"Über Tote an der Mauer hat man nicht gesprochen"

26.03.2009: Unmenschlichkeit an der Grenze

Ein klarer, kalter Februarmorgen lässt Gerhards Haare zu Berge stehen. Es sind nicht nur die frostigen Temperaturen die den kleinen, stämmigen Rentner frösteln lassen, sondern auch die Geschehnisse der Vergangenheit, die den Mann bis heute zeichnen.

Grenzsoldat hinter einem Loch in der Mauer

Von Julian Oberth, 18 Jahre alt, Elmenhorst (MV)

Die DDR sicherte ihre Grenzen mit 50.000 Grenztruppen. Gerhard König ist einer dieser Männer, die die DDR und ihre Bewohner vor dem Einfluss des "faschistischen Feindes" aus dem Westen bewahren sollten. Diesen "heroischen" Auftrag im Namen des Volks empfindet Gerhard König als eine Demütigung und Beugung vor dem System der DDR.

Gerhard König ist bis zu diesem Zeitpunkt nie angeeckt. Niemals, auch nicht in der Oberschule, wird er auffällig. Hier und da beschwert er sich über den Mangel an Waren in den Kaufhäusern der DDR. Dennoch erlebt er "eine glückliche, sorgenfreie Kindheit und Jugend". "Ich war jung und verliebt", sagt er mit einem Lächeln in den Augen. Seine heutige Frau Ursula lernt er in Schule kennen. Diese Liebe dauert bis heute an. Das Rentnerehepaar erzählt mit großer Begeisterung von seinen romantischen Abenteuern. Aber sobald es um das System geht, in dem sie ihre Liebe gelebt haben, sieht es anders aus.

Stilles Schweigen

"Über Tote an der Mauer hat man nicht gesprochen", meint Gerhard, während seine Frau nickend zustimmt. "Man hörte immer wieder einmal von Fluchtversuchen, aber über Tote bewahrte man Stillschweigen", erläutert Ursula. Als Gerhard 21 Jahre alt ist, wird er, wie so viele seines Jahrgangs, Grenzsoldat. Die Wehrpflicht in der DDR sagt dem jungen Absolventen nicht zu. Aber eine Verweigerung des Dienstes an der Waffe hätte alle Chancen auf einen Arbeits- beziehungsweise Studienplatz vernichtet. Daher entscheidet er sich widerwillig zum Dienst. Anfangs hält der angehende Student den Grenzdienst für "reine Zeitverschwendung", da er weiß, dass niemand aus dem Westen in die DDR hätte flüchten wollen. Später wird ihm klar, dass es vor allem darum ging, Flüchtlinge aus der DDR aufzuhalten.

"Damals lebte ich noch mit Ursula in Berlin", erklärt Gerhard König. Heute hat sich das Paar in der Nähe von Rostock in einem Einfamilienhaus niedergelassen. "Wir haben die Ostsee schon immer geliebt. Dieses Rauschen des Meeres lässt einen in neue Welten eintauchen" flüstert Ursula mit einem Blick aus dem Fenster.

Dramatik einer Nacht

"Als ich meinen Dienst als Grenzsoldat begann, wurde ich angewiesen, auf Flüchtlinge zu achten und sie notfalls mit Waffengebrauch an der Flucht zu hindern", unterbricht Gerhard seine Frau. Der junge König ist zwar kein überzeugter Christ, dennoch betet er täglich, dass er niemals seine Waffe benutzen muss. Eines Nachts im Februar drehen König und sein Begleiter routinemäßig "eine Runde". Die beiden jungen Männer unterhalten sich über Frauen und ihre Pläne für die Zukunft. Plötzlich hört Gerhard König ein ungewöhnliches Geräusch. Sein Begleiter bemerkt es anfangs nicht, und Gerhard atmet auf. Er will unter keinen Umständen von seiner Waffe Gebrauch machen. Aber das Geräusch wiederholt sich und sein Begleiter dreht sich mit finsterer Mine um. Die Taschenlampen der beiden Grenzsoldaten leuchten in das Gesicht eines kleinen Jungen.

Später erfährt Gerhard, dass die Mutter die Tür offen gelassen hatte und der Knirps Schlafwandler gewesen war. Dieses Ereignis geht Gerhard, trotz des guten Endes, nicht aus dem Kopf. "Was, wenn es kein kleiner Junge gewesen wäre?", fragt sich der Rentner immer wieder. Auch seine sonst sehr lebhafte Frau hat diese Geschichte zutiefst bewegt.

Der alte Herr versucht, wie so viele andere auch, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und nach vorne zu gucken. Nun blickt er voller Sehnsucht in die Weiten des wilden Meeres und versucht an andere, schöne Dinge des Lebens zu denken. Er will niemals mehr zwischen zwei Grenzen stehen.

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