Die unsichtbare Mauer

09.01.2009: Nicht überall war die Mauer so präsent wie in Berlin

Gisela Meyer lebt in dem kleinen beschaulichen Dorf Böddensell im Bördekreis. Sie ist heute 61 Jahre alt und erinnert sich noch klar an die für sie guten, alten Zeiten in der DDR. Die Mauer spielte in ihrer Vergangenheit kaum eine Rolle, denn sie war nicht maßgebend auf dem Lande, jedenfalls nicht in Böddensell.

Von Tina Oerlecke, 19, Studentin, Haldensleben

Ehemalige Fabrik in Sachsen-Anhalt

In der geräumigen Küche duftet es nach Advent. In der Luft hängt der weihnachtliche Geruch frischer Backwaren. Die winterliche Kälte von draußen ist in dem wohlig warmen Raum nur zu erahnen. Alles hier wirkt gemütlich und heimelig.

Die 61-jährige Gisela Meyer, die schon ihr ganzes Leben in dem kleinen Ort Böddensell lebt, sitzt an ihrem großen, weißen Esstisch. Sie hat gerade unzählige Bleche Plätzchen gemeinsam mit ihrer Tochter und ihrem Enkelkind gebacken. Das tut sie zur Weihnachtszeit immer, sagt sie. Es gehört im Dezember einfach dazu.

Schöne Zeit

Sie erinnert sich gern an die gute alte Zeit zurück, an das Leben in der DDR. "Es war eine schöne Zeit für mich", sagt sie. Gisela Meyer hat immer Arbeit gehabt, und ihre drei Kinder einen Kindergartenplatz. "Der Konsum bezahlte mich auch, als ich mich später tagsüber um meine Enkeltochter kümmern musste, weil meine Tochter studierte und ich deshalb nicht zur Arbeitsstelle gehen konnte. Nur die Prämie habe ich dann nicht bekommen", fügt sie noch schnell hinzu, denn die bekam man nur für Verkäufe.

Hektisch überlegt sie, wie sich der Arbeitsverband nannte, dem sie und ihre zwei Kolleginnen angehörten. "Sozialistisches Kollektiv!", platzt es aus ihr heraus. Das beinhaltete auch, bei Volksfesten Bier auszuschenken oder mit den Kollegen mal eine gemütliche Radtour zu machen. Einmal im Monat musste Gisela Meyer an einer Gewerkschaftsversammlung teilnehmen. Das war zu verkraften, findet sie heute.

"Wir hatten ja alles"

"Nein, darüber wurde nie gesprochen", erwidert sie ernst auf die Frage, ob die Mauer ein Thema in der Familie oder im Freundeskreis gewesen sei. "Wirklich nie!" Für Gisela Meyer hatte die Mauer keine große Bedeutung. "Man konnte eben nur nicht in den Westen, aber das war nicht so schlimm. Wir hatten hier ja alles, was wir brauchten".

Ab und zu ist die Familie aus dem kleinen Dorf im Bördekreis in den Urlaub gefahren. An der Ostsee, nach Thüringen, auf LPG-Fahrten. Diese Fahrten wurden von der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft für ausgewählte Mitarbeiter und deren Familien organisiert. Sie erzählt, dass sie durch den Konsum, die kleinen Einkaufsläden in der Deutschen Demokratischen Republik, ermäßigt in den Urlaub fahren konnte. Und dass nicht jeder die Chance erhielt, an der Ostsee die Ferien zu verbringen. "Beziehungen waren alles", erinnert sie sich.

Ihre beiden Töchter und ihr Sohn bekamen wahrscheinlich auch nur darum eine Lehrstelle, weil sie und ihr bereits verstorbener Mann "die richtigen Kontakte hatten" und nicht, weil gerade die beiden Mädchen sehr gute schulische Leistungen erbrachten. "Gute Noten waren nicht ausschlaggebend. Die richtigen Leute zu kennen, das war von großer Bedeutung."

Nicht darüber gesprochen

An Unruhen in ihrem Wohnort kann sie sich nicht erinnern. "Hier war niemand aufsässig." Dann fällt ihr ein damals Ortsansässiger ein. "Der verbrachte mal ein paar Jahre im Gefängnis. Warum, weiß ich nicht." Über so etwas sprach man eben damals nicht.

Sie wirkt kurz in Gedanken versunken und beginnt, von ihrem Onkel aus Mieste, einem Ort in der Altmark, zu berichten, der einmal äußerte, in den Westen gehen zu wollen und dafür "abgeführt" wurde. Man hatte ihn bei der Staatssicherheit verpfiffen. "Ja, in der Stasi waren damals auch viele der Böddenseller. Von den meisten weiß man das heute auch, selbst wenn sie es teilweise nicht zugeben wollen."

Für Gisela Meyer war die DDR kein Käfig. Sie lebte hier auf dem Land zufrieden und unberührt von den oppositionellen Regungen in den Städten. In Böddensell sah man keine Mauer. Sie war zwar da, aber eben nicht dort.

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