"Die Grenze war Routine"

09.01.2009: Erfahrungen eines Westberliners

Rolf Kohlermann raucht. Bei allem, was er tut, hat er seine Zigarillos zwischen den Fingern. Er erzählt ruhig und mit einem Redefluss, als wären all seine Erinnerungen als Datei gespeichert und jederzeit mühelos abrufbar. Und zu sagen hat der Fleischermeister, der seit 1966 in West-Berlin lebt, eine ganze Menge.

Von Shirine Issa, 20 Jahre alt, Studentin, Berlin

Transit-Visa im Reisepass

Geboren wurde Rolf 1944 in Einbeck, einem beschaulichen Städtchen in Niedersachsen, das für seine mittelalterlichen Fachwerkhäuser und das "Einbecker Bier" bekannt ist. In seiner Familie wird man seit Generationen Fleischer, Rolfs Beruf ist früh eine ausgemachte Sache. Daran ändert auch nicht, dass er 1961 von der Schule fliegt, "wegen groben Unfugs", wie er schelmisch erzählt.

Kurz zuvor hatte er zufällig den Bau der Berliner Mauer miterlebt - auf einer Klassenreise. "Freitag kamen wir an, und am Samstag fingen die Bauarbeiten an", erinnert er sich. "Sämtliche Eltern riefen besorgt in der Unterkunft an und forderten uns auf, sofort zurückzukommen. Aber wir fanden das aufregend." Die Elftklässler denken nicht daran, ihre Reise abzubrechen. Sie gehen stattdessen zum Übergang in der Heinrich-Heine-Straße und beobachten die Grenzziehung. "’Jetzt werden die eingemauert’, habe ich damals über die Ost-Berliner gedacht", sagt Rolf. "Dabei waren es eigentlich die West-Berliner, die fortan von einer Mauer umgeben waren."

"Zitterprämie" als Gefahrenzulage

Berlin beeindruckt Rolf trotz dieser historischen Entwicklung. Nachdem er seine Fachholschulreife nachgeholt hat und Fleischermeister geworden ist, zieht es ihn wieder nach West-Berlin. "Ich hatte eine Stellenanzeige gelesen und wusste, dass man hier die sogenannte Zitterprämie bekam - der Russe war ja nah: Zehn Flüge nach Hannover und 750 Mark waren das."

So fängt Rolf 1966 bei der Landwirtschaftlichen Vieh- und Fleischverkaufsstelle Berlin an, einer privatwirtschaftlichen Zentralgenossenschaft mit Hauptsitz in Hannover. Dort führt er hauptsächlich Verhandlungen für Lieferungen von Zucht- und Nutzvieh in die DDR. Einmal im Monat passiert er den Grenzübergang, dessen Errichtung er damals auf der Klassenreise beobachtet hatte. Der Übergang Heinrich-Heine-Straße war ausschließlich für die Ein- und Ausreise von Westdeutschen vorgesehen.

Ein Jahr später kündigt Rolf, weil er nach Hagen in Westfalen versetzt werden soll. Berlin hat es ihm mittlerweile angetan. Er bleibt und arbeitet für eine Fleischimport und -exportfirma in Berlin-Grunewald. Bis er seine Frau Ingrid kennenlernt, lebt er in Charlottenburg, Kreuzberg, Tiergarten, Wilmersdorf, Schöneberg und Spandau. Am Ende bleibt er in Zehlendorf, bis heute.

Unfall in Ost-Berlin

In die DDR reist er regelmäßig. Geschlachtet wurde im einzigen Schlachthof Westberlins in Spandau. Um die Tiere exportieren zu können, mussten die Anträge für die Stückzahl jeden Monat erneut beim Veterinärgrenzmedizinischen Dienst der DDR in Karlshorst gestellt werden. Der Winter 1967 wird Rolf in besonderer Erinnerung bleiben. Es hat geschneit, die Straßen sind glatt, als Rolf mit seinem VW in Ost-Berlin unterwegs ist. "Ich bin einfach gerutscht. Und da stand ein Verkehrspolizist auf dem Podest, auf den bin ich zugeschliddert, und plötzlich lag er im Schneematsch", erzählt Rolf amüsiert. Niemand kommt zu Schaden, trotzdem wird Rolf umgehend verhaftet. Von 14 bis 20 Uhr sitzt er im Verhör - und kann sich nicht einmal bei seiner Familie melden. "Es gab damals keine Möglichkeit, von Ost- nach Westberlin zu telefonieren." Rolf ruft deshalb beim Grenzveterinärmedizinischen Dienst an, dort kennt man ihn schließlich. Ein Professor setzt sich daraufhin beim Schichtleiter der Polizei für Rolf ein, mit Erfolg, Rolf wird zu seinem Auto gebracht und aufgefordert, die "Deutsche Demokratische Republik umgehend zu verlassen."

"Die wollten ein Schuldeingeständnis", sagt Rolf, "aber ich habe darauf bestanden, dass die Wetterverhältnisse so schlecht waren. Ich hatte eher den Eindruck, dass der Polizist mich kommen sah und runtergesprungen ist."

Blind für Probleme

Auch nach diesem Zwischenfall passiert Rolf regelmäßig die Grenze. Die Mauer ist für ihn Routine. "In linken Kreisen war die DDR ja gar nichts Böses. Das war eben ein anderer Staat. Ich empfand die Bedrohung durch den NATO-Doppelbeschluss und die Atomsprengköpfe damals weitaus höher als die Bedrohung durch die DDR. 1968 hatten wir insgeheim gehofft, dass der Sozialismus funktioniert", sagt Rolf.

Das sei ein Grund dafür gewesen, dass er lange "blind durch die DDR" gefahren sei. "Mir hätte ja mal was auffallen müssen", gibt er heute zu. Rolf heiratet 1972, vier Jahre später kommt sein Sohn auf die Welt. Die Kohlermanns haben Verwandtschaft im damaligen Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, die sie - auf Einladung - ab und zu besuchen. Dort gibt es nur Kunsthonig und Süßstoff. Sogar Autoreifen sind Mangelware. "Wir haben also welche besorgt. An der Grenze gab es dann lange Diskussionen, weil wir offiziell auf Einladung einer 82-Jährigen einreisten. Irgendwann habe ich dann gesagt: ‚Dann drehen wir um und bringen sie zurück’." Der Grenzer habe dann einen Rückzieher gemacht: "Das können Sie doch nicht machen, die brauchen doch die Reifen..."

Rolf lächelt. "Dabei waren das sogar DDR-Reifen! Die konnten unsere Verwandten nämlich später wieder runderneuern lassen. Für West-Reifen hätte die Technik gefehlt", erinnert er sich.

Grenzerfahrungen

Rolfs Sohn wächst mit diesen Grenzerfahrungen auf. Als die Familie einmal nach Österreich fährt, kann er es gar nicht glauben, in einem anderen Land zu sein, weil es gar keine Kontrollen gegeben hatte. Auch in Karl-Marx-Stadt gibt es immer wieder schwierige Situationen mit den Kindern, die den Erwachsenen vor Augen führt, wie absurd ihre Lage ist. "Die zwei Kinder unserer Verwandten hatten noch länger Ferien und fragten, ob unser Sohn nicht noch eine Weile da bleiben könne", erinnert sich Rolf. Das ging natürlich nicht.

Auch nach Leipzig fährt die Familie - "zur Messe, weil man dafür keine Einladung benötigte", erklärt Rolf. Die Messe selbst hat er nie besucht, dafür seine Großtante. "Die 25 Mark für den Messeausweis und fünf Mark für die Zimmervermittlung mussten wir trotzdem bezahlen. Die DDR wusste schon, wie sie an ihre Devisen kommt." Bei seiner Großtante hört Rolf zum ersten Mal genauer hin, als es um Kritik an der DDR geht. Das war zu der Zeit, als Biermann ausgebürgert wurde, 1976. Auch über die Staatssicherheit wird in Leipzig hinter vorgehaltener Hand besprochen. Die Ausmaße des Apparates habe er jedoch nicht begriffen, sagt Rolf rückblickend.

Zu Beginn des Jahres 1989 sind die Kohlermanns wieder in Karl-Marx-Stadt. "Der Januar war vollkommen normal", erinnert sich Rolf. "Ich war davon überzeugt, dass alles so bleibt, wie es war. Die Sowjetunion war ja schon dabei, sich zu verändern. Aber ich hätte nie gedacht, dass sie als Besatzungsmacht verschwindet." Mit der Besatzungsmacht verschwindet auch die Mauer, die Rolf sein Leben lang begleitet hat. Er vermisst sie nicht. Im Gegenteil. Lächelnd zündet er sich in aller Ruhe die nächste Zigarillo an.

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