Worum geht es ihnen? Und wie verhält sich die Polizei?

Protest mal anders

Ganz anders empfand Irmhild Schrader den Stil des Protests: "Wir sind gewohnt, sehr klar und drastisch Forderungen und Transparente zu formulieren", führt sie aus. "Die Forderungen dort sind blumige Parolen und Sprüche, die immer viel Platz für Deutungen lassen." Gibt es beispielsweise in Deutschland Transparente mit der Aufschrift "Schäuble ist ein Datenklauer", formulierte man in China eher "Hu Yaobang war ein integerer Politiker". Das kann gleichzeitig bedeuten, dass alle anderen es nicht sind. Oft suchen die Chinesen Vergleiche oder belegen Personen mit positiven Eigenschaften, um andere indirekt negativ dastehen zu lassen.

Am Tag ihrer planmäßigen Abreise erblickte Irmhild Schrader erstmalig eine englische Forderung: "'Liberty for the Press' klebte am Denkmal. Das war ein Symbol in die Welt hinaus." So war es nicht verwunderlich, dass auch auf der langwierigen Rückreise mit der Transsibirischen Eisenbahn in der "Deutschen Welle" über die Ereignisse in Peking berichtet wurde.

Zurück in Hannover entfernte sich Irmhild Schrader innerlich vorübergehend von den Tian'anmen-Demonstrationen: "Nach der langen Reise war ich erst einmal mit mir beschäftigt und habe gar nicht genau mitgekriegt, wie sich die Situation weiterentwickelt hat." Ende Mai schätzten Beobachter die Zahl der Demonstranten auf 500.000 Menschen. Dass es Auseinandersetzungen innerhalb der Regierung gegeben haben musste, wie sie auf die Proteste reagieren sollte, war der damals 37-Jährigen klar. Eine Seite plädierte für hartes Durchgreifen, die andere versuchte, Zugeständnisse zu machen.

Unvorstellbar

Doch was am 4. Juni geschah, kann sich Irmhild Schrader bis heute nicht erklären: "Ich konnte mir diese Gewalt gegenüber den Menschen gar nicht vorstellen", sagt sie bedächtig. "Das passte einfach gar nicht mit meiner Wahrnehmung zusammen. Ich habe mir versucht vor Augen zu führen, wie das Militär das gemacht hat. Die mussten ja wirklich mit den Panzern regelrecht in die Leute hineinrollen." Die Gedanken gingen auch zu jenen Menschen, mit denen sie auf dem Platz gesprochen hatte. "Da muss sich etwas abgespielt haben, was ich bis heute nicht richtig zusammengekriegt habe", schließt die heute 57-Jährige.

Seit damals ist Irmhild Schrader, inzwischen Lehrbeauftragte an der Universität Hannover, nie wieder in Peking gewesen. "Aber ja", sagt sie, sie wolle unbedingt noch einmal hinfahren. Der leere Platz des Himmlischen Friedens werde ihr unwirklich erscheinen: "Ich werde bestimmt auf Spurensuche gehen, um das ganze Gefühl von damals zu reaktivieren", überlegt sie. Ob das Gefühl der aufgeregten, freudigen Stimmung mit dem Hintergedanken an das Massaker vom 4. Juni 1989 überhaupt zurückkommen kann, bleibt bis zur nächsten Peking-Reise offen.

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