Das eine sagen, das andere denken

13.10.2009: Arrangement und Widerstand in Zeiten des Umbruchs

Meine Zeitzeugen-Reise für Reporter'89 führt mich meist zu Menschen, die ihren Platz gefunden hatten. Sie hatten sich zögernd mit der DDR arrangiert und sich das Leben innerhalb ihrer vier Wände so gemütlich wie möglich gestaltet. Aber wie fühlte es sich an, wenn man voller Aufbruchsstimmung ins Leben starten wollte? Wenn die Schule zu Ende und die Welt zu entdecken war? Und man mit dem Kopf gegen die Mauer prallte?

NVA-Panzer

Von Josefa Kny, 21 Jahre alt, Studentin aus Berlin, z. Zt. in Schweden

Als die Mauer fiel, war Tom 22 Jahre alt. Das Vertrauen in die DDR hatte er da schon lange verloren. Genauer gesagt zwölf Jahre zuvor, als er wie jeden Morgen vor dem Aufstehen eine halbe Stunde Radio hörte: "Mir wurde das erste Mal bewusst, dass etwas nicht richtig läuft, als sie in den Nachrichten sagten, dass jemand bei der Flucht an der Grenze erschossen worden war. Da war ich zehn."

Das Misstrauen zog sich durch Toms Leben in der DDR. Von den Eltern lernte er früh, dass nicht alles so war, wie Schule und Zeitung behaupteten. Karriere als Maschinenbauingenieur hätte sein Vater nur mit Parteimitgliedschaft machen können. Für ihn ein Tabu; er verzichtete lieber. Kam Westverwandtschaft zu Besuch, sprach die Familie stets über politische Themen, über den tiefen Graben zwischen Propaganda und Wirklichkeit. "Wer nicht blind durchs Leben ging, für den war klar: Was argumentiert und plakatiert wurde, passte nicht mit der Lebenswelt zusammen", erzählt der heute 42-Jährige.

Im Freundeskreis herrschte Konsens. Alle wussten, was sie in der Schule sagen mussten. Was sie wirklich dachten, war meilenweit davon entfernt. Trotzdem hatte Tom auch Freunde, deren Eltern im Staatsapparat arbeiteten. Westfernsehen war für sie tabu, auf ihre Eltern ließen sie nichts kommen, und so klammerten die Teenager das Thema Politik einfach aus. Gesprächsstoff hatten sie dennoch genug.

Mittendrin

Die DDR fristete ihr Dasein nur 40 Jahre - eine ziemliche kurze Staatsgeschichte. Doch Tom ist mitten hinein geboren, Ende der 1960er Jahre. Für seine Generation schien es selbstverständlich: Die DDR war schon immer so und es wird sie auch immer geben. "Wir haben nicht erwartet, dass die Mauer irgendwann mal nicht mehr existieren würde. Sie war die absolute Grenze und man hat sich dazwischen zu arrangieren", dachte der Informatiker damals.

Dass er fünf Jahre später auch noch so gedacht hätte, bezweifelt er. Sein Erwachsenwerden spielte sich in den 1980er Jahren ab: Schulabschluss, Lehre, später Studium, Familie gründen, sich selbst finden, zurechtfinden. In dieser Zeit dominieren Entwicklungsschritte, bei denen die äußere Grenze nicht im Vordergrund steht. Heute reflektiert der zweifacher Vater: "Irgendwann - fünf Jahre später vielleicht - wäre ich zu dem Punkt in meiner persönlichen Entwicklung gekommen, an dem es nicht mehr weiter gegangen wäre. Irgendwann hätte es keine Perspektive mehr gegeben."

Wäre das Ende der DDR nicht schneller gekommen als erwartet, hätte das DDR-System Tom vielleicht schon viel früher die Perspektive verbaut. Als überzeugter Pazifist wollte der damals 18-Jährige lieber eineinhalb Jahre Bausoldat ohne Waffe werden, statt regulär bewaffneten NVA-Dienst abzuleisten. In kirchlichen Friedenskreisen, zu denen er sich von Freunden zufällig mitschleppen lassen hatte, lernte er, dass das DDR-Gesetz eine Klausel zur Wehrdienstverweigerung enthielt. Berufen konnte man sich auf seinen Glauben und auf sein Gewissen. Offiziell ließ der Staatsapparat das natürlich nicht verlauten.

Tom ist Atheist, doch sein Gewissen hat sich schon früh gemeldet. Im Wehrdienst-Früherziehungsunterricht ab der achten Klasse gehörte er zu den zwei, drei Jungs, die lieber mit den Mädchen in der Schule bleiben und am Sanitäterlehrgang teilnehmen wollten, als für einige Tage hinaus ins Wehrdienstlager zu fahren. Während seiner Facharbeiterausbildung zum Elektriker entschied er sich bewusst gegen die obligatorische Schießausbildung. Der Schritt, Bausoldat werden zu wollen, war da nur logisch.

Kein Widerstand?

Eine begründete Darlegung der Wehrdienstverweigerung, eine Musterung, ein fast zweistündiges Sondergespräch zur Gewissensprüfung - und plötzlich wurde Toms Wunsch akzeptiert. Etwas Angst hatte er vorher schon: "Ich weiß noch, wie meine Mutter im Bus neben mir geweint hat: 'Das kannst du nicht machen. Du verbaust dir deine ganze Zukunft'", erinnert er sich, "doch dann lief alles relativ reibungslos ab. Ich hatte viel mehr Widerstand erwartet." Hätte Tom sich auf den Marktplatz gestellt und allen erzählt, dass er Bausoldat aus Gewissensgründen werden wolle, hätte das sicher anders ausgesehen.

Gerade als Tom die Wehrdienstverweigerung geklärt hatte, kam er doch, der befürchtete Rückschlag. Der gute Schüler hatte seine Ausbildung beendet und bewarb sich für sein Wunschstudium, Nachrichtentechnik, das er nach dem Bausoldatendienst beginnen wollte. Und bekam eine Ablehnung, trotz guter Noten. "Da hatte ich massiv den Eindruck, dass das mit der Wehrdienstverweigerung zusammenhängt", vermutet er. In einem persönlichen Gespräch mit einem Zuständigen der "Berliner Ingenieurschule für Maschinenbau, Elektrotechnik und Bauwesen" beschwerte er sich, doch darauf ging der Uni-Mitarbeiter gar nicht erst ein. Stattdessen wurde dem jungen Familienvater angeboten, drei Jahre zu dienen und dadurch dann sicher den Studienplatz zu erhalten. Für Tom war das natürlich ausgeschlossen.

Ein schnelles Ende

So blieb Tom nach seiner Zeit als Bausoldat nur ein berufsbegleitendes Fernstudium übrig. Einen Tag in der Woche bekam er von seinem Arbeitgeber Urlaub für das Studium. Im September 1989, mit 22 Jahren, begann er das Fernstudium - der Rest ist Geschichte... "Was noch an Auswirkungen auf mich zugekommen wäre, weiß ich nicht. Denn dann kam ja gleich die Wende", sagt Tom nachdenklich.

Weil zu jener Zeit gerade das zweite Kind unterwegs war, konnten sich Tom und seine Frau nicht aktiv auf den Protestveranstaltungen und Demonstrationen um den Mauerfall herum engagieren. "Zum Glück hat es auch ohne uns funktioniert!", lacht seine Frau. Die kritische Haltung aber, haben sie bis heute beibehalten - und auch ihren beiden inzwischen erwachsenen Kindern erfolgreich mitgegeben.

  • Seite bei Twitter teilen
  • Seite bei Facebook teilen
  • Seite bei Google bookmarken
  • Seite bei Live bookmarken