Keine Alternative

Als die Grenzbefestigungen zwischen Ungarn und Österreich gelockert werden, gibt es für viele DDR-Bürgerinnen und -Bürger kein Halten mehr. Sie packen ihre Koffer, geben vor, in den Urlaub zu fahren, planen aber insgeheim, nie mehr wieder zu kommen. Auch Achim F. sieht keine Zukunft mehr für sich in der DDR.

"Grüne Grenze"

Von Josefine Gottschalk, 18 Jahre alt, Schülerin in Berlin.

"In der DDR war man eingeengt. Dass mir jemand befiehlt, was ich zu tun habe, wohin ich gehen darf, wo ich mich aufhalten darf, was ich sagen durfte, das hat mir meine Freiheit genommen. Doch ich habe mir den Wunsch erfüllt, diese Freiheit zu bekommen", bekennt Achim F. Damals wohnte er in der Lottumstraße in Berlin Prenzlauer Berg, ganz nahe der Mauer in der Brunnenstraße. So oft habe er sich vorgestellt, wie es wohl sei, diese Mauer von der anderen Seite zu sehen. Heute ist diese Grenze nur noch ein Streifen aneinandergereihter Steine, eingelassen in den Asphalt.

Achim F. ist gebürtiger Berliner, er hat auch seine Schul- sowie Ausbildungszeit in seiner Heimatstadt verbracht. Nach der Ausbildung zum Elektromonteur bei ELPRO in Berlin spielte Achim F. zum ersten Mal ernsthaft mit dem Gedanken an die Flucht. Angst hatte er davor nie, denn er gehörte zu jenen, die risikofreudig und bereit waren, etwas zu ändern, wenn es ihnen nicht gefiel. Aus dem Gedankenspiel um eine Flucht wurde mit zunehmendem Alter ein ernsthafter und immer mehr herbeigesehnter Wunsch. Im Jahre 1989 entschied sich Achim F. dann, den Plan endlich zu verwirklichen. Damals war er 27 Jahre alt.

Sich einfach aus dem Staub gemacht

Der Plan für die Flucht war jedoch nur oberflächlich durchdacht. Achim F. wollte mit seinen engen Freunden nach Ungarn in den Urlaub fahren. "Wir haben einfach beschlossen, dass wir uns aus dem Staub machen wollen", sagt Achim F. schon fast beiläufig. Viel informiert hätten sie sich vor der Flucht nicht. Lediglich ein wenig Geographie habe er auf der ungarischen Landkarte studiert, bevor die kleine Gruppe sich mit den wichtigsten Fluchtutensilien auf den Weg machte: Essen, einige Kleidungsstücke sowie Geld.

Gegenüber seiner Familie habe Achim F. kein Wort über eine Flucht verloren. Er sagte lediglich, er wolle Urlaub machen. "Aber so, wie ich mich verhalten haben muss, haben sie sich ganz bestimmt gedacht was los ist. Aber keiner hat auch nur einmal an diesem Thema gerührt."

"Ein Mensch darf nicht eingeengt werden"

Im Sommer 1989 spitzte sich die Situation der Massenflucht aus der DDR zu. Alle anderen Ostblockstaaten setzten sich für mehr Entspannung in den sozialistischen Ländern ein. Ungarn baute die Grenzen zu Österreich ab. In einem symbolischen Akt schnitten die Außenminister Ungarns und Österreichs bei Sopron eine Öffnung in den Eisernen Vorhang und beseitigen die Grenzsperren. Doch die DDR zog nicht mit. Die Grenzen blieben unangetastet, an der Politik änderte sich nichts. Es war, als wollte die SED die Krise aussitzen. Dies wirkte sich auf die Menschen in der DDR aus: "Man wurde benachteiligt, in bestimmten Grundbedürfnissen wie Freiheit zum Beispiel, eingeschränkt," sagt Achim F. "Darin darf ein Mensch nicht eingeengt werden! In der DDR konnte man nirgendwo hin - das steigerte die Sehnsucht nach Freiheit, und der Staat erreichte genau das Gegenteil von dem, was er erreichen wollte."

Warten kam für ihn nicht infrage. "Niemand wusste, was passieren wird. Ich wollte nicht mehr warten. Deshalb musste ich für mich selbst handeln."

Nur durch den Wald

Auf dem Weg nach Sopron, die Grenzstadt zu Österreich, teilte sich die kleine Gruppe. Achim F. war nun auf sich allein gestellt. Ihm gelang die Flucht auf Anhieb, ohne Schwierigkeiten. "Von Sopron aus musste man nur durch den Wald laufen - und dann war man in Österreich. Einen kleinen Zaun überwinden ..." Die Leichtigkeit, mit der Achim F. seine Flucht beschreibt, lässt mich etwas stutzig werden. "Doch, da gab’s auch ungarische Grenzsoldaten", erzählt Achim F., "aber ich habe mir eine Weile angeschaut, wie das dort so aussieht und wie sie laufen und habe, sagen wir mal, haargenau den perfekten Zeitpunkt abgepasst. Damit stand mir niemand im Weg und der Zaun war für mich das Tor zur Freiheit!"

Über den Zaun in die Freiheit geklettert, beschaffte sich Achim F. in der Deutschen Botschaft in Wien einen neuen Pass und wurde in ein Aussiedlerlager nach München geschickt. Dort wurden Flüchtlinge über die gesamte Bundesrepublik Deutschland verteilt. "Da ich aber aus Berlin kam, wollte ich auch wieder nach Berlin zurück und kam dort in die Brunnenstraße. Also mit einem großen Umweg von Berlin über Ungarn nach Österreich durch Bayern bin ich zurück nach Berlin. Nach Hause. Nur auf die andere Seite der Mauer."

Keine andere Lösung in Sicht

Die DDR-Führung hatte Vertrauen verspielt, unter anderem, weil sie die Kommunalwahlergebnisse gefälscht hatte und die Oppositionsbewegungen unterdrückte. Freie Meinungsäußerung war nicht möglich. Achim F. beschreibt dieses Handeln als "zwei verschiedene Paar Schuhe", denn das Denken und Handeln war nicht nur innerhalb der Bevölkerung gespalten, sondern auch innerhalb der Regierung. "Die Menschen haben gedacht, es sind alles überzeugte Kommunisten und jeder hängt an diesem System. In Wirklichkeit was es wahrscheinlich genau anders herum", sagt Achim F.

Durch den zunehmenden Abstand zwischen Volk und Regierung entwickelten sich nicht nur Skepsis und Abneigung gegenüber dem Regime, sondern auch Mut in den Herzen der Bevölkerung. Sie glaubten nicht mehr an die DDR als selbstständige Staatsmacht, sahen keine Zukunft in dem Land, in dem sie lebten. Für Achim F. war eine Flucht in den Westen die einzige Lösung. "Es gab ja keine Alternativen. Das war ja fast ein Zwang! Es gab für mich nur diesen einen Weg - etwas anderes wäre für mich nicht mehr in Frage gekommen."

Heute lebt er in der Schweiz. Was ihn aus Berlin "vertrieben" hat, waren nicht etwa die schlechten Erinnerungen an die Mauer, sondern viel zunächst eine sehr gute Arbeitsstelle als Elektromonteur bei einer angesehenen Firma. Letztendlich war es dann aber die Liebe, die ihn in der Schweiz verankert hat. "Berlin ist meine Heimatstadt, und sie fehlt mir manchmal! Aber ich komme mindestens ein Mal im Jahr zurück, um meine Familie zu besuchen. Die Schweiz ist ja um die Ecke! Und es ist heute sogar leichter, mal eben von Berlin in die Schweiz zu fahren als früher von Ost- nach Westberlin. Dem Missverständnis vom 9. November 1989 sei es gedankt!"

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