"Wir haben im Osten gut gelebt"

09.01.2009: Über Menschen, die trotz Mauer zufrieden waren

Stralsunder Werft

Es ist der Abend vor Weihnachten 1977, Schnee rieselt sanft auf die Erde und türmt sich dort meterhoch. Im Ofen glühen die schwarzen Kohlen, und es ist die Zeit für Frieda gekommen, endlich alle Schokoweihnachtsmänner und andere Süßigkeiten, die sie sich bis heute "zusammenstibitzt" hat, aus dem Bettkasten der Couch zu holen.

Von Nicole Bosse, 16 Jahre alt, Schülerin, Stralsund

Frieda ist stolz, wie viel sie dieses Jahr zusammenbekommen hat. Natürlich ist sie keine echte Verbrecherin, sie war nur eine fleißige Sammlerin und hat häufig ihre Beziehungen im Laden nebenan spielen lassen. Bis zu dreimal am Tag ging sie die Straße runter, um nachzufragen, ob die gewünschte Schokolade angekommen sei. "Noch vier Stunden", "noch zwei Stunden", hieß es immer. Am Ende hatte die Verkäuferin ihr in einer Tüte fünf Weihnachtsmänner zurückgelegt. Für jeden Sohn einen. Nun kann sie diese unter den Weihnachtsbaum stellen.

Mehr Wert

"Weihnachten war damals einfach schöner", erklärt Frieda heute. Frieda und ihr Ehemann Karl wünschen sich die Zeit zurück, in der die Läden nicht schon im September mit Weihnachtsartikeln gefüllt waren. "Wenn etwas im Überfluss vorhanden ist, ist der Mensch schnell davon übersättigt und kann es nicht mehr wertschätzen", meint Karl.

Frieda und Karl waren im "Früh und Spät", dem Lebensmittelgeschäft am Bahnhof, schon eine Art Stammkunden. Dort haben sie die Einschulungen und Jugendweihen von ihren Jungs ausrichten lassen, und dort gingen sie immer einkaufen. Doch eines störte Karl; es gab dort niemals Pflaumenmus. Er erkundigte sich bei der Verkäuferin, wieso es denn kein Pflaumenmus gäbe. Schließlich ist dies der billigste Brotaufstrich überhaupt. Eine Woche später hat sie ihm zwei Gläser unter der Theke bereitgestellt.

So liefen die Geschäfte: unter dem Ladentisch. Die Mauer in Deutschland war für viele Familien eine Schranke, die man mit guten Kontakten heimlich umgehen konnte. Die Menschen unterstützten sich gegenseitig und halfen sich, die Einschränkungen, wie zum Beispiel eine begrenzte Zahl an Lebensmitteln, zu überwinden. "Alle sollten Brüder im Geist sein", erzählt Frieda schmunzelnd. Am Ideal, dass man jeden wie einen Bruder behandeln kann, zweifelt sie heute.

Harte Arbeit

Damals arbeitet Karl im Dauerbetrieb im Stralsunder Seehafen. Vier Kolonnen gibt es. Drei davon arbeiten und eine hat frei. Es ist eine harte Arbeit, die auf die Knochen geht. Es gibt viel zu tun, deshalb wird hier sogar sonntags gearbeitet. Für Karl ganz selbstverständlich und notwendig. Aber zu seinen Aufgaben gehörten nicht nur das Be- und Entladen der Schiffe, sondern auch die Ausbildung von in der DDR sogenannten "Asozialen" zu "nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft". Als asozial wurden Menschen bezeichnet, deren Lebensweise von den geltenden Normen abwich. Arbeitslose oder Obdachlose zum Beispiel. Die Arbeiter im Seehafen sollen sie nun animieren, auch mal mit anzupacken. Karl erzählt, dass anfangs viele nutzlos in der Ecke saßen, meistens mit einer Flasche in der Hand. Sie mussten erst ausdrücklich zum Arbeiten aufgefordert werden, viele haben diese Chance in den Betrieben jedoch gut genutzt. Extrageld für diesen zusätzlichen Aufwand bekommen weder die Angestellten des Seehafens noch ihre Arbeitgeber.

"Durch diese Maßnahmen gab es auch keine Verbrecher und Obdachlosen auf der Straße, als Honecker noch das Sagen hatte", glaubt Karl. Es stimmt jedoch nicht, dass es unter dem DDR-Regime keine Wohnungsnot oder Obdachlosigkeit gab, es wurde nur nie öffentlich gemacht. Im Strafgesetzbuch der DDR stand "asoziale Lebensweise”, also auch das Leben auf der Straße, unter Strafe.

Privatsache Erziehung?

Frieda ließ ihre Kinder einst unbesorgt draußen spielen. Denn die Zeit, um ständig ein Auge auf sie zu haben, hatte sie nicht. Karl, der nach seiner Wehrzeit studierte, war oft nicht zu Hause. Nur zu großen Veranstaltungen der Schule war er immer anwesend. Beide waren sehr engagiert und im "Elternaktiv", eine Art Elternrat. Regelmäßig hat Frieda Kuchen gebacken oder im Hort auf andere Kinder aufgepasst. Von der staatlichen Erziehung in der DDR wollen sie auch heute nichts wissen. "Wie wir unsere Kinder erziehen sollten, hat uns niemand vorgeschrieben. Wir haben im Osten gut gelebt. Wir hatten alles, was wir brauchten und konnten sogar in den Urlaub fahren", erklärt Frieda. "Nach der Wende konnten wir uns das nicht mehr leisten und sind zudem auch noch arbeitslos geworden." An die Flucht in den Westen haben sie nie gedacht. Das kam gar nicht in Frage. Die Mauer war für sie kein Monster, das es zu bekämpfen galt. Karl hat lange Zeit in der Armee gedient und war sogar Mitglied in der SED.

Kontrolle

Einmal wöchentlich gab es ein Treffen der Partei, um über politische wie auch gesellschaftliche Themen zu beraten. Häufig waren auch Probleme anderer Familien ein Thema. Der Direktor der Schule, damals auch SED-Mitglied, teilte den anderen seine Sorgen über verhaltensauffällige Schüler mit. Das für eine Parteiversammlung eher ungewöhnliche Thema zeigt, wie sehr man bemüht war, das Bild der fleißigen, sozialistischen DDR-Bürger aufrecht zu erhalten.

Frieda und Karl sind immer wählen gegangen. Nicht nur, weil sie mitbestimmen wollten und Mitglied der SED waren. Sondern auch, weil sie wussten, dass ein Fernbleiben Folgen gehabt hätte. "Das haben sogar wir als 'Nicht-Eingeweihte' mitbekommen, dass diejenigen, die nicht wählen gegangen sind, notiert wurden." Alle Bürger mussten im Wahllokal ihren Ausweis vorzeigen und wurden auf einer Liste registriert. "Und wer nicht auf dieser Liste stand, musste fürchten, Besuch zu bekommen", erinnert sich Karl. Jemand, der nicht wählen ging, der Politik abgeneigt schien, geriet deshalb schnell in Verdacht, etwas im Schilde zu führen.

Dass die Mauer bestehen bleibt, daran glaubten beide. Außerdem denken Frieda und Karl heute wie früher, dass das auch besser so gewesen wäre. Mit dem Systemwechsel haben sie vieles verloren, nicht nur ihre Arbeit. Sie denken deshalb, dass die Westdeutschen Schuld an ihrer Lage sind. Auf Karl und Frieda wirkte die Wende nicht wie eine Befreiung. In ihren Augen kamen Menschen aus dem Westen, um ihnen zu erzählen, wie schlecht ihr politisches System gewesen sei, obwohl sie es nicht mit erlebt hatten.

Heute sind Karl und Frieda ein ganz normales Rentnerehepaar in Stralsund. Vielleicht nicht ganz versöhnt mit der Geschichte, aber doch zufrieden mit sich und ihrem Leben.

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