"Die Mauer war Entsetzen"

26.01.2009: Widerstand gegen die Ohnmacht

Draußen ist es bitterkalt, und die Straßen sind spiegelglatt. Die Wohnung der älteren Dame ist angenehm beheizt und mit Bildern bestückt. Doch der Weg zur Kunst und zum friedlichen Heim verlief nicht immer gradlinig.

Von Julian Oberth, 18 Jahre alt, Elmenhorst (MV)

Mauer mit Panzersperren

Magda (64) sitzt auf ihrem Sofa, eingerollt in eine Decke. Im Hintergrund scheint die Sonne durch das große Fenster und offenbart die wunderbare Auswahl an Bildern, die an der Wand ihrer Rostocker Neubauwohnung hängen. Alle Bilder hat die Rentnerin selber gestaltet. Beim Betrachten der Meisterwerke beginnt die rüstige Frau mit der Erzählung ihrer Geschichte aus der DDR.

"Damals haben wir es nicht geglaubt, dass die Mauer noch in 50 Jahren stehen würde, aber wir waren so ohnmächtig... Die Hoffnung auf Veränderung war sehr leise - und sehr laut waren die Argumente." Diese Gedanken bewegen Magda, wenn sie an Honecker denkt, der dem sogenannten "antifaschistischen Schutzwall" noch im Januar 1989 ein langes Leben prophezeit hatte.

Grausam, kalt und massig

Magda war damals Lehrerin und damit Funktionärin des Regimes. Sie hatte die Aufgabe, Familien auszuspionieren und sollte unter anderem feststellen, wer Westfernsehen, also ARD, ZDF oder die Dritten, sah. Es gab Anweisungen, denen zufolge sie die Kinder nach Form der Uhr im Fernsehen befragen sollte. Die Uhr des Westfernsehens ist rund, die des Ostfernsehens ist eckig. Die Unterstufenlehrerin ignoriert solche Forderungen ihrer Vorgesetzten. Regelmäßig muss sie an Schulungen der SED teilnehmen. "Da wurden wir dann darüber informiert, was wir zu denken hatten", sagt die Rentnerin und lächelt. "Die Mauer war für mich im Grunde genommen nur Entsetzen. Ich bin einmal an dieser Mauer gewesen - und sie sah grausam aus. Sie war aus Beton, kalt, massig und unverrückbar."

Im Alter von 17 Jahren schreibt Magda einen Brief an eine Bekannte im Westen. Dieser Brief wird von der Staatssicherheit abgefangen. Magda hat in diesem privaten Dokument die Überlegung geäußert, in den Westen zu flüchten. Magdas damaliger Schulleiter erhält den Brief und muss seine Schülerin entsprechend aufklären. Er belässt es bei einer mündlichen Ermahnung sowie einem Gespräch mit den Eltern. "Man fühlte sich verlassen", mit diesen Worten begründet sie ihr Vorhaben von damals.

Viele Ärzte und Akademiker hatten die DDR bis zum Jahre 1961bereits verlassen. "Ich hatte eine Tante in Westberlin und wollte nach dem Schulabschluss dort hin. Dann kam der 13. August 1961, und die Mauer wurde gebaut. Damit war für mich der Traum aus."

Magda kann sich nicht einmal ihren Wunsch erfüllen, als Oberstufenlehrerin zu arbeiten, da sie der Kirche angehört. Sie wird dazu gedrängt, in die Partei einzutreten, aber sie weigert sich und darf deshalb nur die Kleinsten unterrichten.

Rückkehr mit Folgen

Die Rostockerin hatte die DDR schon vor dem Mauerfall für einige Zeit verlassen, um einer Angehörigen während eines Krankenaufenthalts im Westen beizustehen. Als Magda zurückkommt, merkt sie erst, wie sehr die wirtschaftliche Situation den Alltag der Menschen in der DDR belastet. Ständig gibt es Engpässe bei vielen Produkten. Die Gemüseauswahl beschränkt sich in ihrer Kaufhalle auf Weißkohl und Möhren. Auch das Obstangebot kann mit einem westlichen Supermarkt nicht mithalten. Größtenteils sind Äpfel das einzige Angebot. "Als ich nach meinem Aufenthalt im Westen in die DDR zurückkehrte, da bemerkte ich zum ersten Mal, dass es in unserer Kaufhalle stank", erinnert sich die Dame.

Und faul war nicht nur das Obst in der Kaufhalle. Die Bürgerinnen und Bürger brechen im Jahr 1989 mit dem gesamten System - auch Magda. "Ich habe aktiv an den Montagsdemos teilgenommen. Anfangs waren wir wenige, aber mit der Zeit wurden es immer mehr", erzählt die ruhige Frau mit einem Leuchten in den Augen. Sie erinnert sich an ihre Forderungen nach mehr Demokratie und nach der Abschaffung der Überwachung durch die Stasi.

Magdas Erlebnisse machen deutlich, dass die Bürgerinnen und Bürger einen Staat in seiner damaligen Form nicht länger dulden wollen. Die Mauer sollte nicht mehr 50 oder 100 Jahr stehen.

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