Chronik '89

Jeden Monat bearbeiten die Reporterinnen und Reporter ein Thema, das sich auf Ereignisse des jeweiligen Monats im Jahr 1989 bezieht.

Januar '09 - "Leben mit der Mauer"
DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker versichert, die Mauer werde "in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind". Eine Mauer für die Ewigkeit - wie wurde diese Aussicht aufgenommen? War das Leben mit der Mauer selbstverständlich oder bedrückende Last? Regte sich in deinem Ort Widerstand gegen das starre DDR-System - zum Beispiel in Form von Kirchengruppen, Umweltbewegungen oder sogar offener Opposition?

Februar '09 - "Flucht mit Folgen"
Der 20-jährige Chris Gueffroy wird bei seinem Fluchtversuch an der Berliner Mauer von DDR-Grenzsoldaten angeschossen - niemand hilft ihm. Der letzte Mauertote verblutet am 6. Februar 1989 im Niemandsland zwischen Treptow und Neukölln. Selbstschussanlagen, Minen, bewaffnete Grenztruppen der DDR: Wer das Land ohne die Prozedur des Ausreiseantrags und die damit verbundenen Nachteile verlassen wollte, riskierte sein Leben. Wie gingen deine Verwandten mit diesem Thema um? Wurde über die Toten an der Mauer überhaupt geredet? Gab es in deiner Stadt DDR-Flüchtlinge?

März '09 - "Perestroika im Osten"
Bei den Wahlen zum 1. sowjetischen Volksdeputiertenkongress am 26. März gibt es erstmals die Möglichkeit, zwischen mehreren Kandidaten zu entscheiden. Zahlreiche reformorientierte Politiker werden gewählt. Die ungarische Volksrepublik beschließt, das Machtmonopol der kommunistischen Partei aufzugeben und zum Mehrparteiensystem überzugehen. Außerdem soll das Grenzsicherungssystem zu Österreich verändert werden. Ein Hauch von Perestroika weht von Osten in die DDR. Das ist revolutionär: Welches Echo findet dies in der Bevölkerung? Wie reagiert die SED-Führung kurz vor den Kommunalwahlen darauf? Werden die Ereignisse in deinem Ort überhaupt wahrgenommen?

April '09 - "Solidarnosc in Polen"
Die polnische Gewerkschaft "Solidarnosc" wird am 17. April wieder legalisiert. Auch in Polen zeichnet sich wie zuvor in der Sowjetunion und in anderen sozialistischen Bruderstaaten eine Veränderung ab - hin zu mehr Demokratie. Welche Veränderungen waren das? Wie erfahren die Bürger der DDR davon und wie beeinflusst das ihr Denken und Handeln?

Mai '09 - "Wahlbetrug in der DDR"
Bei den Kommunalwahlen am 7. Mai entfallen nach offiziellen Angaben 98,85 Prozent der Stimmen auf die Kandidaten der Einheitslisten. Vielerorts können Wahlfälschungen festgestellt und publik gemacht werden. In Leipzig demonstrieren einen Tag später mehr als 500 Menschen gegen die Manipulation der Wahlergebnisse. Die Tradition der Montagsdemonstrationen, die es in der Messestadt seit Anfang der 1980er Jahre im Zusammenhang mit der DDR-Friedensbewerbung gibt, wird gegen den innerkirchlichen und staatlichen Widerstand wieder aufgenommen. Wahlen in der DDR: Wie sahen die aus? Was, wen und wie oft konnte man wählen? Unter welchen Bedingungen? Warum sprachen viele Bürger von Wahlbetrug? Wie reagierte der Staat auf die Offenlegung der Manipulationen und auf die Proteste?

Juni '09 - "Keine Chance für die Demokratie?"
In Peking richtet das chinesische Militär am 4. Juni ein Blutbad unter Studenten an, die seit Wochen auf dem Platz des Himmlischen Friedens für mehr Demokratie demonstrieren. Die Angaben über die Zahl der Toten schwanken zwischen 2.500 und 7.000 Menschen. Dem Massaker schließt sich eine umfassende Verfolgungswelle an. In einer Stellungnahme bewertet die DDR-Volkskammer die Ereignisse in Peking als "Niederschlagung einer Konterrevolution" und zeigt Verständnis für den Einsatz des Militärs. In Peking werden Proteste für mehr Demokratie mit brutaler Härte niedergeknüppelt. Während die meisten anderen Staaten schockiert reagieren, solidarisiert sich die Regierung der DDR mit den Machthabern in China. Wie erfahren die Menschen in der DDR davon? Gibt es Proteste? Haben sie Angst?

Juli '09 - "Der Eiserne Vorhang wankt"
Der sowjetische Staats- und Parteichef Gorbatschow gesteht auf der ersten Ostblock-Gipfelkonferenz seit 1968 in Bukarest jedem sozialistischen Staat seine eigene Entwicklung zu. Damit verliert die sog. Breschnew-Doktrin vom November 1968 ihre Gültigkeit. Gorbatschow war erst im Mai vom neu geschaffenen Kongress der Volksdeputierten zum Staatspräsidenten mit besonderen Vollmachten gewählt worden. Die ersten Auswirkungen sind schon spürbar: Ende Juni 1989 werden die Grenzsperren zwischen Ungarn und Österreich beseitigt - die Kontrollen bleiben. In der DDR löst dies dennoch einen verstärkten Urlauber- und Flüchtlingsstrom nach Ungarn aus. Die UdSSR verabschiedet sich von ihren Weltherrschaftsambitionen. Der Eiserne Vorhang wird durchlässig. Überall gibt es Initiativen für mehr Entspannung im ehemaligen Ostblock - nur nicht in der DDR. Warum ist das so? Warum sehen viele ihr einziges Heil in der Flucht aus der DDR? Womit haben die DDR-Oberen das Vertrauen der Menschen verspielt?

August '09 - "Sturm auf die Botschaft"
8. August: Die Ständige Vertretung der BRD in Ost-Berlin wird wegen Überfüllung für den Besucherverkehr geschlossen. Über 130 DDR-Bürger halten sich in der Vertretung auf, um ihre Ausreise zu erzwingen. 13. August: Auch die Bonner Botschaft in Budapest muss wegen Überfüllung geschlossen werden. Von dort wollen rund 180 Bürger der DDR ausreisen. 19. August: In Sopron/Ungarn kommt es zur größten Massenflucht von Bürgern der DDR seit dem Mauerbau. 22. August: Die Botschaft der Bundesrepublik in Prag wird wegen Überfüllung geschlossen. Rund 140 DDR-Bürger wollen von dort aus in den Westen übersiedeln. 24. August: In Budapest erhalten 108 Bürger der DDR, die sich in der Botschaft der Bundesrepublik aufhalten, durch die ungarische Regierung als einmalige humanitäre Aktion die Ausreiseerlaubnis in den Westen. Eine Flüchtlingswelle nie geahnten Ausmaßes bricht sich Bahnen. Viele nutzen die Gunst der Stunde und kehren ihrem Land den Rücken. Was geht in den Menschen vor?

September '09 - "Die Opposition erstarkt"
In Leipzig findet die erste sog. Montagsdemonstration des Jahres 1989 statt. Sie geht auf die politisch ausgerichteten "Montagsgebete" der DDR-Friedensbewegung zurück. Die Menschen fordern Reisefreiheit und die Abschaffung des Ministeriums für Staatssicherheit. Auf dem Berliner Alexanderplatz wird erneut gegen die Wahlfälschungen vom 7. Mai protestiert. DDR-Sicherheitskräfte unterbinden die Aktion und nehmen etwa 80 Personen vorübergehend fest. Im Laufe des Monats gründen sich das "Neue Forum" und "Demokratie Jetzt". Ein hohes persönliches Risiko: Keiner weiß, wie die Staatsmacht darauf reagieren wird. Aber: Die Proteste zeigen Wirkung. Die Opposition erstarkt und hat großen Rückhalt in der Bevölkerung. Wie lange kann sich die Regierung dem Wunsch ihrer Bürger nach Veränderung noch entziehen? Wer wird da aktiv? Was löst diese Welle der Gründung von Organisationen und Parteien aus? Worüber wird untereinander diskutiert?

Oktober '09 - "Wir sind das Volk!"
Der 40. Jahrestag der DDR-Gründung wird mit Militärparaden und Aufmärschen gefeiert. Aber hinter der Fassade brodelt es: Seit September waren mehr als 30.000 DDR-Bürger über Ungarn in den Westen gelangt. Zu Hause - in der DDR - setzen 70.000 Leipziger den Ruf "Wir sind das Volk" durch. Auf der 9. Tagung des Zentralkomitees (ZK) der SED wird Erich Honecker "auf eigenen Wunsch" von allen Ämtern entbunden. Egon Krenz wird neuer SED-Generalsekretär. Er räumt ein, dass die SED in den letzten Monaten die reale Lage verkannt habe. Nun sei aber die "Wende eingeleitet". Die Volkskammer wählt Krenz zum Staatsratsvorsitzenden und zum Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates. Damit sind wiederum die höchsten Ämter der DDR in einer Person vereinigt. Die Bilder aus den Botschaften von Prag, Warschau und Budapest gehen um die Welt. Für alle ist offensichtlich - diese Menschen sehen keine Zukunft mehr in ihrer Heimat. Dort bewegt sich jedoch zumindest an der Spitze etwas: Aber haben die Menschen noch Vertrauen in die Reformfähigkeit und den Reformwillen der Partei? Wie schätzen sie Egon Krenz ein?

November '09 - Grenzenlos
Auf einer vom Fernsehen direkt übertragenen internationalen Pressekonferenz verliest das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski am 9. November um 18.57 Uhr beiläufig einen Beschluss des Ministerrates: "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt." Auf eine Nachfrage erklärt Schabowski, das trete nach seiner Kenntnis "sofort, unverzüglich" in Kraft. Daraufhin drängen noch am selben Abend Tausende von Ost-Berlinern nach West-Berlin. Kurz vor Mitternacht öffnen sich die ersten Schlagbäume an der Mauer. Viele Menschen sind völlig überrascht, als sich am 9. November die Grenzen öffnen und können es nicht glauben. "Wahnsinn" ist das Wort der Stunde, denn niemand kann fassen, was da passiert. Welche Geschichten spielen sich ab? Wie erleben die Menschen damals diese Tage? Wo erreicht sie die Nachricht vom Fall der Mauer? Sind deine Eltern und Bekannten selbst zu einem Grenzübergang gefahren? Und bleibt bei all der Freude noch Raum für Gedanken an die Zukunft der DDR?

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