Heimat in Grenzen

09.01.2009: Das Alltagsleben hinter der ewigen Mauer

Exotische Früchte? Nicht nur im Winter Mangelware in der DDR. Wie haben sich die Menschen mit Planwirtschaft und Sozialismus arrangiert? Und welche Rolle spielte die Mauer in Leipzig, der Stadt, die mit ihren Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 berühmt wurde?

Von Olivia Sardinas, 18 Jahre alt, Studentin aus Thüringen

Mangelware in der DDR

19:55 Uhr im thüringischen Schmalkalden, kurz vor Ladenschluss. Der Heißhunger nach frischen Mangos treibt mich selbst im Winter noch vor die Tür. Gegenüber gibt es einen kleinen Supermarkt. Gedankenverloren packe ich hier und da ein paar Lebensmittel in den Wagen. An der Kasse werde ich mit skeptischen Blicken bedacht. Entnervt verdreht die Kassiererin ihre Augen und murmelt ein kaum wahrnehmbares "Das hätt’s früher nicht gegeben" in meine Richtung. Stirnrunzelnd verlasse ich den Laden und versuche, ihre Worte zu interpretieren. Was hätte es früher nicht gegeben? Meine Gedanken schweifen ab, drehen sich nur noch um die köstliche Mango in meiner Tasche - und auf einmal fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Exotisches Obst zu jeder Jahreszeit. Das hätte es früher, zu DDR-Zeiten, nicht gegeben.

Die Deutsche Demokratische Republik wurde 1949 gegründet. Bis zu seinem Ende im Jahre 1989 verließen rund 3,5 Millionen Menschen das Land. Legal war das nur kraft eines Ausreiseantrages, der vom jeweiligen Stadtrat abgelehnt werden konnte. Ohne staatliche Genehmigung war die Ausreise aus der DDR nicht nur kompliziert, sondern auch gefährlich. Die Mauer, die Deutschland in zwei Hälften teilte, war nahezu undurchdringbar. Grenzanlagen, Stacheldraht, Wachtürme, Elektrozäune und bewaffnete Soldaten, die zum Schießen bereit waren, erschwerten die Flucht enorm. Das 1957 eingeführte Passgesetz drohte den ostdeutschen Bürgern eine Haft- oder Geldstrafe an, sollten diese die DDR "ohne erforderliche Genehmigung" verlassen.

Die Gründe für eine Flucht in den Westen waren vielfältig. Eingeschränkte berufliche Möglichkeiten, Benachteiligungen wegen kirchlicher Aktivitäten oder die mangelnde Meinungs- und Reisefreiheit zählten neben der schlechten Wirtschaftslage zu den am häufigsten vertretenen.

Trotz strengstens untersagter Versammlungsfreiheit gelang es 500 Bürgern am 15. Januar 1989 die erste ungenehmigte Demonstration in Leipzig zu veranstalten. Dennoch glaubte Erich Honecker an die Standhaftigkeit der DDR. Nur drei Tage später bekundete der damalige Staatsratssekretär, dass die Mauer "in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen" werde.

Vergangene Tage mit anderen Augen

Der Gedanke an das Alltagsleben in der DDR lässt mich nicht los. Wie war das damals, wenn man Appetit bekam und diesen nicht stillen konnte? Wenn man in der Öffentlichkeit nicht sagen durfte, was man dachte? Wenn man nicht wusste, wann und ob die Situation sich endlich ändern würde? Auf der Suche nach Antworten durchwühle ich alle Bücher, die ich finden kann. Nichts. Außer einer Menge unpersönlicher, historischer Fakten finde ich nichts.

Entmutigt gebe ich auf. Ein Blick aus dem Fenster verrät mir, dass es schneit. Das neue Jahr steht vor der Tür und wieder einmal merke ich, wie sehr mir meine sächsische Familie fehlt. Kurz entschlossen greife ich zum Telefon und wähle eine vertraute Nummer. Das Freizeichen ertönt. Es klingelt einmal, zweimal, dreimal. "Hallo, hier bei Wolf", meldet sich die weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung. Elisabeth Wolf, 74 Jahre alt, gebürtige Leipzigerin. Und plötzlich weiß ich, woher ich die Antworten bekomme, nach denen ich so verzweifelt gesucht habe.

"Wenn ich ehrlich bin, habe ich die Mauer nach all den Jahren gar nicht mehr wahrgenommen", gesteht Elisabeth Wolf zaghaft. Ihre Stimme klingt beschämt. "Freilich habe ich gemerkt, dass sich die wirtschaftliche Lage der DDR mehr und mehr zugespitzt hat, und die fehlende Reisefreiheit war mir immer ein Dorn im Auge. Und dennoch war das Leben mit der Mauer mein Alltag, und über den Alltag denkt man nicht nach", schließt sie etwas selbstsicherer.

Ich hake nach, frage nach Situationen, in denen sie die Schranken der DDR deutlich gespürt hat. Traurig erinnert sie sich an den Tag, an dem ihr Onkel in Westdeutschland beerdigt wurde. "Ich durfte nicht nach Aachen reisen, um ihn ein letztes Mal zu sehen. An diesem Tag wurde mir bewusst, warum so viele meiner Kollegen das Leben mit der Mauer verfluchten."

Aufbruch in die Demokratie

Die Frustration der Menschen wuchs mit jedem Tag. Am 11. Januar 1989 rief die "Initiative zur demokratischen Erneuerung unserer Gesellschaft" zu einer Gedenkdemonstration in Leipzig auf. Anlass sollte der 70. Todestag Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts sein. Tausende Flugblätter wurden verteilt, um das Vorhaben publik zu machen. Die Bemühungen schienen zunächst vergebens, da die Polizei alarmiert und in Folge dessen ein Großteil der Flugblätter aus den Briefkästen entfernt wurde. Die Demonstration war offiziell verboten worden. Dennoch versammelten sich am Stichtag 500 Bürgerinnen und Bürger, um ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen.

Als Lehrerin stand Elisabeth Wolf damals in engem Kontakt zu ihren Schülern. Die meisten von ihnen waren politisch interessiert und sehnten sich nach dem Fall der Mauer. Umso verwunderlicher ist es, dass die heute 74-Jährige nichts von der Demonstration gewusst hat. "Obwohl ich schon immer in Leipzig gewohnt habe, habe ich damals nichts mitbekommen. Die Flugblätter habe ich nie gesehen", erinnert sie sich. Die Presse habe nie von der Demonstration oder Ähnlichem berichtet, das war nicht erlaubt. Heute unvorstellbar, dass die Wahrheit nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war!

Elisabeth Wolf hat die Mauer im Alltag kaum wahrgenommen, so selbstverständlich war ihre Existenz. Sie hat nie demonstriert, sich nicht aktiv für das Ende des Systems eingesetzt. Dennoch war sie erleichtert, als die Mauer vor 20 Jahren endlich fiel. "Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Die Mauer war kein ununterbrochen bedrückendes Problem, sie war einfach da. Aber als sie dann fiel, spürte ich, wie eine Last von meinen Schultern brach. Deutschland gehört zusammen, und die Wiedervereinigung war das einzig Richtige."

Alte Mauern, neue Schranken

"Bist du noch dran? Du sagst ja gar nichts mehr!". Ich nicke mit dem Kopf und vergesse dabei völlig, dass man das am Telefon nicht sehen kann. Ein Lächeln huscht über meine Lippen, als ich mir dessen bewusst werde. Ich bestätige meine Anwesenheit erneut, dieses mal mündlich. "Hast du noch etwas auf dem Herzen?", fragt sie mich. Der müde Unterton, der dabei mitschwingt, entgeht mir nicht. Schockiert stelle ich fest, dass es bereits fünf Minuten nach Mitternacht ist. Eine letzte Antwort benötige ich noch, um das Thema für diesen Abend abschließen zu können.

Nach einem kurzen Zögern frage ich Elisabeth Wolf nach ihrer heutigen Einstellung zur Mauer. Die Leitung bleibt still. Fast. Das leise Knistern und die verräterischen Hintergrundgesänge ihrer Kanarienvögel verraten mir, dass sie noch am Apparat ist. "Wie jede Geschichte hat auch diese zwei Seiten", sagt sie schließlich. "Damals konnten wir nicht alles kaufen, was wir wollten, auch wenn wir das nötige Kleingeld hatten. Heute ist das Angebot an Waren vielfältig, aber leisten kann sich das noch längst nicht jeder. Ich bin nach wie vor erleichtert, dass die Mauer gefallen ist, aber heute existieren Schranken, die wir seinerzeit nicht kannten."

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