Organisation ist alles

09.03.2009: Das tägliche Auskommen in der Mangelwirtschaft

Sonja und Herbert Schmidt, beide Jahrgang 1950, leben seit 1971 in Parchim, einer Kreisstadt in Mecklenburg-Vorpommern, südöstlich von Schwerin. Sie schildern ihre Erinnerungen an das Leben zu DDR-Zeiten, erzählen vom täglichen Organisieren und den kleinen Erfolgserlebnissen.

Von Kati Biastoch, 20 Jahre alt, Abiturientin aus Schwerin

Typischer Plattenbau in der DDR der 80er Jahre

Wie die Stimmung im Jahr 1989 war? Sonja und Herbert Schmidt überlegen nicht lange: Es gab eine gewisse Unruhe in der Bevölkerung, die Unzufriedenheit wuchs, die geheimen Ausreisewünsche mehrten sich - und von einer grundlegenden Veränderung ging niemand aus.

Stagnation und Bewegung

Grund dafür war die Stationierung der russischen Armee im Ort. 1988 wurde der Standort Parchim ausgebaut, die "Russen schienen sich festzusetzen", erzählt Herbert Schmidt. Der Parchimer Flughafen wurde seit Ende der 1940er Jahre von der Sowjetarmee als Militärflughafen genutzt.

Im Verlauf des Jahres 1989 wurde unter den Kollegen verstärkt über die Geschehnisse in anderen Städten gesprochen. Es gab erste kleine Versammlungen in den Räumen der Kirche. Die Kirchenvertreter waren die einzigen, die Versammlungsräume zur Verfügung stellten, "ohne dass man erst irgendwo einen Antrag stellen musste", erinnert sich Herbert Schmidt. Nicht nur in Parchim, in der gesamten DDR spielten die Kirchen eine entscheidende Rolle. Sie waren die maßgeblichen Unterstützer der Bürgerbewegungen, die schließlich den politischen Systemwechsel erkämpften.

Endlose Bürokratie

In Parchim war 1968 das Hydraulikwerk entstanden, in dem Sonja und Herbert Schmidt arbeiteten. Als Maschinenbauingenieur war Herbert unter anderem für den Kauf neuer Maschinen zuständig - auch aus dem nichtsozialistischen Ausland, dem so genannten Nicht-Sozialistischen-Wirtschaftsgebiet NSW.

Die Abläufe gestalteten sich sehr schwierig, angefangen von angemeldeten und vermittelten Telefongesprächen bis hin zu den Kaufverhandlungen vor Ort. Linientreue war auch hier das A und O. So kam es, dass Herbert Schmidt, der kein Parteibuch besaß, erst im Jahr 1989 in die BRD reisen durfte. Dienstlich natürlich. Für die Fahrt nach Baden-Württemberg mussten unter anderem Parteisekretär und Gewerkschaft zustimmen. Herbert bekam einen zusätzlichen dienstlichen Reisepass, allerdings nicht persönlich ausgehändigt. Das Dokument verblieb im Betrieb. Und schließlich musste Herbert nach Berlin ins damalige Auswärtige Amt fahren. Dort wurden ihm die nötigen Unterlagen, Schecks für das voraussichtlich benötigte Westgeld und eine Einweisung für die Reise ins "feindliche" Ausland gegeben. Zusätzlich erhielt er eine geheime Telefonnummer, die er nach erfolgreicher Ankunft anzurufen hatte.

Reglementierung im Privaten

Auslandsreisen waren im Wesentlichen nur in das befreundete sozialistische Ausland erlaubt. Familie Schmidt reiste 1987 nach Ungarn. Das benötigte Geld für den gesamten Urlaub musste vor Reiseantritt umgetauscht werden. Wie viel, hing von der Reisedauer und der Anzahl der Personen ab. "Es war alles reglementiert", bemerkt Sonja Schmidt. Immerhin konnten sie die Unterbringung im Vorfeld bezahlen, so dass nicht auch noch dieser Betrag von der schmalen Urlaubskasse abgezogen werden musste.

Denn Urlaub am Balaton war eine exklusive Angelegenheit. Der Sprit und die Strandgebühren standen nicht im Verhältnis zu den verfügbaren Mitteln. "Man hatte einfach nicht genügend Geld in der Hand", erinnern sich die Schmidts. Für die Kinder hieß dies jeden Tag aufs Neue: "Wollt ihr einen Pfirsich haben oder lieber die Riesenrutsche runtersausen - eins geht leider nur." Und dennoch war so ein Urlaub zu DDR-Zeiten etwas Besonderes. Mit den Schwierigkeiten arrangierte man sich. "Irgendwie ging es auch", sagt Sonja.

Beengtes Heim

Im Zuge der Entstehung des Hydraulikwerkes wurde auch ein ganzes Neubaugebiet, die Weststadt, geschaffen. Der Wohnungsbau verlief allerdings zögerlicher als der Zuwachs an neuen Arbeitskräften - so genannte Zwischenbelegungen dienten als Übergangslösung. Mehrere Personen teilten sich hierbei eine Wohnung: Im kleinen Kinderzimmer wohnte eine Person, im Schlafzimmer zwei und im großen Wohnzimmer meist ein Pärchen mit einem kleinen Kind. So bewohnte Sonja Schmidt von 1971 bis zur Geburt des Sohnes im März 1975 solch ein kleines Kinderzimmer und erhielt dann zusammen mit Herbert ein Wohnzimmer in einer anderen Wohnung. Durch einen glücklichen Umstand und einen Ringtausch konnten sie nach der Geburt der Tochter im Juli 1976 in eine Drei-Raum-Wohnung umziehen. Zugestanden hätte ihnen nur eine Zwei-Raum-Wohnung.

Zehn Jahre später wollten sie in eine Vier-Raum-Wohnung umziehen - ein fast unerreichbarer Traum, den man zwar bei der Wohnungskommission im Betrieb äußern konnte, um dann auf eine Liste gesetzt zu werden. Ob und wann man allerdings hier an der Reihe gewesen wäre, war überhaupt nicht abzusehen.

Eigenorganisation war wieder gefragt. Durch viel Mundpropaganda fanden sie schließlich ein älteres Ehepaar, dessen Kinder bereits aus dem Haus waren und das deshalb eine kleinere Wohnung suchte. Ein solcher Tausch funktionierte aber nicht ohne Genehmigung. Er musste erst der Wohnungskommission schmackhaft gemacht werden. Vor allem durfte man nicht völlig neben der "Belegungsnorm" liegen. Bei den Schmidts klappte es.

Täglicher Mangel

Anträge stellen und warten - das gehörte zum Alltag. Erst recht, wenn man ein eigenes Auto erwerben wollte. Bis die Schmidts 1982 das erste ihnen offiziell zustehende Auto - einen Skoda - aus Schwerin abholen konnten, waren bereits zwei gebrauchte Trabis ihre treuen Gefährten gewesen. Den einen holten sie aus Thüringen vom Vater eines Arbeitskollegen ab, den anderen "ersteigerten" sie auf einem privaten Markt in Berlin - Organisationstalent, gute Bekannte und ein paar West-Mark konnten immer hilfreich sein.

Das Jahr 1989 brachte Unsicherheit in vielerlei Hinsicht, aber auch Hoffnung. Am Ende sagt Sonja: "Im Großen und Ganzen bin ich froh, dass die Wende gekommen ist. Die Schaufenster wurden leerer und leerer - und immer diese Jagd nach allen Sachen, so kann man auf Dauer einfach nicht leben."

  • Seite bei Twitter teilen
  • Seite bei Facebook teilen
  • Seite bei Google bookmarken
  • Seite bei Live bookmarken