Scheitern, um stark zu werden

13.03.2009: Widerstand statt Flucht

Es wird etwas passieren, dessen ist sich Michael sicher. Der 20-Jährige spürt, dass der Staat sich gegen sein eigenes Volk wappnet. Er selbst will als Grundwehrdienstleistender bei der Bereitschaftspolizei kein Teil dieses Gewaltapparates sein - und plant schließlich sogar das Unmögliche: seine Flucht nach West-Berlin. Und obwohl er den Weg in den Westen nicht zu Ende geht, ist er doch nicht gescheitert. Michael findet den Mut, in der DDR zu bleiben und das System zu kritisieren, indem er sich ihm schließlich verweigert.

Von Katarina Jesse, 22 Jahre alt, Studentin in Berlin

"Feindesland"

Februar 1989, Michael ist zerrissen. Seit November 1988 muss er seinen Grundwehrdienst ableisten - dabei hält er sich doch für einen Pazifisten. Er sieht keinen Sinn im Dienst an der Waffe, überhaupt ist ihm das Militärische zuwider. Er glaubt schon lange nicht mehr "an den ganzen Quatsch, dass die Kapitalisten die Bösen und wir im Sozialismus die Guten seien, dass die NATO einen 3. Weltkrieg vorbereite und sich der Sozialismus gegen seine Feinde mit Waffengewalt verteidigen müsse".

Aber in der DDR gibt es keinen zivilen Ersatzdienst. Von der einzigen legalen Alternative, den Grundwehrdienst ohne Waffe als sogenannter "Bausoldat" zu absolvieren, ist kaum etwas in der Öffentlichkeit bekannt. "Das entsprechende Gesetz war nicht ohne Weiteres zugänglich", sagt Michael heute. "Wer nicht über die richtigen Kontakte verfügte, zum Beispiel in Kirchenkreisen, war juristisch völlig unberaten. In der Schule war das Thema 'Bausoldat' tabu, und wer doch danach fragte oder darauf hinwies, wurde sogleich als 'Feind des Sozialismus' abgestempelt."

"Genosse Jugendfreund" weigert sich

"Ich wusste vom Hörensagen, dass der Dienst bei den 'Bausoldaten' womöglich das Ende aller Karrierepläne bedeutet hätte und dort die Schikane besonders groß war", erinnert sich Michael an seine Situation vor 20 Jahren. "Man hätte seine religiösen oder Gewissensgründe in einer sehr repressiven Prozedur vor dem Staat glaubhaft machen müssen." Die Angst vor Repressionen, mehr noch aber, weil er im Dienst bei den "Bausoldaten" keine echte Alternative sah, halten Michael von einem solchen Schritt ab. Als er während seiner Abiturzeit gemustert wurde, hatte er seinen Studienplatz noch nicht sicher in der Tasche.

Immerhin war es ihm gelungen, tatsächlich nur den Grundwehrdienst von 18 Monate ableisten zu müssen. Von Abiturienten, also der künftigen Elite des Arbeiter- und Bauernstaates, wurde eigentlich eine Verpflichtung für 3 Jahre erwartet. Und so wurde Michael auch im Wehrkreiskommando begrüßt: "Wir freuen uns, dass Sie sich für den dreijährigen Ehrendienst entschieden haben, Genosse Jugendfreund!" Das war eine Lüge. Vermutlich hatte ein Lehrer seiner Oberschule, der für die vormilitärische Ausbildung der Schüler verantwortlich war und dem Wehrkreiskommando Meldung zu erstatten hatte, einfach die Zahlen der "Drei-Jährigen" unter den Schülern beschönigt.

Beim Wehrkreiskommando wurde er genötigt, eine Erklärung zu schreiben, warum er die Frechheit besäße, nur 18 Monate seinem "Vaterland" dienen zu wollen, ob er es nicht für nötig halte, für den Sozialismus persönliche Opfer zu bringen. Michael nahm allen Mut zusammen und beharrte auf das Minimum der Grundpflicht, wie es im Wehrdienstgesetz festgeschrieben war.

Daumen raus als Polizist

Den Grundwehrdienst leisten die jungen Männer in der DDR nicht nur bei der Nationalen Volksarmee oder den Grenztruppen ab, auch zur Feuerwehr oder zum Dienst bei der Staatssicherheit oder den Kasernierten Einheiten der Volkspolizei können sie einberufen werden. Michael landet bei der Bereitschaftspolizei in Stralsund. "Wenn ich Kurzurlaub hatte und nach Hause trampte, hielten die Autos sofort an", erzählt er. "Aufgrund meiner Uniform hielten mich die Leute für einen Polizisten. Das war zwar nützlich, um schnell mitgenommen zu werden, doch mir war das peinlich, die Autofahrer immer so erschrocken zu sehen. Wir Grundwehrdienstleistende durften unsere Zivilklamotten ja erst im Heimatort anziehen."

Das dümmste aller Spiele

Während der Wehrdienstzeit werden Michaels Zweifel immer größer. Er leidet darunter, nicht den Mut zu haben, total zu verweigern. Das hätte ihn für längere Zeit ins Gefängnis gebracht. Immer wieder fragt er sich, ob er richtig handelt. Hätte er sich doch für die Bausoldaten entscheiden sollen? Selbst dann wäre er Bestandteil des Systems gewesen, hätte unter der Befehlsgewalt der Armee gestanden. "Während die anderen schießen, grabe ich Schützenmulden oder sortiere die Munition: Ist das besser?", hat er sich damals gefragt.

Bei den Kasernierten Einheiten der Bereitschaftspolizei ist er Teil einer Nachrichteneinheit. Während der Übungen trägt er eine Kabeltrommel auf dem Rücken, damit Telefonkabel übers Feld verlegt werden können. "Wir haben Krieg auf dem Niveau des 1. Weltkriegs gespielt", sagt er. "Völlig absurd - angesichts der nuklearen Konfrontation zwischen den Großmächten!" Michael schüttelt den Kopf. "Beim Militär wird man gezwungen, das dümmste aller Spiele zu spielen. Und alle haben mitgemacht."

Erwartung der Katastrophe

Aber dann ändert sich das Spiel plötzlich. Im Zentrum der Ausbildung steht nun der Polizeidienst. Wasserwerfer, Schlagstöcke, Helme, Schilde - plötzlich geht es um den Einsatz auf der Straße: Demonstranten abdrängen, einkesseln, überwältigen, zuführen. Der Befehl heißt: "Schlagstock frei! - Schlagstock Einsatz!" Michael, der aufmerksam das politische Geschehen verfolgt, spürt, dass sich die Situation in der DDR zuspitzt. Er ist sich gewiss, dass die Regierung nicht davor zurückschrecken wird, Waffengewalt gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen. Und er weiß: Wenn er jetzt weiter mitmacht, ist er nichts weiter als ein stumpfes, brutales Instrument gegen mutige Menschen, auf deren Seite er doch eigentlich steht.

Tag um Tag wächst die Angst, aber es wächst auch der Frust. Frust auf die DDR, auf die Situation, Frust auf die Duckmäuser, von denen es viel zu viele gibt. Ist Michael selbst einer? Gedanken, das Land zu verlassen, spielen jetzt immer öfter eine Rolle. "Jedes Hierbleiben wurde von der Obrigkeit als Zusage an das Land missbraucht. Eine der radikalsten Möglichkeiten der Kritik an der DDR war deshalb die Flucht", erinnert er sich. Es ist die letzte Konsequenz einer langen Qual mit sich, mit dem Staat. Michael will sich nicht länger missbrauchen lassen.

Entscheidung zur "Republikflucht"

Während eines Wochenendurlaubs fährt er nach Ostberlin. Im Gepäck hat er seine Geburtsurkunde, sein Abiturzeugnis, die Bibel, Gedichte von Rilke, Geld und eine Zahnbürste. Niemandem hat er etwas gesagt, bereits Planung und Mitwissen bei "Republikflucht" steht in der DDR unter Strafe. In Berlin rennt er verzweifelt durch die Straßen, es wird Nacht, und Michael ist immer noch unterwegs. Ihm wird die Ausweglosigkeit seines Unterfangens bewusst. Was riskiert er da eigentlich?

Im Morgengrauen versteckt er sich in einem Hausflur und beobachtet von dort die Straße, in der sich die Ständige Vertretung der BRD befindet. Je länger er dort hockt, desto mehr begreift er, dass er keine Chance haben wird, dort hineinzukommen. Staatssicherheit und Volkspolizei haben ihn vielleicht schon bemerkt...

Biermann tröstet

Michael kehrt um. Es heult nur so aus ihm raus, er kommt sich feige vor, jedoch ohne Schuld. Er fühlt sich verloren, gedemütigt. Hat er sein Gewissen verraten? Bei einem Freund im Prenzlauer Berg findet er Unterschlupf. Kurz vor dem Einschlafen kommen ihm die Zeilen eines Liedes von Wolf Biermann in den Sinn.

"Du, lass dich nicht verbittern / in dieser bitteren Zeit / Die Herrschenden erzittern / Sitzt du erst hinter Gittern / doch nicht vor deinem Leid."

Diese Zeilen trösten. War er wirklich bereit gewesen, in einem fremden Land zu leben oder ins Gefängnis zu gehen? Oder ist er mutig und ehrlich genug, um hier in der DDR das zu tun, was ihm sein Gewissen zuspricht? Michaels Erfahrungen in Berlin rütteln etwas ihm wach. Er fährt zurück nach Stralsund, tritt seinen Dienst wieder an - aber er wird in den nächsten Wochen und Monaten seinen Mund aufmachen und Kritik nicht nur heimlich denken, sondern offen aussprechen: dort, wo es ihn betrifft, wo er nur sich zu verantworten hat.

Neue Kraft

Anfang September 1989 schließlich ist er mit sich einig und bereit: Er wird eines Morgens zivil auf der Dienststelle erscheinen und seinen Dienst verweigern. Die Angst vor den Konsequenzen - Repressalien, Gefängnis, Stigmatisierung - ist von ihm abgefallen. Er wundert sich selbst, wie leicht es ihm plötzlich fällt. Und er ist froh: Wenige Tage später gehen Staatssicherheits- und Polizeikräfte brutal gegen Demonstranten in Leipzig und Dresden vor. Auch Einheiten der Bereitschaftspolizei kommen zum Einsatz - ohne ihn.

Berlin war für Michael keine Niederlage. Es war der Auslöser, um ganz langsam über sich hinauszuwachsen. "Wen sein Gewissen quält, der muss sich dieser Qual stellen", sagt Michael heute. "Denn nur, wer im Einklang mit seinem Gewissen lebt, ist wirklich frei. Das ist eine Reifeprozess, der manchmal sehr lange dauern kann. Man muss es aber immer wieder neu versuchen."

  • Seite bei Twitter teilen
  • Seite bei Facebook teilen
  • Seite bei Google bookmarken
  • Seite bei Live bookmarken