Traum von der roten Jeansjacke

31.08.2009: Robert Ide erlebt den Frühsommer 1989

Wer kennt sie nicht: Die Geschichten über die DDR von Papa, Tante oder Oma. Sie alle erzählen, wie sie die DDR erlebt haben- als 25-, 35- oder 55-Jährige… Heute erzählt mir Robert Ide, wie er die Umbrüche in der DDR erlebt hat. Als 14-jähriger Schüler hatte er seinen ganz eigenen Blick auf die Geschehnisse von 1989, als der Eiserne Vorhang zu wanken begann.

Michail Gorbatschow

Von Mimoza Troni, 21 Jahre alt, Studentin aus Berlin

Im seinem Büro des Berliner Tagesspiegels erwartet mich Robert Ide. Ein mittelgroßer Mann, wuscheliges Haar und eine schwarz umrahmte Brille kennzeichnen sein Gesicht. Er trägt ein blaues Shirt, der Kragen seines weißen Hemdes guckt hervor. Mit Jeans und Turnschuhen wirkt er sehr jung - dabei ist heute 34 Jahre alt. Vor 20 Jahren war er ein DDR-Jugendlicher.

Aber schon mit 14, das sagt er im Nachhinein, war er politisch. Schon damals spürte er die Grenzen, wie weit er gehen durfte oder was er sagen musste, konnte, durfte. Als er beispielsweise von einem der FDJ-Treffen nach Hause kam, die vielen Fähnchen mitbrachte und damit den Tisch dekorieren wollte, die Mutter diese Souvenirs aber in den Papierkorb warf, da "erzählte ich der Lehrerin, dass ich all das mitgenommen habe. In der Hofpause jedoch konnte ich damit prahlen, dass wir das alles weggeschmissen haben. Man hat sich als Kind schon politisch verhalten."

"Ich wollte wie Erich Honecker werden"

Nur eine Erinnerung. Aber eine, die erkennen lässt, dass etwas nicht stimmte. Eigentlich wollte Robert Ide irgendwann wie Erich Honecker werden, weil "er überall gefeiert wurde und immer lustig war", sagt Robert und fügt hinzu, dass ihm seine "Eltern das ganz schnell wieder ausgeredet haben."

Dann wollte er Sportreporter werden und "um die Welt reisen." Die Karriere des heutigen Ressortleiters Sport beim Tagesspiegel begann mit seiner Schülerzeitung "Brennpunkt". Aber als er eine Umfrage über das Schulessen durchführte, die nicht sehr positiv ausfiel, verbot ihm die Schuldirektion weitere Umfragen mit der Begründung, dass private Befragungen in der DDR nicht erlaubt seien. Robert Ide fragte dennoch weiter. "Man konnte sich durchschummeln, aber man merkte, dass man an Grenzen stieß."

"Irgendwann musste man sich positionieren"

Kurz vor der Friedlichen Revolution wurde es für Ide ernst. Er sollte für 6 Wochen ins Wehrlager und den Umgang mit der Waffe in der Hand erlernen. Die Eltern Ide´s wollten das nicht. Die Direktorin bestellte Robert daraufhin ins Sekretariat und sagte, dass er kein Abitur ablegen könne, ohne seine politische Überzeugung zu zeigen. Da war der Punkt gekommen an dem "es nicht mehr weiterging mit dem Durchlavieren, Durchtesten." Ohne sein Abitur hätte er nicht studieren und Reporter werden können. Robert wollte damals diese sechs Wochen Wehrlager in Kauf nehmen. Aber seine Eltern waren der Meinung, dass er sich irgendwann positionieren müsse.

Robert war damals sauer. Während er mir das erzählt, muss er lachen, denn heute ist er seinen Eltern dankbar. Gerade für Jugendliche waren die begrenzten Möglichkeiten der DDR nur schwer zu ertragen. "Man wollte sich austoben, etwas anders machen - aber man wurde ständig daran gehindert.

Der Ost-West-Konflikt war in dieser Zeit allgegenwärtig. Ide erinnert sich: "Es gab immer das Eine gegen das Andere: Die USA gegen die Sowjetunion. Die einen hatten den ersten Menschen zum Mond geschickt, die anderen ins All. Trotzdem haben wir immer versucht, etwas von dieser anderen Seite zu erhaschen. Wir haben uns so sehr danach gesehnt zu wissen, wie der Westen ist und wie ‚die’ da leben." Mehr noch, wer jung war in der DDR, beneidete "die da drüben": "Wir haben uns den Westen wie im Werbefernsehen vorgestellt: mit roten Jeansjacken und hoch frisierten Haaren."

Gorbatschow ändert alles

Der Westen blieb vorerst ein Traum, der nicht zu verwirklichen schien, den Robert aber nicht aufgeben konnte. "Wir lernten Englisch in der Hoffnung, irgendwann nach England reisen zu können um dort Englisch zu sprechen. Andererseits wussten wir, wir werden nie dorthin reisen dürfen."

Aber mit Gorbatschow ändert sich plötzlich alles. "Er hat die Öffnung und das freie Reden, Diskutieren und Denken verkörpert." Reformen, Umweltschutz, Wahlfälschung und miese Wirtschaftsbilanzen - all das war auf einmal Gesprächsthema. Die Politik hatte etwas mit dem wirklichen Leben zu tun. Der junge Robert bewunderte Gorbatschow, denn er war "eine Person, an der man sich reiben konnte, die aber auch unangreifbar war." Und als die DDR Gorbatschow nach Berlin einlud, ging er wie viele seiner Altersgruppe freiwillig zu einer staatlichen Veranstaltung und rief "Gorbi, Gorbi! Die ganze Stadt hat Gorbi gerufen, so laut, dass es auch Erich Honecker nicht überhören konnte", erinnert sich Ide, während er, wie damals, die Hände in die Luft streckt.

Als 14-Jähriger begreift Robert noch nicht, was Glasnost, Perestroika, Solidarnosc in Polen bedeuten. Aber er spürt die Stimmung. "Jetzt entscheidet sich, wie die nächsten 20 Jahre aussehen." Vor allem die Jugendlichen wollen sich ihr Leben nicht mehr vorschreiben lassen. Öl ins Feuer gießen die "Bonzen" selbst - mit den gefälschten Kommunalwahlen, dem Sputnik-Verbot, dem Rausschmiss der Schüler einer Nachbarsschule, weil sie gegen die Militärparade demonstriert haben.

Ob nun Privatleben, Schule oder Hobby - Politik spielte in Roberts Leben immer eine Rolle. Als er sich beispielsweise in ein Mädchen verliebte, die im Gegensatz zu ihm aus einem "SED-Haushalt" stammte und die Beziehung irgendwie nicht funktionieren wollte. Oder als er ins Fußballstadion ging und beim Freistoß eine Mauer gebildet wurde - und dann das ganze Stadion rief: "Die Mauer muss weg!"

Reformen hätten die DDR ein paar Tage länger an die Macht gehalten, diese aber nicht langfristig sichern können. Robert Ide sagt:"Hätte die SED den Menschen Freiheiten gewährt, wäre sie überflüssig geworden. Sie war überflüssig, anders kann man es nicht sagen."

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