Eine Sommerliebe am 13. August

02.03.2009: Familie contra Sozialismus

Im Frühjahr des Jahres 1961 steht Horst L. kurz davor, sein Studium an der Ingenieurhochschule in Leuna-Merseburg erfolgreich abzuschließen. Nach einem allerletzten Sommer an der Ostsee will er "rübermachen" - und dafür braucht er Geld. Also versucht er, sein einziges Hab und Gut zu verkaufen: sein Moped. Aber auf dem Darß kommt schließlich alles anders...

Von Katarina Jesse, 22 Jahre alt, Studentin in Berlin

Darß: Strandlandschaft

Horst ist fast zwanzig, als ihn die Gedanken an ein Leben im Westen nicht mehr loslassen. Zwar hat er sein Auskommen als Schlosser, qualifiziert sich gerade zum Ingenieur weiter - aber irgendetwas in ihm ist unzufrieden. Seine ältere Schwester Marianne hatte einen Westdeutschen geheiratet und lebte bereits drei Jahre "drüben". Monatelang trägt er den Gedanken in sich, quält sich mit seinem Gewissen, seine Eltern allein zurücklassen zu müssen, die sich ein neues Leben in der Fremde nicht vorstellen können. Doch er ist beseelt von der Aussicht, der Beengtheit in der Deutschen Demokratischen Republik zu entkommen. Da ist es schließlich seine Mutter, die ihn ermutigt: "Geh man, Horst. Hier wird es nicht besser."

Im Juli ’61 ist Horst 21 Jahre alt. Er hat seinen Abschluss in der Tasche und plant seinen letzten Sommer im Osten: Einer seiner Freunde, die jedes Jahr während der Ferien von Ostseebad zu Ostseebad tingeln und sich ein wenig Geld mit Tanzmusik verdienen, kennt jemanden, der Horst das Moped abkaufen würde. Aber dann fällt der Gitarrist der Laien-Combo aus und Horst springt ein. Abend für Abend spielen sie Schlager, Blues und Beat für die Urlauber in den Strandbädern. Horst findet Gefallen am bunt-lockeren Musikerleben und vergisst für eine Weile, dass er längst auf dem Weg in ein neues Leben sein wollte.

Sommerliebe mit Folgen

In Prerow, einem beliebten Ferienort auf dem Darß, trifft er schließlich Helga. Die 20-jährige Studentin aus Ostberlin arbeitet als Betreuerin im Kinderferienlager. Nach jedem Auftritt fährt Horst zu ihr. Schließlich zelten die beiden gemeinsam und genießen ihre letzten Urlaubstage am Strand. Auch am 13. August liegen Horst und Helga in der Sonne. Der Schaum der Wellenkronen umspielt die feinen Steinchen wie jeden Tag, als der Wind neben dem Kreischen der Möwen auch ein paar Fetzen aus den Kofferradios der Touristen durch die Luft trägt.

Plötzlich bricht Panik aus. Horst und Helga beobachten, wie vor allem die Urlauber aus Berlin hektisch ihre Sachen greifen und hinter den Dünen im Kiefernwäldchen verschwinden. Irgendwer ruft: "Mensch, Berlin ist dicht - die bauen eine Mauer!". Plötzlich ist der weiße Strand menschenleer, mitten im Hochsommer.

Horst will aufspringen, er ahnt, dass seine Pläne von einem Moment auf den anderen gescheitert sind. Helga, die von Horsts Gedanken, in den Westen zu gehen, nichts ahnt, hält ihn eng umschlungen fest. "Lass die doch", sagt sie, "jetzt haben wir den Strand ganz allein für uns."

Arrangement mit dem Alltag

Und so bleibt Horst. Im Tausch gegen die Freiheit hat er die Frau seines Lebens gefunden. Ein Jahr später heiratet er Helga. Richtig glücklich mit seinem Leben ist er trotzdem nicht. Mit Anfang Zwanzig hat er Träume, von denen er sich nur langsam verabschieden kann. Es fällt ihm schwer, sich seine Zukunft in der DDR vorzustellen. Aber wenigstens hat er Helga. Sie ist seine Gegenwart, sein Leben. Die beiden versuchen, nicht alles so ernst zu nehmen. Und dieser Alltag kostet sie Kraft.

Sie haben noch keine eigene Wohnung, sondern leben in einem Arbeiterwohnheim, mittlerweile in Rostock. Helga arbeitet als Lehrerin, Horst hat sich über ein Fernstudium ebenfalls zum Lehrer weiter qualifiziert. Beide sind im Ausbildungsbereich des Seehafens tätig. 1965 wird Helga schwanger. Ihr erstes Kind kommt in den beengten Verhältnissen des Wohnheims zur Welt: Zusammen mit einer weiteren Familie müssen sie in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung leben, man teilt sich Bad und Küche.

Das Glück über den Sohn kann Horst nicht über sein quälendes Fernweh hinwegtrösten. Die Arbeit am Hafen verstärkt den Eindruck der eigenen Abgeschnittenheit von der Welt jenseits der DDR. Seine Unzufriedenheit nimmt zu wie eine schleichende Krankheit, belastet den Alltag, manchmal auch die Ehe. Schließlich nutzt er die Möglichkeit, als Ausbilder auf einem Lehrschiff mitzufahren - und bezahlt dafür den Preis der SED-Mitgliedschaft. "Mein Gott, mir war das langsam egal", sagt er heute. "Ich wurde auch ohne in der Partei zu sein mit ‚Genosse’ angesprochen, musste an Versammlungen und Polit-Schulung teilnehmen. Wenn ich zur See fahren wollte, hatte ich keine Wahl. Ich wollte einfach nur raus aus der Enge."

Ein bisschen Abenteuer

Dem Festland-Sozialismus entflieht er fortan - Richtung Rotterdam, England, Mexiko und Kuba. Horst genießt das Abenteuer, auf dem Schiff zu leben - einer Welt für sich zwischen Wasser, Himmel und Horizont. Und er kann wenigstens ein bisschen von der Welt sehen. Daheim bekommt Helga inzwischen das zweite Kind. Den Gedanke, doch noch abzuhauen, hat Horst längst verbannt. Je länger er auf dem Schiff ist, desto mehr wird auch die DDR für ihn zur Heimat. Die Heimat - das ist für ihn seine Familie, die Stadt, das Leben zur See, der lange Urlaub zu Hause.

"Es wurde ja auch besser", erzählt Horst. "Wir hatten endlich eine moderne Neubauwohnung und standen auf der Warteliste für den Trabi." Die Mauer ist nicht mehr das Wichtigste im Leben von Horst und Helga, auch wenn die vielen kleinen Grenzen im Alltag am Glück nagen. Die Mangel- und Vetternwirtschaft, Bürokratie und ideologische Bevormundung, die ständige Kontrolle durch Partei und Behörden, auch die Angst, vielleicht von den Nachbarn bespitzelt zu werden, frustrieren ihn weiterhin.

Zweite Chance

Mitte der 80er Jahre wird der Frust größer. Die Kinder sind aus dem Haus. Horst wird klar, dass vieles, was er in seinem Leben hätte erreichen können, vom System verhindert wurde. "Man glaubte eigentlich an nichts, tat nur so. Nirgendwo konnte man seinen Ärger so richtig loswerden, man musste ja immer auf der Hut sein", klagt Horst. Das Heucheln hat er satt, im Innern fühlt er sich krank und schäbig.

Als die Reiseerleichterungen Ende der 80er Jahre Besuche in den Westen ermöglichen, kommt für Horst die zweite Chance seines Lebens. Seine Schwester in Stuttgart, zu der er kaum noch Kontakt hat, feiert im April 1989 Silberne Hochzeit. Horst und Helga stellen einen Besuchsantrag aufgrund der "Familienfeier in der Verwandtschaft ersten Grades". Als die Genehmigung kommt, ist die Freude so irreal, dass Horst plötzlich wieder überlegt, ob er noch mal von vorn beginnen soll und ob es möglich ist, die verpassten Jahre nachzuholen.

Mit Helga kann er darüber reden. Sie gibt ihm Halt und ermutigt ihn sogar, den Neuanfang zu versuchen. Sie selbst würde auf jeden Fall erst einmal zurückgehen - allein der Kinder wegen. "Wenn du 'drüben' bleiben willst, werden wir einen Weg finden. Wir kommen nach - egal, ob es ein halbes oder fünf Jahre dauert", verspricht sie ihm.

Allein in der Freiheit

Horst bleibt also in Stuttgart. Helga fährt allein zurück in die DDR, an der Grenze erzählt sie, dass ihr Mann erkrankt ist. In Rostock bekommt sie sofort Besuch von der Staatssicherheit. Helga hat Angst, dass ihre Wohnung nach Wertgegenständen abgesucht wird, denn nach DDR-Recht fällt das Eigentum von Republikflüchtlingen dem Staat zu. Die Aufregung und die Befürchtungen sind am Ende schlimmer als die Realität, erst einmal passiert gar nichts, weil zunächst niemandem klar ist, ob Horst nicht doch noch kommt. Als Horst ein Telegramm schickt, nicht wieder in die DDR zurückzukehren, wird er sofort unehrenhaft aus der Partei und dem Job entlassen.

In den ersten Tagen im Westen ist Horst glücklich. Er fühlt so viel Kraft, mit der er sein neues Leben gestalten möchte. Aber diese Kraft hält nur für ein paar Tage. Horst begreift, dass auch der Westen nur eine normale Welt ist. Plötzlich erdrückt ihn die Ungewissheit, ob seine Familie jemals nachkommen kann. Er kann nicht mehr normal mit Helga kommunizieren, muss damit rechnen, dass seine Briefe abgefangen werden. Einen Telefonanschluss gibt es zu Hause nicht. Horst hält die Einsamkeit nicht aus: Seine Familie ist nun so weit weg wie es früher der Westen war. Er hätte Fuß fassen können, hatte eine Wohnung und einen Arbeitsplatz in Aussicht. Aber er entscheidet sich für den Weg zurück.

Rückkehr ins private Glück

In der DDR gilt er als Straftäter - aber die Folgen sind ihm egal. Horst fährt heim. An der Grenze wird er höflich behandelt, zurück in Rostock muss er sich auf dem Polizeirevier melden. Dann muss er für 14 Tage in ein Aufnahmelager des MfS für Rückkehrer aus dem Westen. Die erniedrigenden, absurden Befragungen hält er aus, und als ihn die Stasi als Spitzel anzuwerben versucht, wundert er sich selbst, wie leicht es ihm fällt, nein zu sagen.

Die meisten seiner Bekannten signalisieren ihm, dass sie ihn für "bekloppt" halten. Horst dagegen weiß von Herzen, dass er sich richtig entschieden hat. Er kommt sich zwar feige vor, dass er nach der Flucht nach vorn doch in die Enge der DDR zurückgekommen ist, aber er wächst auch an dieser Entscheidung. "Durch diese Odyssee ist etwas von mir abgefallen", sagt er. "Plötzlich war ich selbstbewusst wie nie zuvor, hatte keine Angst mehr vor diesem Staat."

Wenige Wochen nach seiner Rückkehr bricht das System zusammen. Horst lebt immer noch in Rostock, zusammen mit seiner Helga. Und dann lächelt er bitter: "Es ist noch immer bedrückend, zu welch merkwürdigen Entscheidungen die DDR manchen genötigt hat. Was sich heute wie ein Abenteuer anhört, war doch damals eine Existenzangelegenheit. Ich hatte Glück. Bei anderen gingen die Familien kaputt."

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