Beethoven in der Nacht

25.06.2009: Gefechtsalarm am Strand von Kühlungsborn

Die Nachtschicht beginnt an der DDR-Seegrenze. Insgesamt 65 Grenztürme entlang der Ostseeküste suchen mit riesigen Scheinwerfern die Strände ab. Die Grenzsoldaten halten Ausschau nach Flüchtlingen oder Spuren, die diese hinterlassen haben könnten. Und heute werden sie fündig: Am Strand von Kühlungsborn sind Luftmatratzenspuren im Sand zu erkennen.

Strand bei Kühlungsborn

Von Nicole Bosse, 16 Jahre alt, Schülerin, Stralsund

Hat hier jemand versucht, auf einer Luftmatratze über die Grenze zu paddeln? Sofort wird Gefechtsalarm ausgelöst, naheliegende Grenzschiffe werden kontaktiert.

Torsten Jesse summt ein paar Töne vor sich her. Einen Sekundenbruchteil muss er überlegen, doch die Sirene des Gefechtsalarms ist tief in seinem Gedächtnis eingespeichert. "Dreimal kurz, einmal lang. So wie Beethovens 9. Sinfonie", erklärt er.

Von der Dusche in den Maschinenraum

Vier Jahre lang war er Unteroffizier auf dem Grenzschiff "Vitte". Beim Ausruf des Gefechtsalarms musste die ganze Besatzung sofort auf ihren Posten. In möglichst kurzer Zeit sollte das Schiff fahr- und gefechtsbereit sein. Torstens Aufgabe war es, alle Maschinen klarzumachen. Egal, ob er gerade geschlafen, gegessen oder in der Dusche gestanden hatte, sobald Beethovens Sinfonie ertönte, musste Torsten sich sofort in den Maschinenraum begeben.

Das Grenzschiff "Vitte" sucht den ganzen Seebereich rund um Kühlungsborn ab. Es ist niemand zu finden. Mal wieder nur ein falscher Alarm. Trotzdem geben die "diensteifrigen" Kommandanten nicht auf. Bei dem nächsten noch so kleinen Hinweis werden sie wieder Gefechtsalarm auslösen.

Drohgebärden

"Unser Kapitän und der Kommandant waren so gierig, endlich einen Flüchtling zu fangen", berichtet Torsten. "Meiner Meinung nach arbeitet unser damaliger Kapitän heute immer noch bei der Küstenschutzwache." Torsten selbst wollte eigentlich nie zum Grenzschutz, sondern zur Handelsmarine. Seine Bewerbung wurde aufgrund seiner Westverwandtschaft abgelehnt. Daraufhin wurde er einfach dem Grenzwehrdienst zugeteilt. Eine freie Berufswahl gab es in der DDR nicht.

Während seiner Wehrdienstzeit bemerkte Torsten, dass das Grenzregime sehr rigoros auftrat. Oft passierte es, dass ein Fischerboot aus dem Westen sich verfuhr und die Grenzen der DDR überschritt. Dann wurde es von der "Vitte" abgeschleppt - wenn nicht der Bundesgrenzschutz der BRD auftauchte. Dann begannen die Drohungen über die Funkgeräte: "Verlassen Sie sofort die DDR!" - "Wenn Sie das Fischerboot nicht passieren lassen, eröffnen wir das Feuer." Die Fischer selbst fragen ängstlich: "Werden die auch auf uns schießen?"- Eine Antwort in der Nacht: "Nein, das dürfen die gar nicht!".

Solche Wortwechsel hörte Torsten immer wieder. Er war froh, als er die Marine 1988 verlassen durfte. Er vertraute ihr nicht und sie ihm nicht. Torsten fühlte sich ständig überwacht. "Mir kam es so vor, als würde jeder zweite auf der ‚Vitte’ für die Stasi tätig sein. Eines Morgens bin ich in den Aufenthaltsraum gekommen und habe mit einem "Guten Morgen, deutsche Unteroffiziere’ gegrüßt. Am Nachmittag musste ich dazu im Büro des Kommandanten Stellung nehmen."

Verdächtig

Torstens Angst vor der Staatssicherheit war durchaus begründet. Besonders in Grenzgebieten gab es eine hohe Zahl an Beamten, die geplante Fluchtversuche aufdecken sollten. Eine provokative Aussage reichte da meistens schon, um sich verdächtig zu machen. Doch warum hat Torsten wegen der Bezeichnung "deutsche Unteroffiziere" solch einen Ärger bekommen?

"Das Wort ‚deutsch’ wurde damals nicht gerne gehört. Du durftest auch nicht sagen Ost- oder Westdeutschland, sondern das eine war die DDR, das andere die BRD."

Seit Torstens Marinezeit sind 20 Jahre vergangen. In seinem Gedächtnis bleiben jedoch viele Erinnerungen erhalten. Manchmal träumt er sogar von Erlebnissen und Bekannten dieser Zeit. Wenn irgendwo Beethovens 9. Sinfonie gespielt wird, denkt Torsten bis heute nicht an eines der populärsten Werke klassischer Musik, sondern an die Sirene auf dem Grenzschiff "Vitte".

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