Stein für Stein in die Kontrolle

09.01.2009: Erinnerungen an den Mauerbau

Brigitte Kolbow hält die Hand ihres Mannes ganz fest, als sie spricht. Die Kerzen flackern, und die Wassergläser hinterlassen nasse Ringe auf der Tischdecke. Dies ist nicht ihr eigenes Haus, sondern das einer Bekannten. Während hier Geburtstag gefeiert wird, sprechen wir über die Grenze.

Von Annika Maslewski, 15 Jahre alt, Schülerin, Perleberg

Mauerreste in Berlin

Wir befinden uns in Lindenberg, einem Ort in Brandenburg. "Das schlimmste Bild, das ich von der Mauer habe," beginnt sie und versucht, die anderen Menschen im Raum mit ihrer kräftigen Stimme zu übertönen, "stammt aus der Zeit direkt nach dem Mauerbau. Ich besuchte damals eine Bekannte. Sie stand im Osten, und ihr 80-jähriger Vater im Westen Berlins an der Ackerstraße. Beide wussten, dass sie einander nicht wiedersehen würden. Ich sehe noch heute, wie er seinen Hut schwenkte. Ich wollte am liebsten weinen." In diesem Moment verliert die 63-Jährige die Fassung, doch sie fängt sich schnell wieder.

Brigitte Kolbow hat 1961 mit ansehen müssen, wie eine Familie auseinandergerissen wurde. Doch dies war kein Einzelfall. Viele Eltern verloren ihre Kinder. Ältere Leute fanden sich plötzlich allein wieder, obwohl ihre Angehörigen nur wenige Straßen weiter wohnten.

Schuhe und Schokolade

Die Unterschiede zwischen der sowjetischen Besatzungszone und dem Gebiet der westlichen Alliierten wuchsen immer weiter an. Die Menschen fuhren zum Einkaufen über die Grenze. "Hier gab es ja nichts", betont Brigitte Kolbow. "Die jungen Leute gingen ‚drüben’ ins Kino. Dort wurden richtige Schuhe verkauft, die nicht nur aus Stoff, sondern aus Leder bestanden, und Schokolade."

Sie schüttelt den Kopf. "Doch bald waren den Grenzern die Stichproben aus den Zügen nicht mehr genug. Man sah ja andauernd Leute, die aus der Bahn geholt und überprüft wurden, selbst meinen jetzigen Mann - mit lauter leeren Koffern in der Hand." Brigitte Kolbow lächelt, sichtlich erheitert von ihrer eigenen Geschichte. "Viele importierten Westgüter ja auch in den Osten, um sie hier an die eigene Bevölkerung oder die Russen zu verkaufen. Das durfte natürlich nicht sein. Wer erwischt wurde, wanderte für bis zu sechs Jahre ins Gefängnis. Das habe ich selber gesehen." Die Hände der Frau klammern sich um ein Glas. Sie ist bemüht, mitten im Geburtstagsgewimmel noch mehr Details aus ihrer Erinnerung zu fischen. Ihr Blick wird nachdenklich, Glas klirrt in der Küche, und sie erzählt weiter.

Ohne Grund und Boden

"Die DDR-Regierung hatte Angst, dass ihnen die Menschen weglaufen." Viele Bauern, die nicht der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) beitreten wollten, flüchteten, manchmal Tausende an einem Tag. Die Bauern, die der LPG beitraten, verloren ihren Grund und Boden. Das Land gehörte plötzlich dem Staat, und die Landwirte erhielten nur noch ein festes Einkommen, als wären sie angestellt. Dadurch wurden diejenigen, die blieben, ihrer Identität und Freiheit beraubt.

"Sicher befürchtete die Regierung, irgendwann einen leeren Staat vor sich zu haben", glaubt Brigitte Kolbow. Die Mauer sollte die Menschen davon abhalten, das Land zu verlassen.

Angst, nicht mehr nach Hause zu kommen

"Ich weiß noch genau, wie ich erfahren habe, dass die Grenzen zu sind." Brigitte Kolbow blinzelt und sieht an die Decke. "Am 13. August war ich auf der Hochzeit meiner Cousine in Premnitz. Auch viele Verwandte aus dem Westen waren gekommen. Dann erreichte uns durch den Rundfunk plötzlich die Nachricht, dass die Mauer zu sei. Unsere Verwandten hatten Angst, nicht wieder nach Hause zu kommen."

Sie erzählte, dass man am Anfang noch die Seiten wechseln konnte. Die Mauer war noch durchlässig und nicht stark bewacht. Einige Häuser standen genau auf der Grenze, und die Menschen flüchteten durch die Fenster, bis die Truppen alle Öffnungen des Hauses zumauerten. Die Anwohner mussten ausziehen, und die Häuser wurden abgerissen. "Später gab es gar keine Möglichkeit mehr, ohne Anträge aus der DDR rauszukommen.

Erhebliche Nachteile

Die 63-Jährige lächelt. "Man war sofort ein Dorn im Auge der Politik, wenn man nicht wenigstens in einer Genossenschaft war. Fast zeitgleich mit dem Bau der Mauer erhielt mein Vater ein Anschreiben, dass er sich einer Gärtnereigenossenschaft anschließen sollte. Es gab sechs Gärtner in unserem Dorf. Keiner hat seine Selbstständigkeit aufgegeben." Sie drückt wieder die Hand ihres Mannes und neigt den Kopf.

Freie Geschäftsleute hatten keine Vorteile im Sozialismus. Die DDR war ein Arbeiter- und Bauernstaat. Selbständigkeit und Kommunismus passten nicht zusammen. "Ich hätte fast kein Abitur bekommen." Die Frau schüttelt ihre dunklen Haare zurück. "Seitdem ich ganz klein war, war ich Mitglied der jungen Gemeinde, mein Vater war im Kirchenrat und auch noch selbstständig. Ich wäre nicht auf die EOS gekommen, wenn ich nicht in die FDJ, die staatliche Jugendorganisation, gegangen wäre." Sie seufzt.

"Die Mauer hat immer gestört. Man konnte nicht tun, was man konnte, man konnte nicht alles machen, was man wollte. Man konnte auch nicht sagen, was man dachte. Alles, was man je über die Mauer oder den Staat sagte, konnte ganz oben ankommen und fatale Folgen haben. Man wusste nie, wer zuhört. Die Leute trauten sich oft gar nicht, etwas gegen das Regime zu sagen."

Angst war die beherrschende Macht. Keiner wusste, was geschehen würde. Viele Familien wurden getrennt, und die Zukunft einer ganzen Generation wurde zerstört. Hunderte Menschen starben an dieser Mauer, doch seit dem 13. August 1961 starben außerdem Millionen Träume an Steinen und Stacheldraht.

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