Von einem, der da blieb

26.02.2009: Eine Rückblende in das Leben zu DDR-Zeiten

Das Gebäude des Instituts für Physik der Ernst- Moritz- Arndt Universität in Greifswald würde sich gut als Kulisse für einen Spielfilm eignen. Einmal die riesige Eingangstür bedeutungsvoll aufgestoßen, betritt der Besucher eine moderne Welt der Wissenschaft und Architektur. Der frei schwingende Hörsaal in der Mitte eines ästhetischen wie funktionalen Arrangements aus Glas, Beton und Raum beeindruckt und erweckt Respekt Hinter einer Glastür liegt ein schier endloser Korridor, an dessen Ende eine offene Tür Zugang zu einem neuen Drehbuch gewährt.

Von Josefine Brauer, 22 Jahre, Studentin aus Greifswald

Greifswald

Der Hauptdarsteller, Dr. Thomas Meier, 55, gebürtiger Greifswalder, Familienvater, stolzer Opa, Dozent der Theoretische Physik und Fraktionsvorsitzender der Bürgerliste Greifswald sitzt gut gelaunt an einem Freitag Nachmittag zwischen unzähligen Fotos und Fachliteratur vor seinem Schreibtisch. Er ist allein, nur umgeben vom monotonen Summen der technischen Geräte und des Radios.

Es ist nicht selbstverständlich, ihn hier anzutreffen verwundert. Nahezu fluchtartig wandern jedes Jahr Hunderte Menschen aus Mecklenburg- Vorpommern ab. Allein 2007 waren es mehr als 9.000 Menschen. Eine Reaktion der Bewohner auf überschaubare Ausbildungsmöglichkeiten, Rechtsextremismus, die Reduktion auf die Abhängigkeit von Wetter und Touristen und das verzweifelte Ringen der Politiker um überzeugende Argumente gegen Perspektivlosigkeit.

Thomas Meyer ist viel gereist, doch immer wieder zurückgekehrt. Der Gedanke, die Region zu verlassen war für ihn immer fremd und wurde auch nicht durch den Einsturz der Mauer wachgerüttelt.

Leben in Grenzen

Aus Erzählungen seiner Eltern erinnert sich Thomas Meyer an einen Mann, der am 13. August im Garten der Familien einen Strick an die Wäscheleine hing. " Er wollte zeigen, dass für ihn das Leben damit zu Ende ist." Ein Jahr später unternahm dieser zusammen mit einem Freund einen Fluchtversuch. Nur er erreichte lebend Westberlin.

Das Arrangieren mit der Mauer und ihren Grundfesten - der angeblichen Friedenssicherungsmaßnahme, den Toten, die sie nicht akzeptierten, der gescheiterten Nachkriegspolitik, Unverständnis, Unfähigkeit und fanatischer Konsequenz - hat zumindest einen Vorteil.

Dieser ist jedoch entscheidend. Er ermöglicht das positive gedankliche Neuordnen der Grenzen der eigenen Lebenswelt und das Abstecken realisierbarer Ziele. "Wenn man nicht in so einem Umfeld lebt, wie dem damaligen Westdeutschland, wird auch nicht das Bedürfnis geweckt. Ich habe das damals nicht bewusst als Nachteil wahrgenommen", reflektiert Thomas Meyer, runzelt die Stirn, schweift mit dem Blick über die Fensterfront, erzeugt unwissend eine dramaturgische Pause und spricht: "Wenn das ein Vorwurf ist, muss ich mir diesen machen."

Keine Störung

Sein jüngerer Bruder stellte einen Ausreiseantrag, der 1989 genehmigt wurde. Ein Kollege der Mutter wurde angehalten, die Familie umzustimmen. Ohne Erfolg. Auf einer Amerikareise mit ihr, die durch die gelockerten Verfahren Ende der 80er möglich war, erreichte Thomas und Dorothea Meyer die überraschende Nachricht vom ausgereisten Familienmitglied. Klassisch für Vorpommern nahm er den Weg vom Bahnhof Pasewalk nach Lübeck.

Die schnelle Genehmigung hatte einen Grund. Nur ein paar Tage später in jenem Frühjahr '89 besuchte Erich Honecker Greifswald. Die Einweihung des restaurierten Doms war der Anlass, angeblich das erste Mal, dass der Staatsratsvorsitzende der DDR eine Kirche auf ostdeutschem Boden betrat. Um die erhoffte Wirkung dieses akribisch inszenierten Spektakels durchzusetzen, wurden rechtzeitig Maßnahmen eingeleitet. Der verständige lokale Politapparat veranlasste nicht nur die oberflächliche Verschönerung der Häuser, welche die Zufahrt Honeckers säumen würden, sondern ging auch kein anderes Risiko ein. Aus dem Umkreis des jungen Meyer befürchtete man eine Aktion, die das repräsentative Idyll des real existierenden Sozialismus stören würde. Deshalb wurde die Ausreisegenehmigung entsprechend früh datiert.

Klare Sicht

"Wir haben den Westen nicht durch die rosarote Brille gesehen", sagt Thomas. Studenten knipsen in der gegenüberliegenden Universitätsbibliothek die Schreibtischlampen an. Hier flackern nur beständig die Fotos aus seiner Vergangenheit. Ein Erlebnis hat ihn besonders geprägt. 1979, während des Aufenthalts als Forschungsstudent in Odessa wurde ihm bewusst, "wie das Bild der Sowjetunion, das in der DDR gezeichnet wurde, sich als Lug und Trug entblätterte."

Zurück und einige Jahre später in Greifswald zeigt sich im Weitwinkel ein Bild von Herrn Meyer und einem Kollegen. Er teilt sich nunmehr mit einem Kollegen das Büro. Dieser hatte 1984 einen Ausreiseantrag gestellt und zuvor an seinem Arbeitsplatz Zugang zu einem Rechner mit wichtigen Daten. Nach geduldigem Warten kam fünf Jahre später die Ausreisegenehmigung. An dieser Stelle des Films sei ruhige Klaviermusik erdacht. Die Dramatik spielte an anderen Orten. "In der Forschung war ein anderes Klima. Wir hatten kaum Zeit, etwas zu reflektieren."

Staub der alten Zeiten

Wenn auch zufällig, beginnt in diesem Kapitel das Politische des Physikers. Verkohlte Papierschnipsel wehen unheilvoll auf den Hof des Campus. Die Werkstatt der Uni sammelt sie ein. Hinter dem alten Gebäude der Physik war früher das Kreisbüro der Staatssicherheit, dort wurden augenscheinlich Akten verbrannt. Thomas Meyer wird später die Auflösung der Kreisdienstelle leiten. Es folgen Zeiten der Lokalpolitik. 1990 bis 2004 als Präsident der Greifswalder Bürgerschaft, 2001 die Kandidatur für das Bürgermeisteramt.

Fordert man nach 20 Jahren ein Resümee dieser persönlichen Lebenswirklichkeit der DDR ein, so gelingt es ihm noch, ein vages Gefühl zu äußern. Vielleicht wäre das Zwischenmenschliche intensiver gewesen. Die Szenerie und das Wort wird jäh durch das Erscheinen eines jungen Mitarbeiters unterbrochen. Ein freundlicher Blick und ein enttarnender Akzent laden zum Kaffee. Ich frage mich sogleich, "türkisch oder mit Maschine?".

Abstand?

Ein guter Abspann für den Film wäre folgender. Beschwingt verlässt der Besucher das Gebäude, fährt mit dem Fahrrad und zusammen mit den Studenten, die das Licht in der Bibliothek ausknipsten über die Europakreuzung und stoppt in der Fußgängerzone vor einem Uhrenladen. Effektvolle Rückblende. Ein aufgebrachter kleiner Uhrmacher flucht, tobt über die Welt und die Politik und all das. Hinterlässt das Gefühl, das verbotene Wort "Mauer" erwähnt zu haben. Auch er blieb sein Leben lang in Greifswald.

Das unsynchronisierte und scheinbar ewige Ticken der Uhren lässt die Frage offen, ob es funktioniert, als Zeitzeuge eines Systemumbruchs aus zeitlicher Distanz auch eine innere Entfernung zu entwickeln.

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